Rolling Stone Weekender 2011 am Weissenhäuser Strand

Rolling Stone Weekender 2011 am Weissenhäuser Strand

Wilco als absolutes Festival-Highlight

von Gérard Otremba

Die fast 4000 Besucher des Rolling Stone Weekenders haben viel zu tun. Fast 30 musikalische oder literarische Verköstigungen warten an zwei Tagen auf vier Bühnen verteilt. Die Entscheidung ist nicht immer einfach: Wählt man im Vorfeld einzelne Acts aus und schaut sich diese komplett an, oder betreibt man Stage-Hopping und versucht, so viele Eindrücke wie möglich zu sammeln? Oder beides?

The Notwist und Death Cab For Cutie beim Rolling Stone Weekender

Der Beginn am Freitag auf der großen Zeltbühne ist The Notwist vorbehalten. Die Weilheimer Band fackelt nicht lange und präsentiert dem Publikum die gewohnte Mischung aus Art- und Indie-Rock-Pop. Manchmal übertreiben es die Jungs mit den elektronischen Spielereien und die Songs arten im akrobatischen Gefrickel aus. Eine gepflegt-dramatische Lethargie macht sich breit, die mit dem Auftritt von Death Cab For Cutie eine Art Aufwallung erfährt. Deren Indie-Rock ist zweifellos schön anzuhören, doch je länger man genau das tut, desto klarer wird einem das Epigonentum zur artverwandten Band Placebo bewusst. Da kann sich ein aufgekratzter und hippeliger Frontmann Ben Gibbons noch so winden, der Vergleich mir Brian Molko liegt schon in seiner Stimme begründet.

Die Fleet Foxes und die Lehre der reinen Natur

Aus ganz anderem Holz geschnitzt ist die Musik der Fleet Foxes. Die diesjährige Waldschrat-Fraktion beim Rolling Stone Weekender bringt den Musikfreunden die Lehre der reinen Natur bei. Die dreistimmigen Chorgesänge sowie Gitarren, Mandolinen und Flöten jubilieren, dass es eine wahre Pracht ist. Direkt aus dem Wald auf die Zeltbühne, läuten der wortkarge (das scheint die Regel bei bärtigen Waldschraten zu sein) Robin Pecknold und seine Band die kalte Jahreszeit ein. Doch die Musik der Fleet Foxes erwärmt die Herzen, denn jeder Akkord, jede Melodie und jede Harmonie ist durchdrungen von Liebe, Geist und Trost. Und geht die Euphorie von „The Shrine/An Argument“ noch im selben Stück in schrägen Free-Jazz-Tönen unter, egal, denn wer „Your Protector“, „White Winter Hymnal“ und „Ragged Wood“ aufeinander folgen lässt, weiß von der spirituellen Kraft dieser Songs und wer sie hört, wird erfüllt von Glücksgefühlen. Zum Abschluss spielen die Fleet Foxes noch den genialen „Helplessness Blues“ wie er schöner nicht sein könnte und entpuppen sich als die ungekrönten Gewinner des Festivals.

