Jürgen Bauer: Ein guter Mensch – Roman

Jürgen Bauer: Ein guter Mensch – Roman

 

Ein Roman von brennender Aktualität

Es ist ein düsteres Zukunftsszenario, das Jürgen Bauer in seinem neuen, zwei Jahre nach „Was wir fürchten“ erscheinenden Roman Ein guter Mensch entwirft. Aber ein sehr vorstellbares und an die Tür unserer Zeit klopfendes, verfolgt man das menschliche Treiben mit einem wachsamen Auge. Ein Land in Mitteleuropa, genauer Ort und genaue Zeit bleiben im Verborgenen, Hinweise lassen auf ein südliches Alpennachbarland Deutschlands schließen, wird von einer langfristigen Hitzewelle ich Schach gehalten. Es herrscht eine unerträgliche Dürreperiode mit notorischer Wasserknappheit, der letzte Regen fiel ein Jahr zuvor. Das Trinkwasser ist streng rationiert, die Menschen dursten, ihre Körper sind ausgemergelt.

Sounds & Books_Jürgen Bauer_Ein_guter_Mensch_CoverMit seinem Kumpel Gabriel Berger gehört Marko Draxler zu den Tankwagenfahrern, die das Wasser ausfahren und sich nicht unbedingt großer Beliebtheit erfreuen. Marko jedoch ist einer der wenigen noch übrig gebliebenen Optimisten. „‘Nicht darüber nachdenken‘, sagt Marko. ‚In die Hände spucken und anpacken. Dann erarbeiten wir uns ein klein wenig Hoffnung.‘“ Bewundernswert, wenn man seine Situation überdenkt. Während alle, die Geld besitzen die Flucht in den Norden antraten, verließ ihn seine türkisch-stämmige Frau Nehir in die entgegengesetzte, südliche Richtung. Mit Briefen und, sofern der Internetzugang funktioniert und Strom vorhanden, per Kurznachrichten, informiert sie Marko über ihre strapaziöse Reise, bei der sie mit dem Elend der nach Mitteleuropa drängenden Menschenströme konfrontiert wird, die an längst verschlossene Grenzen stoßen.

Gleich hinter der Grenze kommt man in eine Wüste. Ich kann es nicht anders beschreiben. Niemand kümmert sich um irgendetwas. Niemand kämpft um sein Überleben. Es sieht aus wie nach einem Krieg. Ein Brüllen. Ein Schießen. Erst dahinter taucht wieder eine Landschaft auf. Die Menschen hier erzählen sich Märchen über unser Land. Blühende Felder, Arbeit und Wohlstand. Egal, was man sagt, sie glauben ihren Fantasien. Vielleicht würden sie sonst verzweifeln.

Zum Verzweifeln ist prinzipiell auch Markos Situation. Nehir weg, sein älterer Bruder Norbert Alkoholiker, sogar der Sex, den er zwischen seinen Freuden Kali, für die er schwärmt, und Alexander beobachtet, ist hoffnungslos, während Gabriel eines Tages nicht zum Dienst erscheint und sich der Bewegung „Dritte Welle“ anschließt, eine zumeist von Jugendlichen bevölkerte Gruppe, die mit subversiven Methoden und plakativen Parolen („Verschwende dein Wasser. Es gibt genug“) gegen staatliche Direktiven vorgeht. Andere hoffnungslose Menschen schneiden sich vor Markos Augen die Pulsadern auf, um im Krankenhaus behandelt zu werden und wenigstens dort Wasser zu erhalten. Die aufgestaute Wut unter nervlicher Anspannung der Beteiligten entlädt sich schließlich in einem großen, finalen  Showdown.

Jürgen Bauer konzentriert sich in Ein guter Mensch auf das stilistisch und inhaltlich Erforderlichste. Trotz der Kompaktheit des Romans von lediglich 220 Seiten, lässt der österreichische Schriftsteller seinen Kernthemen Klimaveränderung, Flucht und Krisensituation genügend Raum. Mit auf den Punkt gebrachten Dialogen und beobachtenden Passagen skizziert Bauer eine kurz vor (oder bereits mitten in) der apokalyptischen Katastrophe stehende Gesellschaft und wirft eindringlich die philosophische Frage nach Gut und Böse auf. Ein Roman von brennender Aktualität und nervenaufreibender Intensität, der in seiner Ausrichtung, Wirkung und Atmosphäre an dystopische Endzeitbücher und deren Verfilmungen wie Soylent Green oder Der Omega-Mann erinnert. Ein Roman, der niemanden kalt lässt.

Jürgen Bauer: „Ein guter Mensch“, Septime Verlag, Hardcover, 224 Seiten, 978-3-902711-4-9, 22 € (Beitragsbild: Pressefoto).   

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