Saša Stanišić: Herkunft

Saša Stanišić: Herkunft

Saša Stanišić auf den Spuren seiner Wurzeln

Der in Jugoslawien geborene und in Hamburg lebende Saša Stanišić hat mit zwei Romanen und einem Erzählband sowohl Publikum als auch Kritiker überzeugt. Sein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ stand 2006 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgestattete Roman „Vor dem Fest“ 2014 auf der Longlist. Für seinen Erzählungsband „Fallensteller“ erhielt der 41-jährige Autor den Rheingau Literatur Preis sowie den Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen. Auch Sounds & Books lobte Saša Stanišić als großen Humoristen und Humanisten, der mit seinem neuen Buch „Herkunft“ das Fiktionale weitgehend verlässt und in Form eines Memoires sein Leben Revue passieren lässt, ein literarisches „Selbstporträt mit Ahnen“.

Von Bosnien nach Heidelberg

Saša Stanišić Herkunft Cover Luchterhand Verlag

„Herkunft“ ist die ultimative Abarbeitung an der eigenen Biographie, die Stanišić in die alte Heimat Bosnien führt, nach Višegrad und Oskoruša, an die Gräber seiner Vorfahren. Woher er während des Bosnien-Krieges als 14-Jähriger 1992 mit seiner Familie nach Deutschland flüchtete, in ein Land, das just in diesem Jahr mal wieder mit ausländerfeindlichen Übergriffen in Rostock für Aufmerksamkeit sorgte. Er sinniert in seinem neuen Werk über die für alle Menschen wichtige Herkunft und kommt zu einem weisen Ergebnis: „Jedes Zuhause ist ein zufälliges: Dort wirst du geboren, hierin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, werden Zufall beeinflussen Kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.“ In „Herkunft“ verarbeitet Saša Stanišić nicht nur die persönliche Chronik, sondern verbeugt sich vor seiner dementen Großmutter, mit der das Buch beginnt und der eine tragende Rolle zukommt. Wo bei ihr die Erinnerungen schwinden, setzen sie beim ihrem Enkel ein. Die Erinnerungen an die Europapokal-Sternstunden seines Lieblingsfußballvereins Roter Stern Belgrad, die er mit seinem Vater erlebte; an das Abhängen und die Gespräche mit anderen Migranten-Jugendlichen an der Aral-Tankstelle im Heidelberger Stadtteil Emmertsgrund, an die erste große Liebe Rike, an die ihn beeinflussende Literatur und an den Bürokratiestress mit deutschen Behörden.

Herzenswarme Saša Stanišić -Geschichten

Behörden, die seine in Deutschland weit unter ihrem Niveau arbeitenden Eltern auswiesen, und die über die Station USA nun in Kroatien leben. Saša Stanišić hat traurige, liebenswerte, herzenswarme und manchmal auch heitere, anekdotenhafte Herkunfts-Geschichten geschrieben. Über eine mittlerweile über die ganze Welt verstreute Familie, die „mit Jugoslawien auseinandergebrochen“ ist und sich in dieser Konstellation nicht wieder zusammensetzen konnte. Anekdoten aus der Vergangenheit, die Stanišić immer wieder mit gesellschaftlich-politischer Aktualität verknüpft und als Fazit Folgendes zieht: „Dass ich diese Geschichten überhaupt schreiben kann und schreiben will, verdanke ich nicht Grenzen, sondern ihrer Durchlässigkeit, verdanke ich Menschen, die sich nicht abgeschottet, sondern zugehört haben“.  Da ist er wieder, der Humanist Saša Stanišić. Und dass er ein begnadeter Erzähler ist, beweist er einmal mehr.

Saša Stanišić: „Herkunft“, Luchterhand, Hardcover, 360 Seiten, 978-3-360-87473-9, 22 € (Beitragsbild: Saša Stanišić, Credit: Katja Sämann).

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