Prince: Welcome 2 America – Albumreview

Prince: Welcome 2 America – Albumreview

Prince zeigt mit den 2010 komponierten Songs, wie zeitgenössische Musik den Spagat zwischen Tradition und Moderne mühelos hinbekommen kann

Prince habe für die Art, wie wir heute denken und tanzen dürfen, sehr viel mehr geleistet als die Studenten im Mai 1968 in Paris, die Festivalbesucher und Musiker in Woodstock oder sogar noch mehr als Jerry Rubin, der LSD im Trinkwasser forderte“, schrieb Kollege Joachim Messing 2016 in seinem Nachruf in der ZEIT und nannte die Musik von Prince „Politpop erster Güte“. Manche dürfte dies überrascht haben. Denn der seidenanzugtragene Prince Roger Nelson stand in der Wahrnehmung vieler vor allem für übererotisierten Perlenkettenpop. Ein Widerspruch?

Prince ist seiner Zeit voraus

Prince Welcome 2 America Cover Sony Music

Nein. Denn Prince befreite erst das Individuum aus seiner Beklemmung und so nach und nach schließlich auch die Gesellschaft. Spätestens mit „Sign O‘ The Times“ von 1987 war er als Botschafter und Kommentator des Zeitgeschehens akzeptiert. So explizit politisch wie in den Songs von „Welcome 2 America“ aber hat man ihn nur selten gehört. Die Stücke, die allesamt aus 2010 stammen, beschreiben die damaligen Zustände in den USA vor den Themen Rassismus, Polizeigewalt, Fake News („Truth Is A New Minority“), Social Media-Flucht, Reality-TV, Spaltung der Gesellschaft. Fast erschreckend, wie aktuell diese Themen heute sind. Als habe Prince – stets seiner Zeit voraus – diese Stücke vorausahnend für 2022 geschrieben.

Helden und Moderne

„Welcome to America / One of our greatest exports was a thing called jazz
You think today’s music will last?“ Auch Princes Blick auf die musikalische Gegenwart ist kritisch. Und das ist die zweite Überraschung dieses Release: Prince zeigt hier, wie zeitgenössische Musik den Spagat zwischen Tradition und Moderne mühelos hinbekommen kann. Die Zutaten dafür sind R’n’B, Soul, Funk, Jazz und Pop. Also wie immer eigentlich, hier aber in einer bemerkenswerten Frische vorgetragen. Prince ehrt seine Helden und reist mit ihnen in die Gegenwart. „Running Game (Son Of A Slave Master)“ atmet Bootsy Collins-Coolnes, „1000 Light Years From Home“ könnte so auch von „The Real Thing“ stammen, „When She Comes“ ist ein Rimshot-60s-Soul á la Curtis Mayfield.

Schnörkellos raffiniert

Das wachsende Unverständnis über die Zustände in Amerika hat Prince auch musikalisch zu einer Entschlossenheit getrieben, die dem Album absolut zugute kommt. Kurzweilig, schnörkellos und doch immer mit Finessen kommen die zwölf Songs daher und gewinnen mit jedem Durchlauf an Sogkraft. Prince wäre übrigens nicht Prince, wenn er es bei der Kritik belassen würde. Im letzten Stück („One Day We Will All B Free“) sucht er den Schulterschluss und nährt die Hoffnung. Das Stück entwickelt sich allmählich zu einem Gospel, der „Welcome 2 America“ perfekt abrundet.

Fünf Jahre sind vergangen seit seinem Tod. „Welcome 2 America“ führt noch einmal vor äugen, wie groß der Verlust ist. Hoffen wir auf weitere Schätze aus dem Vault.

„Welcome 2 America“ von Prince erscheint am 30.07.2021 bei Sony Music. (Beitragsbild: Albumcover)

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