Ein Streitgespräch über den Roman „Hool“ von Philipp Winkler

Ein Streitgespräch über den Roman „Hool“ von Philipp Winkler

 

Er sorgt für Aufsehen, der Debütroman „Hool“ von Philipp Winkler. Für einige bereits überraschend auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 aufgetaucht, für andere völlig gerechtfertigt auch die Shortlist im Sturm erobert. So sind sich die Kritiker uneins und auch unter den diesjährigen Buchpreisbloggern wird über diesen Titel gestritten. Wie bereits über Gerhard FalknersApollokalypse“ gehen die Meinungen von mir und der geschätzten Kollegin Sophie Weigand von Literaturen auseinander. Wieso, weshalb und warum, das verraten wir im folgenden Streitgespräch.

Gérard: Okay, Sophie, du möchtest also am Debütroman von Philipp Winkler, „Hool“, mäkeln. Was stört dich daran?

Sophie: Ich möchte nicht mäkeln, ich „muss“, tatsächlich. Zunächst stört mich vermutlich die sprachliche Gestaltung, die zu jedem Zeitpunkt Gestaltung bleibt und auch als solche erkennbar ist. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein, sorgt aber hier für einige seltsame Passagen, die, nach meinem Dafürhalten, weit entfernt davon sind, etwas Authentisches einzufangen, obwohl sie es, davon bin ich überzeugt, unbedingt wollen. Beispiele dafür sind z.B.: „Ich sie letztens son bisschen am Stalken aufm Gesichtsbuch“ oder „Ich hatte schon zwei Es geschmissen und drei daumendicke Blunts geschlotet.“ Das wirkt unfreiwillig (!) lustig, mehr aber auch nicht.

G: Aber in der Zeit von „Kanak Sprak“ und anderen sprachlichen Neugeburten bin ich mir sicher, dass Winkler den Jargon exakt so festhält, wie er tatsächlich in der von ihm beschriebenen Szene an der Tagesordnung ist. Ob nun unfreiwillig komisch oder nicht.

S: Was bringt dich zu dieser Einschätzung? Bei „Kanak Sprak“ liegt die Sache meines Erachtens ja auch noch etwas anders, weil dort das Migrationsthema in der Sprache und der Formung des Soziolekts eine Rolle spielt. Davon kann man bei Winkler ja nicht sprechen. Zumal das Harte, Slanghafte und teils Vulgäre ja auch nicht einheitlich ist, sondern gelegentlich gar von irgendwie poetischen Phrasen unterbrochen wird, die man einem Heiko der „Blunts schlotet“, „Matratzen abschleppt“ und „Zichten raucht“ irgendwie nicht zutrauen würde. Das bewirkt einen, möglicherweise beabsichtigten, Bruch im Charakter, dessen Zweck mit nicht klar ist.

G: Einen ähnlichen Einwurf hat der Kollege David Hugendick in der Zeit ebenfalls ins Feld geführt und Winkler mangelnde Konsequenz vorgeworfen. Aber Ich-Erzähler Heiko Kolbe ist doch kein Idiot. Er ist zwei Mal nur aufgrund seiner Faulheit durch das Abi gerasselt, nicht aufgrund von mangelnder Intelligenz und Bildung. Insofern sind seine poetischen Ausflüge durchaus nachvollziehbar. Und ich habe schon Menschen sprechen gehört… Mir ist nichts fremd.

S: Ich halte ihn auch nicht für einen Idiot, aber für einen von seinem Umfeld geprägten Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen, dessen Sprache von der Szene geformt wird, in der er sich bewegt. Aussagen über seine Intelligenz im Allgemeinen will ich gar nicht treffen, aber die Schwankungen in der Art des Sprechens sind mir bisweilen zu krass; eingedenk der Tatsache, dass der Text gänzlich aus Heikos Perspektive erzählt ist. Nochmal zur Sprache generell: Winkler produziert des Öfteren seltsame, schräge Metaphern. Als besonders auffällig empfand ich das in der Szene, in der sein Freund Kai zusammengeschlagen wird und es heißt: seine Lider sähen aus „als hätte eine Horde von Goths ihn geschminkt“ , das Blut rinnt „wie Tigerstreifen“ vom Kopf und die geschwollene Nase hat „Farbe und Form einer prallen Peniseichel angenommen.“ Sorry, aber darüber muss ich eher grinsen und das ganze Drama verfliegt. Aber mal von der Sprache abgesehen, auch die Komposition des Romans empfinde ich als vergleichsweise plump.

G: Ich gebe zu, dass die von dir angeführten Zitate einer gewissen Komik nicht entbehren und schief und merkwürdig daherkommen. Aber sie tauchen ja nicht auf jeder zweiten Seite auf. Und inwiefern ist die Komposition plump?