Wilco präsentieren sich als Idealbesetzung für den Rolling Stone Weekender

Zu gewinnen haben Wilco eigentlich nicht mehr viel, sind sie doch längst auf dem Musik-Olymp angekommen. Zu verlieren auch nicht, dafür erschuf Jeff Tweedy schon zu viel Gutes in seiner Karriere. So feiern Wilco ihre Heimkehr zum Weissenhäuser Strand. Bereits 2009 begeisterten sie das Publikum während der ersten Ausgabe des Rolling Stone Weekenders, auf einem in der Zwischenzeit zur Perfektion getrimmten musikalischen Level, ohne die Spielfreude und Lebendigkeit ihrer Auftritte zu vernachlässigen. Die nun seit gut fünf Jahren in gleicher Besetzung auftretende Band aus Chicago beherrscht das ganze musikalische Rock-Pop-Spektrum: den sanften Folk-Pop von „One Sunday Morning“, die progressiven Dekonstruktionen von „Poor Places“, „Art Of Almost“, „I’m Trying To Brake Your Heart“ und „Bull Black Nova“, den Teilzeitlärm von „Via Chicago“, die vorwärtstreibenden Rock’n’Roller „I‘ll Might“, „Born Alone“, „Whole Love“ und „Dawned On Me“, den euphorischen und unwiderstehlichen Pop von „One Wing“, „Hummingbird“ und „Heavy Metal Drummer“, und alles in einem bei „Impossible Germany“, „Handshake Drugs“, „War On War“ und „A Shot In The Arm“. 90 Minuten Rock’n’Roll für die Ewigkeit. Eigentlich müssten Wilco jedes Jahr beim Rolling Stone Weekender auftreten, eine perfektere Band für dieses Festival wird es kaum geben.

Archive, Susanne Sundfor und Cake beim Rolling Stone Weekender

Der zweite Festivaltag hält für fast jeden Geschmack etwas parat. Die englische Formation Archive präsentiert düsteren Rock, dessen Pathos in Larmoyanz ertränkt wird, Rap-Einlage inklusive. Die Norwegerin Susanne Sundfor steht auf der kleinen Bühne des Witthüs-Raums vor ihrem E-Piano und entführt die Gäste mit ihrer entrückten, ätherischen Stimme in andere Dimensionen. Überaus nordisch und überaus magisch dieser Elfen-Sirenengesang, platziert irgendwo zwischen Anna Ternheim und Stina Nordenstam. In der Zwischenzeit treibt John McCrea auf der Zeltbühne sein Unwesen. Mit seiner Band Cake kam der skurrile Kauz aus Kalifornien Mitte der 90er Jahren mal mit seiner Coverversion von Gloria Gaynors Disco-Hit „I Will Survive“ zu kleinem Ruhm. Mit Mariachi-Trompete, Walzer-Cowboy-Schunkel-Seligkeit, Funk, Pop und Rock läßt McCrea diverse Stilelemente in seine Kompositionen einfließen und bringt Witz und Humor an den Weissenhäuser Strand.

Die Howling Bells, Nada Surf, Amy LaVere, Heather Nova und Elbow

Auf den Spuren von PJ Harvey und Chrissie Hynde wandelt Juanita Stein. Mit ihrem Bruder Joel sowie Brendon Picchio und Glenn Moule tritt sie auf der Rondell-Bühne unter dem Namen Howling Bells auf. Hier gibt es geradlinigen Indie-Rock-Pop mit einigen zutiefst einschmeichelnden Melodien zu hören. Sehr erfrischend, der Gig der Howling Bells. Zurück im Zelt, sind dort bereits Nada Surf mitten in ihrem Set. Doch da deren perlender Gitarren-Brit-Pop nicht über den Nettigkeitsstatuts hinwegkommt, zieht es einen weiter ins Witthüs, wo sich mittlerweile Amy LaVere eingefunden hat. Der Frau am Kontrabass mit der manchmal etwas gewöhnungsbedürftigen Kleinmädchenstimme gelingt ein ganz vorzüglicher Mix aus Blues, Folk, Pop und Country. Unterstützt von einer Geigerin, einem Gitarristen und einem Schlagzeuger, covert sie sogar ein Stück von Captain Beefheart und gibt ihrem Auftritt das gewisse Etwas. Im Baltic Saal sucht dagegen Heather Nova nach dem Zauber von früher. Ihr attraktives Äußeres und ihre bezaubernde Stimme sind zweifellos noch vorhanden, aber den neueren Songs fehlt irgendwie die Tiefe aus den „Oyster“-Tagen, Mitte der 90er. So plätschert das Konzert von Heather Nova in seichten Gefilden, während im Zelt Elbow aus Manchester zum Abschluß Melodien für Millionen präsentieren und demnächst wohl bei „Wetten dass“ auftreten werden.

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