Mdou Moctar: Afrique Victime – Albumreview

Mdou Moctar: Afrique Victime – Albumreview

Wichtige und aufregende Rockmusik von Mdou Moctar

Rock’n’Roll – das ist Leidenschaft pur, wenn er richtig gespielt wird, richtig? Also eine Musik, die Bewegungsdrang auslöst bei Erschaffenden wie Rezipienten, einem durchs Mark drischt und Nackenhaare aufstellt sowie nebenbei ebenso die Gegenwart kommentiert. Korrekt? So sollte es zumindest sein – und so ist es zum Teil ja auch noch. Wenn man die zahllosen Veröffentlichungen von Tonträgern ignoriert, die von erfolgsverwöhnten Gestalten an Instrument oder Regler für Menschen produziert werden, die solch eine Leidenschaft in ihrer Jugend spürten und sich mangels Zeit oder Lust auf Überraschungen mit einer Erinnerung daran zufrieden geben; ausgelöst durch wieder und wieder reproduzierte Standards. Kaum vorstellbar, wie hell die Flamme der Begeisterung lodern muss, wenn man aus einem Kulturkreis stammt, in dem nicht nur die Absenz von Rockmusik dem Status Quo entspricht, sondern häufig sogar die Abscheu davor und man echte Anstrengungen absolvieren muss, eben dieser frönen zu können.

Mdou Moctar verehrt Eddie Van Halen

Mdou Moctar Afrique Victime Cover Matador Records

Mdou Moctar, Jahrgang 1985, verehrt Eddie Van Halen. Dessen Ableben im Oktober 2020 inspirierte viele Musizierende zu Nachrufen, in dem sie auch musikalischen Laien klar machten, welch außergewöhnlicher Innovator an den sechs Saiten der Chef von Van Halen war (was man den unter diesem Banner veröffentlichten Scheiben der letzten 30 Jahre leider zu selten anhörte). Mdou Moctar stammt aus Abalak, eine Stadtgemeinde im Niger. Laut Wikipedia entspringt er einer stark religiösen Familie und baute sich selbst seine erste Gitarre, nachdem er sich beeindruckt zeigte von den Klängen des malischen Gitarristen Ali Farka Touré, aka dem „König des Wüsten-Blues“. Wüsten-Blues, Tuareg-Rock oder einfach „Gitarrenmusik“, wie sie seit Ende der siebziger Jahre von Vorreitern wie Tinariwen praktiziert wird, baut auf einheimischen Musiktraditionen auf und elektrifiziert/modifiziert diese mit westlichen Einflüssen sowie einem Afro-Beat verwandtem High Energy-Rhythmus.

Ein exzessives Gitarrenspiel

Moctar veröffentlichte sein erstes Album 2008, die Distributionswege in seiner Heimat unterscheiden sich jedoch extrem von denen bei uns – das Tauschen von mit Musik gefüllten Speicherkarten ist dort das Mittel der Wahl um Neues zu erfahren, neben Live-Auftritten. Eine dieser Karten fand ihren Weg in westliche Hände, weswegen wir diesbezüglich faulen Europäer nun einfach im Internet Knöpfe drücken können, um solch hervorragender Musik zu lauschen, die Leidenschaft illustrieren wie auch hervorrufen. Schon der Anfang des Albums weckt die Neugier von Freunden exzessiven Gitarrenspiels, wenn Moctar auf „Chismiten“ eine Livesituation zeigt oder nachstellt und erstmal seine Axt klanglich präsentiert, bevor treibende Rhythmik Bewegungszwang evoziert.

Leidenschaftliche Klänge treffen auf politische Agenda

Sein Spiel verleitet Luftgitarrenspieler zu zuckenden Höchstleistungen, sein verbaler Vortrag illustriert dabei Leichtigkeit und verzichtet komplett auf das bei uns so oft mit Rockmusik verbundene, testosteronreiche Stimmbandgequetsche. Verspielt wie klar beweist Moctar im weiteren Verlauf des Albums, warum die E-Gitarre nach wie vor ein berauschendes Instrument ist und Rock damit noch lange nicht tot – er sollte sich allmählich eben nur nicht mehr so anhören, wie er es in den letzten 40 Jahren immer wieder tat. Highlight sowie Sternstunde ist der Titelsong, der sich mit einem von den französischen Kolonialisten 1899 verursachten Massaker an der Bevölkerung von Niger befasst und in einem Shredder-Solo mündet, wie es wohl auch Eddie Van Halen Respekt entlockt hätte. Leidenschaftliche Klänge treffen hier auf  eine politische Agenda, sind die Folgen des Kolonialismus bisher weder aufgearbeitet noch konsequent gestoppt. Soll noch mal einer sagen, es gäbe keine wichtige wie aufregende Rockmusik mehr.

„Afrique Victime“ von Mdou Moctar erscheint am 21.05.2021 bei Matador Records / Beggars Group. (Beitragsbild: Albumcover)

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