Nick Cave & The Bad Seeds live in Hamburg 2017 – Konzertreview

Nick Cave & The Bad Seeds live in Hamburg 2017 – Konzertreview

 

Nick Cave als Beschwörer, Magier, Trostsucher und Trostspender

Nach einer Stunde und 50 Minuten verlässt Nick Cave unter tosendem Applaus die Bühne der Hamburger Sporthalle, während die Bad Seeds das majestätische und sterbensschöne „Skeleton Tree“, den Titelsong von Caves letztem Album, noch einige Takte weiterspielen. Fast alle Songs des aktuellen Albums stehen auf der Setlist der diesjährigen Tour und man muss schon verdammt gute Nerven besitzen, um all die schmerzhaften Lieder, die um den tragischen Tod von Caves Sohn kreisen, zu verkraften.

Da sind „Anthrocene“, „Jesus Alone“ und „Magneto“, die den Anfang des Konzerts am 09.10.217 in Hamburg bilden, bereits eine stattliche Hürde, doch das unendlich traurige „Girl In Amber“, das direkt auf „Into My Arms“, das am Ende auf Geheiß des Predigers vom Publikum intoniert wird, folgt und das anschließende, berückende „I Need You“ lassen deutliche Narben im Seelenheil des Zuhörers zurück. Dass das Konzert trotzdem zu keiner trostlosen Trauerstunde mutiert, sorgt beispielsweise der infernalische Viererpack aus einem monströsen „Higgs Boson Blues“, einer gefühlt zehnminütigen Berserker-Version von „From Her To Eternity“, einem entfesseltem „Tupelo“ sowie ein „Jubilee Street“, das in ein vortreffliches, gar bombastisches Finale Grande mündet. Dieser Part des Gigs erinnerte schwer an den irren Live-Auftritt von Nick Cave und seinen Bad Seeds von vor vier Jahren an gleicher Stelle.

Der nunmehr 60-jährige Nick Cave geht von Beginn an in seiner Rolle des pastoralen Rockstars auf. Er ist Trostsucher und Trostspender, Beschwörer und Magier. Er tigert wie gewohnt auf der Bühne, gestikuliert und kommuniziert mit dem Publikum und hat seine Jünger stets unter Kontrolle, die Bad Seeds indes geben die Stoiker im Hintergrund. Caves Beschwörungsrituale erfahren den Höhepunkt im Verlauf von „The Weeping Song“, der ersten von drei Zugaben, wenn Cave das Bad in der Menge sucht und seine Fans abwechselnd um Ruhe bittet und zum rhythmischen Klatschen animiert. Auf dem Weg zurück zur Bühne sammelt Nick Cave noch geschwind bereitwillige, zumeist weibliche Fans auf, die die abschließenden Songs, das wilde Fanal „Stagger Lee“ und das traumhaft schöne „Push The Sky Away“ unter der Anleitung des Meisters an dessen Seite verbringen.

Vorher jedoch erleben die Besucher diesen zutiefst berührenden Moment bei „Distant Sky“, wenn die eingespielte Stimme von Sopranistin Else Torp erklingt und Warren Ellis seiner Geige die depressivsten Töne entlockt. Sie erleben die tiefe Romantik von „The Ship Song“, sie erleben ein fieses „Red Right Hand“ und eine Höllenfahrt mit „The Mercy Seat“. Sie erleben eines der besten Konzerte des Jahres, das nach zwei Stunden und zwanzig Minuten endet. Und jeder der Anwesenden wird keine Minute bereut haben.

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