S: Insofern, als sie alles bedient, was man erwartet. Heiko kommt aus sehr instabilen Familienverhältnissen und auch seine Freunde wachsen nicht eben behütet auf. Ich hätte es spannender gefunden, neben diesen Hools auch eine Figur detaillierter einzuführen, deren Leben nach außen hin viel gefestigter ist, die älter ist, nicht so orientierungslos im Leben herumflottierend. Außerdem nimmt der Roman ja alle krassen Milieugeschichten mit. Die Hells Angels kommen vor, laut Interviewaussage, weil sie Lokalkolorit und Authentizität hinzufügen (http://www.neuepresse.de/Nachrichten/Kultur/Uebersicht/Roman-ueber-96-Hools-Es-geht-um-das-Adrenalin). Das weiß ich nicht, ich hätte gut ohne sie gekonnt. Drogenhandel, Arnim mit seinen illegalen Tierkämpfen. Die Szene mit dem erwachenden Tiger im Transporter war so überzeichnet, dass ich erwartet hatte, gleich irgendwo dieses Lied zu hören: https://www.youtube.com/watch?v=ZnHmskwqCCQ

G: Mit diesem Song bringst du mich jetzt zum Lachen. Gefestigt ist im Prinzip Onkel Axel als „Geschäftsmann“, nur dass er eben auch noch der Hoolszene Hannovers vorsteht. Aber wäre eine wie die von dir beschriebene Person nicht völlig fehl am Platz in der Hooligan-Szene und somit auch deplatziert im Roman? Und Hools und Hells Angels, das liegt doch nahe, passt doch alles. Klischees, die auf Wahrheiten beruhen. Die Hannoveraner Hells Angels sind übrigens sogar über ihre Stadtgrenzen hinaus bekannt.

S: Ich würde den Onkel jetzt nicht unbedingt als gefestigten Geschäftsmann beschreiben. Schließlich sind es a) krumme Geschäfte, die er betreibt und b) gerät er auch nicht unwesentlich in Panik, als eine Razzia in seinem Fitnesscenter stattfindet. Ich glaube nicht, dass eine solche Person völlig fehl am Platze wäre, denn ich glaube nicht, dass sich in der Hooliganszene bloß verirrte Jugendliche und Berufsverbrecher bewegen. Und ich sage ja auch nicht, dass Winklers Schilderungen aus der Luft gegriffen sind, aber sie sind nichts weiter als das Naheliegendste. Dafür muss ich nicht unbedingt einen Roman schreiben, der mir zeigt, was ich ohnehin schon die ganze Zeit zu wissen glaubte. Viele lesen den Roman und glauben: „Aha, soso, das ist also die Hooliganszene, so in etwa hab ich mir das vorgestellt.“ (denn mal ehrlich, Überraschungen gibt es im Roman keine!) Ein bisschen Thrill kommt noch hinzu, weil man die Härte und Kantigkeit der Sprache mit Authentizität verwechselt und alle sind total hingerissen von diesem vermeintlich krassen Einblick. Aber ich kaufe das eben nicht, weil es mir zu unterkomplex ist. Und es ist sicher kein Zufall, dass es besonders bei denen gut aufgenommen wird, die niemals mit der Hooliganszene in Berührung kommen werden.

G: Ich hoffe, niemals mit der Hool-Szene in Berührung zu kommen, könnte eventuell unangenehm für ich enden. Der „gefestigte Geschäftsmann“ war jetzt auch mehr ironisch gemeint. Ich denke auch nicht, dass die Szene ausschließlich aus verirrten Jugendlichen und Berufsverbrechern besteht, aber die Wahrscheinlichkeit eines höheren Proporzes jener Menschen ist gewiss. Insofern stört mich das Fehlen eines möglichen Gegenpols so ganz und gar nicht. 

S: Ich schätze, ich habe vom Roman einfach mehr erwartet. Sprachlich, inhaltlich, kompositorisch. Er zeigt mir zu häufig das, was ich mir ohnehin genauso vorgestellt hatte, er bedient Klischees, er ist sprachlich inkonsistent und driftet zu oft in eigentlich dramatischen Situationen ins Komödiantische. Wenn das gewollt wäre, als ironischer Bruch, wäre das nachvollziehbar. Ich bezweifle aber, dass das intendiert war. Die Szenen, die mir besonders witzig vorkamen, waren häufig die, die besonders bedrohlichen Inhalts waren – eigentlich. Am Ende fängt sich der Roman etwas und ist nicht mehr so überdreht, nicht mehr so streberhaft daran interessiert, das Krasse und Harte und Rotzige dieser Szene zu transportieren. Am Ende beginnt der Roman, Vertrauen in sich und seine Figuren zu entwickeln, die auch, ohne Phrasendrescher, glaubwürdig sein können.

G: So ist das dann manchmal mit den Erwartungshaltungen an Romane. Am Ende werden wir uns nicht einig und „sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen“. 

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