Bob Dylan: The Bootleg Series Vol. 10 – Another Self Portrait (1969-1971)

Bob Dylan: The Bootleg Series Vol. 10 – Another Self Portrait (1969-1971)

Neue Schätze aus dem Bob Dylan-Fundus

von Gérard Otremba

In Bob Dylans Oeuvre zählen die Alben Self Portrait und New Morning allerhöchstens zu den mittelmäßigen Entwürfen des Genies aus Minnesota. Kein standhafter Vergleich mit den Großtaten der 60er Jahre, des goldenen Zeitalters des Rock-Pop, von den Folkklassikern The Freewheelin‘ Bob Dylan, The Times They Are A-Changin‘ und Another Side Of Bob Dylan, über die Rockmonolithen Subterranean Homesick Blues, Highway 61 Revisited und Blonde On Blonde, bis zur Einkehr von John Wesley Harding, mit Abstrichen noch Nashville Skyline. Beim ersten Hören erwies sich Self Portrait als zerrissen und sperrig, die CD verstaubte bald im ständig wachsenden Bob Dylan-Regal.

Auch zu New Morning fand ich nicht den schnellen Zugang. Die Platte rückte dann erst Ende der 90er Jahre wieder in den Fokus der Dylan-Wahrnehmung, als die Cohen-Brüder für den Kult-Film The Big Lebowski Dylans Song „The Man In Me“ gleich zweimal verwendeten. Da saß ich im Kino und wusste partout nicht, auf welcher Platte jener Song zu finden war. Ich hatte schlichtweg keine genauen Erinnerungen mehr an New Morning. So verhieß die Ankündigung zu The Bootleg Series Vol. 10 – Another Self Portrait (1969-1971) zunächst nichts Gutes für mich. Ausgerechnet seine wenig ergiebige Zwischenphase, fuhr es mir leidlich durch den Kopf. Dabei gab es an der Bootleg Series bis dato wahrlich nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Die Reihe entpuppte sich als wahre Schatzgrube an alternativen und unveröffentlichten Takes. Und genauso verhält es sich mit Another Self Portrait. Die Doppel-CD zeigt einen besonnenen, ruhenden, konzentrierten Bob Dylan, der mit diesen Aufnahmen den skelettierten, aber intimen und warmen Sound der American Recordings von Johnny Cash und dessen Produzenten Rick Rubin, die Mitte der 90er erschienen sind, fast 25 Jahre früher vorwegnahm. Die Konstellation Bob Dylan an Gitarre und Gesang sowie David Bromberg an der Gitarre, immer wieder durch Al Kooper am Piano verstärkt, ist sehr häufig auf Another Self Portrait zu finden. Songs, die zutiefst unter die Haut gehen, egal ob es Dylan-Eigenkompositionen sind, wie das Demo von „Went To See The Gypsy“ und „Wigwam“, oder neuarrangierte Traditionals und anderes Fremdmaterial wie „Pretty Saro“, „Spanish Is The Loving Tongue“, „Thirsty Boots“, „These Hands“, „House Carpenter“ oder „Tattle O’Day“.

Bob Dylan ganz in seinem Element des Folksängers, des Troubadours, des Minnesängers, unglaublich präsent in Gesang und Spiel. Daneben wirken die zwei hier versammelten Live-Aufnahmen von „I’ll Be Your Baby Tonight“ und „Highway 61 Revisited“ aus den gar seltenen Konzerten dieser Periode mit The Band fast schon deplatziert. Jedenfalls ergreifen sie mich nicht wie die puristischen und unveröffentlichten oder alternativen Aufnahmen. Außerdem gibt es noch aus der Basement Tapes-Phase mit The Band den Song „Minstrel Boy“ zu hören und Musikgrößen wie George Harrison, der Drummer Russ Kunkel sowie Gitarrist Ben Keith veredeln Lieder wie „Time Passes Slowly“, „Wallflower“ und „Working On A Guru“. Ähnlich wie die Vorgänger, bietet The Bootleg Series Vol. 10 – Another Self Portrait (1969-1971) jede Menge interessanten Bob Dylan-Stoff und diverse, gar famose Aufnahmen. Die Gemeinde freut sich auf Vol. 11.

The Bootleg Series Vol. 10 – Another Self Portrait (1969-1971) ist am 23.08.2013 bei Sony Music erschienen.

               

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