Sebastian Barry: Tausend Monde – Roman

Sebastian Barry: Tausend Monde – Roman

Sebastian Barry beschreibt die ganze Schönheit und Brutalität des Menschseins

Die Erzählung der jungen Lakoto endet wie der letzte Schluck einer Tasse heißen Kakaos. Am Grund liegt der Satz, der am glücklichsten macht; dickflüssig und süß, während das ganze Getränk bereits ein Genuss war. “Dass ich Menschen hatte, die mich liebten, Menschen, die über mich wachten, hielt ich für eine ausgemachte Wahrheit”, heißt es und hierin zeigt sich die ganze  Weite des schrecklich-schönen Menschseins und Sebastian Barrys poetische Stärke. Der irische Autor gibt der Hauptprotagonistin Winona, die eigentlich Ojinjintka heißt, eine Stimme und in der Ich-Perspektive führt sie die Leser*innen auf der Suche nach einem Mörder durch ihr junges Leben und  die ebenso jungen Vereinigten Staaten von Amerika. 

Die drei Leben der Ich-Erzählerin

Sebastian Barry Tausend Monde Cover Steidl Verlag

Winona/Ojinjintka ist zwar noch nicht alt, hat aber schon mehrere Leben geführt. Das erste begann bei ihrem Stamm den Lakato und wurde von Unionssoldaten bei blutigen Schlachten zerstört. Im zweiten Leben wächst sie teils in einer Kaserne, teils bei den zwei Soldaten Thomas und John sowie bei einem alten Afroamerikaner auf, der sich um sie kümmert, wenn die Soldaten im Bürgerkrieg kämpfen. Diese Geschichte wird in dem 2018 auf Deutsch erschienenen Roman “Tage ohne Ende” ausführlich erzählt und sollte ebenfalls unbedingt gelesen werden. Das dritte Leben führt Winona/Ojinjintka in den 1870er Jahren im Henry County, Tennessee, mit Thomas, John, einem gemeinsamen Freund und zwei ehemaligen Sklaven auf einer Farm. Sie sind arm und in dem jungen Staat so wenig wert, dass es kein juristisches Verbrechen ist, einen schwarzen Menschen oder eine Lakato zu schlagen oder gar zu töten. 

Das Überleben einer Patchworkfamilie

Was Winona/Ojinjintka und ihre Patchworkfamilie zusammenhält, ist die Liebe. Und manchmal finden sie die Liebe da, wo sie nun gerade nicht vermutet wird, wo sie im Verborgenen um so strahlender scheinen kann.  Allen Beteiligten begegnet unglaublich viel Gewalt, die sie alle irgendwie, manchmal nur gerade so, aber immer miteinander überleben. Und sie alle sind verstrickt in Schuld und Schweigen. Um dieses Schweigen zu lösen, muss Winona/Ojinjintka herausfinden, was mit dem getöteten Jas Jonski und mit ihr passiert ist.

Sie muss sich erinnern. Und dort hinein in diese Suche und das Erinnern webt Barry wie im Vorgängerroman “Tage ohne Ende” ganz unaufgeregt und poetisch stark die Liebesgeschichte zwischen Winona/Ojinjintka und Peg. Für die Zärtlichkeit, mit der Barry diese Liebe beschreibt, möchte man den irischen Schriftsteller aus Dublin einmal dankbar umarmen. Denn es spielt bei ihm nie eine große Rolle, wer wen liebt, so wie es eigentlich nie eine Rolle spielen sollte, sondern nur, dass geliebt wird.

Sebastian Barry zeigt die USA als ein zerrissenes Land

Am Ende des Romans ahnen die Leser*innen, wie es zugegangen sein muss in dem zerrissenen, jungen Land, das gerade einen Bürgerkrieg überstanden hatte und so viele unterschiedliche Lebensvorstellung in aller Vehemenz unter einen nationalen Hut zwängen wollte. Es zeigt, wie alt manche Kämpfe sind, die in den USA 150 Jahre später noch immer geführt werden. Ein Roman, der durch historische Einsicht, soziale Weitsicht und ein großes Verständnis für die Liebe geradezu prädestiniert ist, im Jahr 2020 gelesen zu werden.  

Sebastian Barry: “Tausend Monde”, Steidl, Hardcover, 256 Seiten, übersetzt von Hans-Christian Oeser, 978-3-95829-755-3, 24 Euro (Beitragsbild: Buchcover)

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