Morrissey: I Am Not A Dog On A Chain

Morrissey: I Am Not A Dog On A Chain

Ein okayes Morrissey-Album mit einer Handvoll guter Songs

So geht es das manchmal. Vom Indie-Helden zum Lautsprecher nur schwer verdaulicher Ansichten. Morrisseys Einlassungen zu politischen Themen stießen altgediente Fans mindestens vor den Kopf und fanden eher Anhang im Wutbürgertum. Seine Verdienste für die Musikgeschichte in den 80er-Jahren als charismatischer Sänger der Smiths und später mit einigen Soloplatten bleiben indes unbestritten. 2014 kämpfte Steven Patrick Morrissey auf „World Peace Is None Of Your Business“ noch für eine bessere Welt, sechs Jahre später bleibt leidlich viel Zynismus zurück.

Der Zyniker Morrissey

Morrissey I Am Not A Dog On A Chain Cover BMG

Den wirft er uns bereits im Opener „Jim Jim Falls“ vor die Füße, wenn er zum Suizid rät („If you’re gonna kill yourself, in God’s sake, just kill yourself“). Im Titeltrack „I Am Not A Dog On A Chain“ bezeichnet Morrissey Tageszeitungen, die er erst gar nicht lese, als „trouble-makers“, sich selbst als zu clever, um sich wie ein Hund an der Kette führen zu lassen, schließlich benutze er sein eigenes Hirn. In „Knockabout World“ fühlt sich der 60-Jährige dann konsequenterweise als Opfer finsterer Mächte („Congratulations, you have survived / Congratulations, you’re still alive / They kicked to kill you, do not forget /  They tried to turn you into a public target / Welcome to this knoackabout world“). Aber da ist natürlich auch noch dieser großartige Sänger Morrissey, der Crooner, der Herzen zum Erweichen bringt.

Der Crooner

Und das kann er immer noch vorzüglich, ob im Titeltrack oder im abschließenden, sehr sehnsüchtigen „My Hurling Days Are Gone“. Und wenn in „Darling, I Hug A Pillow“ die Fanfarenbläser erklingen und im, bei Sounds & Books bereits als Song des Tages vorgestellten „Bobby, Don’t You Think They Know?“ Soul-Sängerin Thelma Houston schmettert, sind wir Morrisseys Songs spätestens erlegen. Nicht allen, aber einigen. Definitiv noch dem herrlichen Gitarrenpop von „What Kind Of People Live In These Houses?“. Insgesamt bleibt „I Am Not Your Dog On A Chain“ jedoch ein okayes Album mit einer Handvoll guter Songs, das die Klasse von Morrisseys letzter wirklich überragender Platte „You Are The Quarry“ (2004) zwar nicht erreicht, aber das erwartet man wahrscheinlich gar nicht mehr.

„I Am Not Your Dog On A Chain“ von Morrissey erscheint am 20.03.2020 bei BMG. (Beitragsbild: Pressefoto)         

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