Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt

Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt

 

Sven Regeners  fulminante Fortsetzung von „Herr Lehmann“ mit dessen Kumpel Karl Schmidt in der Hauptrolle

„Herr Lehmann“ hieß 2001 das sensationelle Romandebut von Sven Regener, vorher einigen bereits als Sänger, Texter und Trompeter der Berliner Band Element Of Crime bekannt. Fürderhin gelang Regener mit der überaus witzigen und charmanten, 1989 spielenden Lebensabschnittsgeschichte des in Berlin ansässigen Bierzapfers Frank „Frankie“ Lehmann ein kommerzieller Überraschungserfolg, abgesegnet vom damals noch amtierenden „Literarischen Quartett“, unter der Gesprächsführung von Marcel Reich-Ranicki. 2005 folgte mit „Neue Vahr Süd“ die opulente Darstellung von Frank Lehmanns Bremer WG- und Bundeswehrzeit knapp zehn Jahre zuvor. Das fehlende Mittelteil „Der kleine Bruder“ schloss die Frank Lehmann-Trilogie 2009 dann ab. Abgesehen von den Element Of Crime-Logbüchern „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“, hält sich der 1961 in Bremen geborene Sven  Regner an einen Vier-Jahres-Roman-Veröffentlichungszeitraum. Wie der Titel es verrät, lässt Regener mit Karl Schmidt einen guten alten Kumpel Frank Lehmanns wieder auferstehen. Der exzentrische Künstler Karl Schmidt, der am Tag des  Mauerfalls einen Nervenzusammenbruch erleidet, lebt nun, Mitte der 90 er Jahre (als die Handys laufen lernten, ob ihrer Größe noch „Knochen“ genannt wurden, die wenigsten eines besitzten und die meisten der Gebrauch einfach nur nervte) und nach dem Besuch der Nervenheilanstalt Hamburg-Ochsenzoll, im Clean Cut 1, einer drogentherapeutischen Wohngemeinschaft in Hamburg-Altona.

Beim Verzehr des Eisbechers „Monteverdi“ im Eiscafé „La Romantica“, in eben Altona, begegnet Karl „Charlie“ Schmidt“ seinem Ex-Kumpel Raimund, mit dem er in den 80ern in der Band Glitterschnitter spielte. Zusammen mit dem weiteren Ex-Bandmitglied Ferdi ist Raimund in der Zwischenzeit durch das Techno-Label BummBumm Records zu finanzieller Unabhängigkeit gelangt. Gemeinsam mit einigen Label-Acts stellen die beiden eine unter dem Motto „Magical Mystery“ laufende Tour auf die Beine, in der sie den Rave der 90er mit dem Hippiegeist der 60er vereinen möchten. Und da analog zu den Sixties alle Beteiligten auf dieser Tour ständig irgendwie stoned sein werden, suchen Raimund und Ferdi noch eine Person, die auf jeden Fall nüchtern bleiben muss, um den Tourwagen zu fahren. Auf der einen Seite eine Versuchung, auf der anderen eine willkommene Möglichkeit, nach einigen Jahren der Versenkung wieder an einem anderen Leben teilzunehmen, nimmt Karl das Angebot des Tourbusfahrers an.

Ähnlich wie bei der Magical Mystery-Tour der Beatles, ein Running Gag, auf den Sven Regener natürlich nicht verzichten kann, läuft dann auf dieser Tournee zwischen Berlin, Köln, München, Hamburg, Schrankenhusen-Borstel und Essen wahrlich nicht alles so rund wie erhofft. So muss „Charlie“ Schmidt den Karren häufiger als ihm lieb ist aus dem Dreck holen, der sich zu einer „Wagenladung verpeilter Raver, die von einem Halbirren gefahren“ werden, wie es Sigi, eine der Teilnehmerinnen an der großen Sause, formuliert, entwickelt. Als „Adventisten der guten Laune“ wird die Truppe sarkastisch ebenfalls getauft. „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ ist ein Sven Regener-Roman wie wir ihn von „Herr Lehmann“ kennen. Frech, schräg, komisch, skurril und vom Autor mit liebevoll skizzierten Personen bevölkert.

Wer damals in die Gedankenwelt des Herrn Lehmann eintauchte weiß, dass diese sich schon mal über zwei, drei Seiten ziehen kann. Hier sind es die Gedanken des Karl Schmidt, mindestens genauso faszinierend. Die Raver-Szene in einem Atemzug mit der Flower-Power-Generation zu nennen ist zwar nichts Neues (bereits Kommune 1-Oberguru Rainer Langhans sah in den Techno-Freaks seine natürlichen Erben), doch mehr als BummBumm-Musik (im Roman ein ständiges Synonym für den Techno) hatten die Sixties zweifellos zu bieten, beim Drogenkonsum jedoch gibt es große, zeitübergreifende Gemeinsamkeiten. Und im Verbreiten von Spaß, Freude und easy living sicherlich auch. Damit verbindet die Raver und die Hippies das, was „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ ausmacht: Die pure Freude am Lesen des Romans. Schön, dass es die Karl Schmidts und Frank Lehmanns dieser Welt noch gibt.

Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt, Galiani Verlag Berlin, Hardcover, 978-3-86971-073-0, 22,99 €    

Kommentare

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    Ich finde es ja nur immer verwunderlich, dass die Leute ein so albernes und überholtes Wort wie „fulminant“ im Zusammenhang mit Literatur so gerne übernehmen. Sonst aber eine sehr schöne Rezension (not to say: fulminant!).

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