Georg M. Oswald: Vorleben – Roman

Georg M. Oswald: Vorleben – Roman

Ohne Präteritum kein Präsens – oder, anders formuliert: Niemand, der kein „Vorleben“ hat. Und manchmal belastet das, oder auch nur die Spekulation darüber, die Gegenwart mehr, als für eine Zukunft gut sein kann.

Mag die Bedienung in der mit Abstand weltbesten Lieblingsbäckerei auch noch so dufte sein, spielt deren Vergangenheit für die Kundschaft in der Regel doch keine oder allenfalls eine untergeordnete Rolle. Sieht in einer Partnerschaft natürlich anders aus. Dort spielt das Vorleben aller an der Beziehung Beteiligten für selbige eine besondere Rolle. Denn man will ja schon gern um das Vorher der Person wissen (mit der man vielleicht schon das Jetzt teilt), um sich überhaupt, sollte einem daran gelegen sein, ein gemeinsames Nachher vorstellen zu können. Selbst, wenn man nicht in die Zukunft denkt: Zurück denkt man meist doch. Überlegt sich, wer eine Rolle im Leben des Gegenübers gespielt haben könnte. Und welche. Und wie lang. Und warum. (Seltener: Und warum nicht.) Und wie weiter. Und so weiter.

Misstrauen versus Ignoranz – ein Abwägungskonflikt

Dahingehendes Interesse ist durchaus üblich – Wege, dieses zu befriedigen, zuweilen verschieden. Bewährte Methoden: Nachfragen, Zuhören, Beobachten, Vertrauen oder eben nicht. Manche quittieren ein „oder eben nicht“ schlicht mit einem „Dann eben nicht.“ Heißt, sich damit abfinden und bleiben oder sich damit abfinden und trennen. Es gibt aber auch jene, die sich selbst um Informationsgewinn bemühen, wenn sie das Gefühl haben, ihnen würde etwas von Relevanz verschwiegen. Georg M. Oswald Vorleben Cover Piper Verlag
Einen solchen Verdacht hegt auch Sophia, Protagonistin des neuen Romans von Georg M. Oswald. Für sie, den journalistischen Nachwuchsstar auf absteigendem Ast, eröffnet sich die große Chance: Sie soll für das Staatliche Symphonieorchester München das Programmheft konzipieren und die Musiker*innen bei ihren Proben und Konzertreisen begleiten. Als aus der Affäre mit dem gefeierten Cellisten Daniel eine Liebesbeziehung wird und Sophia in dessen Wohnung im Glockenbachviertel zieht, braucht sie ein neues Projekt. Sie beginnt, einen Roman zu schreiben, und stößt auf beunruhigende Informationen aus Daniels Vergangenheit. Wenn sie ihrem Verdacht folgt, gefährdet sie ihre Beziehung. Wenn sie ihm nicht folgt wahrscheinlich auch. Denn bekanntermaßen hat Ignoranz ja, ebenso wie Misstrauen, durchaus beziehungsbeendendes Potenzial. Nun wäre Ansprechen und Nachfragen eine Möglichkeit, mithilfe der erhofften Antworten dem Misstrauen etwas entgegenzusetzen. Georg M. Oswald lässt seine Protagonistin sich jedoch für eine andere Vorgehensweise entscheiden. Eine, die etwas mehr Spannungspotenzial verspricht.

Ein Vorleben, das Krimi sein könnte

Auch, wenn es sich bei „Vorleben“ explizit nicht um einen Krimi handelt, den Georg M. Oswald als Rechtsanwalt sicher zu schreiben wüsste, liest sich der Roman, zumindest zum Schluss hin, wie einer. Könnte natürlich auch ein Erfahrungsbericht sein. Der Unterschied wäre nahezu derselbe. Was der Roman definitiv auch ist, ist eine Art Reiseführer durch das Münchner Nachtleben der Achtzigerjahre im Glockenbachviertel. 1963 selbst in München geboren und seither dort lebend, verfügt Georg M. Oswald da über entsprechende Expertise, weswegen „Vorleben“, wie die Münchner Abendzeitung unlängst feststellte, „auch von Einheimischen ohne Fremdscham gelesen werden kann.“

Wer sich also für München interessiert oder dafür, wie man eine Beziehung beeindruckend vor die Wand fährt, dem sei zu „Vorleben“ geraten. Wenn das der Anspruch war, dann ist er durchaus erfüllt. Darüber hinaus? Das Element Spannung wird zu spät und dann auch zu abrupt ein- und wieder ausgesetzt, weswegen das Buch eben allenfalls streckenweise spannend ist und nicht „atemberaubend“, wie auf dem Umschlag angepriesen. Und auch für die weiteren Prädikate „raffiniert“ und „virtuos“, die der Verlag für „Vorleben“ fand, fehlt es zuweilen an … nun ja … Raffinesse und Virtuosität. Insbesondere Sophia ist über lange Zeit relativ flach, eher naiv erzählt, als dass ihre plötzliche Intensität und Entschlossenheit glaubwürdig wirkten. Und auch Cellist Daniel spielt eher in Sophias Recherchen eine Rolle, denn als tatsächlich stattfindende Figur im Roman. Also solange, bis er dann plötzlich doch eine spielt. Aber da ist das Buch fast schon zu Ende. So umfangreich ist es ja nicht. So folgenreich auch nicht. Gelesen und gut. Zeit für das nächste.

Georg M. Oswald: „Vorleben“, Piper Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten, ISBN: 978-3-492-05567-3, 22 € (Beitragsbild: Georg M. Oswald Foto: Peter von Felbert / Piper Verlag)

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