Philipp Winkler: Hool – Roman

Philipp Winkler: Hool – Roman

Beeindruckender und intensiver Debütroman

von Gérard Otremba

Sie nennen es „Match“. Die Hooligans. Wenn sie sich zu einem Kampf treffen und sich die Fresse polieren. Mit so einem „Match“ beginnt Philipp Winklers Debütroman Hool. Fünfzehn Hannoveraner Hools treffen sich mit fünfzehn Kölner Kollegen in einem Waldstück in der Nähe von Olpe. Es gewinnt das Team, von dem am Ende mehr Leute aufrecht stehen können. Es geht nicht darum, den Gegner besinnungslos, oder gar tot zu prügeln, ein auf dem Boden liegender wird nicht weiter malträtiert, normalerweise. Einen zweifellos heiklen und nicht ganz erlaubten Wettkampf leisten sich da Teile der Hardcore-Anhänger diverser Fußballklubs. Einer von ihnen heißt Heiko Kolbe, der als Kind zum Fan von Hannover 96 wurde und nach und nach durch seinen Onkel Axel in die Hooligan-Szene rutschte. Heiko Kolbe ist Philipp Winklers Ich-Erzähler, der in Rückblenden sein Leben Revue passieren lässt.

Vor fünf Jahren ist er zum zweiten Mal mit Glanz und Gloria durch Abi gerasselt, seitdem arbeitet er als Mädchen für alles im „Wotan Boxing Gym“ (in dem schon mal Medikamente und Drogen vertickt werden) seines Onkels Axel, der gleichzeitig der Chef des harten Kerns der Hannoveraner Hooligan-Szene ist. Bereits während der Schulzeit zog Heiko von zu Hause aus, die Mutter verließ die Familie, als er noch Kind war, der Vater begann das Trinken nach einem Unfall, der ihn arbeitslos machte, die ältere Schwester ist einst zum Studium weg und hat es zu Lehrerin gebracht. Eines Tages brachte der Vater zu allem Unglück seines Sohnes aus dem Fernost-Urlaub seien neue Freundin Mie mit, die von Heiko zunächst schlicht ignoriert wurde. Heiko Kolbe ist kein Idiot, kein Proll und auch kein Neo-Nazi, Attribute, die man Hooligans gerne andichtet. Aber er ist ein Fanatiker, der seinen Onkel beerben möchte. Von einem seiner Kumpels lässt er sich zu einer Nacht-und-Nebel-Aktion überreden, um der verfeindeten Braunschweiger Hool-Clique einen Denkzettel zu verpassen. Jedoch entpuppt sich der Überraschungsangriff als Eigentor, bei dem Heiko and friends zwar Glück haben, der von Onkel Axel „geliehene“ Wagen jedoch weniger.

Eine ziemliche Blamage für Heiko und die Hannoveraner Hool-Szene und der Wendepunkt in Heikos näherer Umgebung. Alles scheint aus dem Ruder zu laufen. Seine besten Kumpels haben langsam keinen Bock mehr auf die Hardcoreszene: Ulf möchte sich mehr um seine Familie kümmern, Jojo um seinen Fußball-Trainerjob in der Jugendabteilung seines Vorortvereins und für Kai ist sowieso Schluss, nachdem er von Braunschweiger Hools bei einem Nationalmannschaftsfreundschaftsspiel übelst zugerichtet worden ist und seitdem um sein Augenlicht kämpft. Außerdem erfüllt sich der Ex-Knacki Arnim, bei dem Heiko umsonst wohnen darf, aber bei dessen Abwesenheit er sich um die im Zwinger eingeschlossenen Kampfhunde und den im Keller eingesperrten Geier kümmern muss, einen Lebenstraum und kauft sich einen Tiger. Nachdem die Auslosung für die nächste DFB-Pokalrunde ausgerechnet Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig zusammenführt, steht der Tag für Heikos „Kai-Rache“ fest.

Hool von Philipp Winkler ist der wohl außergewöhnlichste, mithin einer der intensivsten und sicherlich der radikalste Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016. Der Leser darf sich auf eine rasanten, fast kurzatmigen Erzählstil einstellen, der während diverser Passagen noch an Fahrt gewinnt. Natürlich quatscht Heiko Kolbe wie ihm der Schnabel gewachsen ist, unflätige Beschimpfungen und Hasstiraden (manchmal mit einem unverstellten und untrüglichen Blick für gesellschaftliche Mißstände) gehören zu seinem Jargon. Der oft strapazierte Begriff der Authentizität trifft bei Hool zu hundert Prozent zu. Der in Leipzig lebende, in der Nähe Hannovers aufgewachsene und in Hildesheim studierte Winkler gibt mit Heiko Kolbe einer Außenseiter-Szene die Stimme, die im Literaturbetrieb bis dato keine Rolle spielte.

Zu einer Helden-Figur taugt er mitnichten und doch ist Philipp Winkler mit Hool ein ähnlich aufwühlender Roman wie einst Clemens Meyer mit Als wir träumten geglückt, mit stark gezeichneten Charakteren und atemberaubenden Milieustudien. Winkler schickt uns in eine Welt, die selbst die meisten Fußballfans nur am Rande als hässliche Fratze des Bundesligaspielbetriebs  wahrnehmen. Man mag die Hooligan-Szene verurteilen, verteufeln, verachten und auch nach der Lektüre von Hool nicht gut finden, eins ist jedoch gewiss: kalt lässt der Roman einen nicht. Auf die Shortlist zum aspekte-Literaturpreis hat es Hool bereits geschafft, auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 gehört der Roman ebenfalls.

Philipp Winkler: „Hool“, Aufbau Verlag, Hardcover, 978-3-351-03645-4, 19,95 €.

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