Tocotronic: Die Unendlichkeit – Albumreview

Tocotronic: Die Unendlichkeit – Albumreview

Tocotronic stoßen in eine neue Dimension vor

Tocotronic ist längst die wandlungsfähigste deutsche Rock-Band. Nach der nerdigen Underground-Anfangsphase in den 90er-Jahren, fanden Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller, Schlagzeuger Arne Zank und der zu Beginn des Jahrtausends eingestiegene Keyboarder und Gitarrist Rick McPhail nach und nach die großen Melodien und komplexeren Arrangements und schenkten ihrer eigenen Bandvita sowie der deutschsprachigen Popkultur einen denkwürdigen Anspruch, der schnell in ermüdende Diskurse mündete. Aber dafür können Tocotronic ja nichts.

Klang das in Berlin und Hamburg beheimatete Quartett auf der vorletzten Platte Wir wie leben wollen teilweise fast schon wie Element Of Crime, brillierte es zuletzt auf dem „roten Album“ mit lupenreinem Pop. Wandte sich Dirk von Lowtzow textlich auf Wie wir leben wollen den Facetten der Körperlichkeit zu, sang er im „roten Album“ ein Hohelied auf die Liebe. Die Unendlichkeit, das zwölfte Tocotronic-Album seit 1995, ist ein Konzeptalbum, das die eigene Biografie erzählt und musikalisch viele Haken schlägt. Mit dem gewaltigen Titeltrack beginnt die neue Platte, die Tocos heben ab auf einen kosmischen Trip, der Sound klingt verhallt und hypnotisch, spacig, voluminös und bedrohlich, die Reise in die (Un)Endlichkeit ist mit vielen Gefahren und Störgeräuschen verbunden.

Nach dieser Donnerschlag-Geburt folgt die Kindheitserinnerung in „Tapfer und grausam“. Eine Art verzerrtes Wiegenlied mit sanfter Schunkel-Seligkeit und von nebelhafter Schönheit. Den Übergang in die Pubertät fängt Dirk von Lowtzow, der in der schwäbischen Provinz aufwuchs, in „Electric Guitar“ auf. Dort ist von „Teenage Riot im Reihenhaus“ und der „Manic Depression im Elternhaus“ die Rede, die „Electric Guitar“ schwirrt als einziger Trost, als bester Freund durch den Text des countryesken und federnden Indie-Pop-Tracks. Gegen den „Kleinstadthorizont“, in dem Andersartigkeit kleinen Platz hat, giftet von Lowtzow in „Hey Du“, dem kürzesten und wildesten Song des Albums. Schneidig, aber trunken von harmonischer Melodik galoppiert „Ich lebe in einem wilden Wirbel“, in dem von Lowtzow die Liebe entdeckt („und mein Herz öffnet sich, voller Liebe für dich“).

Die „Ausfahrt aus der Hölle, aus der Schwarzwaldhölle“ eröffnet sich dem Tocotronic-Dichter „1993“ mit dem Umzug nach Hamburg, der lang ersehnte Ausbruch, der persönliche Neuanfang, das alte Ich in wüster Art in der „Diaspora“ zurücklassend. Aber der versöhnliche Ton steht schon parat, denn der Weg zurück in die Heimat zu einer im Sterben liegenden Person, gerät in „Unwiederbringlich“ feierlich, kindlich verspielt und hoffnungsfroh, staatstragend und arty zugleich. Manchmal ist der Tod anderer vonnöten, um mit der eigenen Vergangenheit abzuschließen und sich der Zukunft zuwenden zu können.

Zu den schönsten Songs auf Die Unendlichkeit gehört das unaufdringliche und melancholische „Bis uns das Licht vertreibt“, wo Dirk von Lowtzow uns mal wieder mit feinster Pop-Poesie verwöhnt („Komm zu mir, wo ich wohne ist bekannt / Komm zu mir, ich starre Löcher in die Wand / Komm zu mir, ich leg‘ den Kopf in deine Hand / In der Stunde die uns bleibt, bis uns das Licht vertreibt“). Majestätisch dann das traurig-tröstende „Ausgerechnet du hast mich gerettet“, auf Gitarre und Gesang reduziert das liebevolle „Ich würd’s dir sagen“. In dunkel-orchestralen Opulenz suhlt sich das größenwahnsinnige „Mein Morgen“, der Morgen erstrahlt im weißen Licht, die Fahrt, die mit „Die Unendlichkeit“ begann, ist noch nicht vorbei, „auf diesem Planeten hält uns nichts mehr“ und die Freiheit ist nahe.

Eine Riesenkomposition, einem apokalyptischen Untergang mit Pomp entgegenstrebend. Tod und Wiedergeburt. Der wehmütige, mit Grandezza und artifiziellen Wilco-Gitarren untermalte Nachklapp „Alles was ich immer wollte war alles“ beschließt dieses, einen vor Demut auf die Knie sinken lassendes Album. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Mit „Die Unendlichkeit“, ihrem nächsten großen Wurf, stoßen Tocotronic in eine neue Dimension vor. Tocotronic wollten immer alles, wir haben alles von ihnen bekommen.

„Die Unendlichkeit“ von Tocotronic erscheint am 26.01.2018 bei Universal Music (Beitragsbild: Tocotronic by Michael Petersohn).

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