Rolling Stone Weekender 2015 – Konzertreview

Rolling Stone Weekender 2015 – Konzertreview

Stilistische Vielfalt beim siebten Rolling Stone-Weekender am 06. und 07.11. 2015

Text und Fotos von Gérard Otremba

Das erste Ausrufezeichen beim diesjährigen Rolling Stone-Weekender-Festival setzt die Band Alabama Shakes. Die vielköpfige Formation aus Athens, Alabama, um die die stimmgewaltige Brittany Howard, bringt das Publikum zu Primetime in der Zeltbühne mächtig in Wallung. Die Mischung aus Blues, Rock, Soul, R&B und Southern Rock sorgt bei den Besuchern völlig zu Recht für ausgelassene Stimmung, es groovt und pulsiert, dass es eine wahre Freude ist. Brittany Howards Stimme changiert zwischen Rockgewalt und Blue Eyed Soul, zwischen Aretha Franklin und Al Green. Beeindruckend.

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Arkells

Aus zeitlichen Gründen ist vorher nur ein kurzer Besuch bei Arkells möglich gewesen, die das Festival am Freitag in der Zeltbühne eröffneten. Das kanadische Quintett um Sänger Max Kerman legte ein solides bis ausgelassenes Rock-Pop-Konzert hin, das immerhin so unterschiedliche Coverversion wie „I Am Trying To Break Your Heart“ von Wilco und „Young Turks“ von Rod Stewart bereithielt. Unterhaltsam.

John Southworth

Die veranstaltende Redaktion vom Rolling Stone wählte Niagara von John Southworth zum Album des Jahres 2014. Obwohl die Platte und den Künstler nicht wirklich kennend, war die Lobpreisung von Kollege Arne Willander auf eben jenes Album Anlass genug, den Auftritt des kanadischen Songwriters im Baltic Saal zu besuchen. Mit seinen Musikern an Gitarre, Bass und Schlagzeug (Southworth selbst spielt ebenfalls Gitarre sowie Keyboard) offeriert der Songwriter einen sanften und erhabenen Pop-Noir. Southworths Händchen für feine Melodien offenbart sich deutlich, wirken diese während des Konzertes aber teilweise düster und bedrohlich wie einige der schönsten Nick Cave-Songs. Man sollte sich mit John Southworth eingehender beschäftigen.

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Steve Earle & The Dukes

Nach den Alabama Shakes fällt die Entscheidung, nicht die Location für The Thurston Moore Band zu wechseln, sondern mit Bandmusik von Creedance Clearwater Revival auf Steve Earle & The Dukes im Zelt zu warten. Nun, bessere Überbrückungsmusik hätte man kaum geboten bekommen können. Das Warten lohnt sich, der Country-Rock, Bluegrass, Blues, Folk und Rock des 60-jährigen Steve Earle und seiner Begleitband elektrisiert, Kontrabass, Geige und Mandoline bringen frischen Wind ins Zelt. Steve Earle ist ein Romantiker, ein Crooner und ein Rocker, dem man mehr Beachtung schenken sollte.

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Built To Spill

Anschließend kurzer Besuch wieder im Baltic Saal, wo die Band Built To Spill die Bühne betritt. Mit zwei Gitarren, Bass und Drums prescht die amerikanische Indie-Rock-Formation von Beginn an vorwärts und lässt kein Auge trocken. Schrammelrock mit Stil und fetten Gitarrenriffs, wütend und energiegeladen.

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Element Of Crime

Den ersten Veranstaltungstag beendet dann im Zelt Element Of Crime. Bereits 2010 waren die Elements beim Weekender zu Gast, und das ist ja auch schön, dass Sven Regener und seine Jungs nochmal beim Festival an der Ostsee auftreten, da pilgert man natürlich gerne sofort wieder hin, so eine alte Liebe muss man hegen und pflegen , existiert sie doch immerhin schon seit 21 Jahren. Auf der Setlist des 90-minütigen Auftritts stehen neben einigen Songs des letztjährigen Albums Lieblingsfarben und Tiere (u.a. der Titelsong, „Liebe ist kälter als der Tod“, „Immer so weiter“, „Wenn der Wolf schläft müssen alle Schafe ruhen“, „Dieselben Stern“) mit „Der Mann vor Gericht“ und „Ein Hotdog unten am Hafen“ live selten gehörte Songs. Bandklassiker wie „Draußen hinterm Fenster““, „Michaela sagt“, „Weißes Papier“, „Delmenhorst“, „Vier Stunden vor Elbe“ und „Alten Resten eine Chance“ sind dabei, andere nicht, aber wen wundert es, in der 30-jährigen Bandgeschichte sind schließlich viele, tja, sehr viele Element Of Crime-Klassiker entstanden. Ein sehr lakonischer Auftritt der Berliner Chef-Melancholiker.

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Thees Uhlmann

Sven Regener kennt das schon. Sänger und Texter einer mittelbekannten Kultband und plötzlich berühmter Kultautor. Thees Uhlmann ist auf dem besten Weg dorthin. Alle, die am Samstagnachmittag seine Lesung im Witthüs verfolgen, sind spätestens jetzt Fans des Rockmusikers, der mit Sophia, der Tod und ich vor wenigen Wochen seinen Debütroman veröffentlichte. Es ist eine denkwürdige Performance, die Uhlmann abliefert, eine Rampensau im besten Sinne des Wortes auch als Vorleser. Kein Wunder, dass er es ich nicht entgehen ließ, auch das Hörbuch zu seinem Roman selbst einzulesen. Und Respekt, die anschließende Signierstunde dauert gut drei Stunden, denn Thees Uhlmann ist ein guter und zugänglicher Mensch. Und ein neuer Kultautor.

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Mercury Rev

Mit Musik geht es hernach im Zelt bei Mercury Rev weiter. Die Combo um Frontmann Jonathan Donahue ist fast völlig in Vergessenheit geraten, nach sieben Jahren ohne neue Platte erinnern sich nur die Eingeweihten. Der Indie-Psychedelic-Dream-Pop-Rock von Mercury Rev, mal experimentell, mal lieblich, explodiert immer wieder in bombastische Gefilde, schwebt ansonsten aber in verträumter Opulenz über uns hinfort. Pomp und Theatralik gehören bei Mercury Rev dazu. Mit „Holes“, „Opus 40“, „Endlessly“ und „Goddess On A Hiway“ gibt es vier Stücke des wundervollen Werkes Deserter’s Songs von 1998 zu hören, beseelt und schwerelos.

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Ron Sexsmith

Die hohe Kunst des Songwritings gibt es immer dann zu bewundern, wenn Ron Sexsmith auftritt. So auch beim RS-Weekender. Auf Solo-Tour durch England und Deutschland befand sich der kanadische Musiker und beschließt diese mit seinem Gig im Baltic Saal. Die Harmonie- und Melodiesüchtigkeit dieses Mannes wird auch in auf die akustische Gitarre reduzierter Form deutlich, ein Romantiker durch und durch, dessen Songs vom neuen, ganz und gar wunderprächtigen Album Carousel One, wie „Saint Bernard“ oder „Getaway Car“ auf alte Bekannte wie „Imaginary Friends“, „Whatever It Takes“ und „Former Glory“ treffen. Ein großer akustischer Schmaus.

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Olli Schulz

In dieser Abendzeit überschlagen sich die Ereignisse beim Weekender. Schnell noch kleiner Sprung ins Zelt zu Olli Schulz, der sich als ein cooler Entertainer präsentiert, der die Kommunikation mit dem Publikum liebt, über sein geliebte Heimatstadt Hamburg aus durchaus nachvollziehbaren Gründen wettert, den Weissenhäuser Strand kurz mal im Osten der Republik verortet und ziemlich witzige und pointierte Songs wie „Rückspiegel“, „Spielerfrau“, „Phase“ und „Als Musik noch richtig groß war“ spielt. Noch so ein Musiker, dem zu wenig Aufmerksamkeit zu Teil wird.

 

Father John Misty

Doch die Zeit drängt und schon geht es wieder im Baltic Saal weiter. Dort gibt Father John Misty, aka Josh Tillman, den Crooner, der Rocker und den legeren Gentleman, der mit I Love You, Honeybear ein nachhaltiges Album dieses Jahr herausgebracht hat. Mit dem Titelsong beginnt das Konzert, Josh Tillman tanzt, kniet darnieder, wuselt umher, ist nicht zu bändigen und hängt sich als Sänger wie ein Berserker ins Zeug. Die Musik ist schlichtweg klasse, Grandezza-Pop mit Coolness und Finesse.

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Chadwick Stokes

Kurz vor dem Finale ein paar Minuten mit Chadwick Stokes in der Alm. Nachdenkliche und aufwühlende Folk-Musik, die an Simon & Garfunkel erinnert. Den Namen bitte vormerken.

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Of Monsters And Men

Als Headliner treten am zweiten Tag Of Monsters And Men im Zelt auf. Es ist der vielleicht mainstreamigste Hauptact des seit 2009 ausgeführten Festivals, aber der überschwängliche Folk-Pop des isländischen Ensembles verursacht aber auch große Euphorie. Mit Pauken und Trompeten posaunen sie ihren gefälligen Hymnen-Pop, aber kann man sich dem Charme von „Little Talks“ entziehen? Nicht so wirklich, oder?

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Und wem das nun doch zu viel Brimborium ist, der reist nächstes Jahr zum Rolling Stone-Weekender, denn dann ist dort die beste aktuelle Rockband der Welt zum dritten Mal nach 2009 und 2011 zu bestaunen. Und wie heißt die beste aktuelle Rockband der Welt? Genau, Wilco. Wer fährt mit?

Kommentare

  • <cite class="fn">gerhard</cite>

    Steve Earle und Thurston Moore zur gleichen Zeit, das ist mehr als unfair…..
    Schöner Bericht, viele Grüße,
    Gerhard

    • <cite class="fn">Gérard Otremba</cite>

      Ja, ich hätte natürlich auch 20 Minuten Thurston Moore sehen können, wurde mir dann aber doch zu stressig. Insgesamt aber mal wieder eine wirklich gute Veranstaltung, nachdem ich die letzten beide Jahre pausierte. Und nächstes Jahr Wilco! Viele Grüße, Gérard

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