Gérard bloggt über potentielle Titel der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016

Gérard bloggt über potentielle Titel der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016

Ein paar Gedanken zum Deutschen Buchpreis 2016

von Gérard Otremba

Nein, eine Wunschliste soll dieser Text nicht werden. Die Jury, die den Deutschen Buchpreis 2016 kürt ist nicht für etwaige Wunscherfüllungen zusammengesetzt worden, sondern um mittels halbwegs objektiver Kriterien ein herausragendes Werk unter den für den diesjährigen Buchpreis eingereichten Romanen auszuwählen. Und im Gegensatz zu meinem offiziellen Buchpreisblogger-Kollegen Tobias Nazemi von buchrevier hoffe ich, dass die Jury-Mitglieder nicht zu sehr auf ihr Bauchgefühl vertrauen und Verstand, Vernunft und Herz in der Entscheidungsfindung obsiegen. Eine allgemein zugängliche Lesefreude darf der Siegertitel natürlich durchaus verbreiten, doch wo genau beginnt der literarische Mainstream und endet die Kunst? An Verkaufszahlen allein lässt sich der Unterschied kaum messen. Auch möchte ich mich nicht an Spekulationen über im Herbst erscheinende Novitäten oder im Frühjahr veröffentlichte und von mir (noch) ungelesene Bücher, die für den Buchpreis in Frage kommen, beteiligen. Lediglich einige wenige, von mir gelesene, rezensierte und als stark genug für die Longlist des Deutschen Buchpreises beurteilte Romane möchte ich nun vorstellen.

Da ist zum Beispiel das überwältigende Gesellschaftsepos Unterleuten von Juli Zeh zu nennen. Seit Wochen macht es sich dieser Titel in den Bestsellerlisten gemütlich und in diesem Fall findet große Kunst Einlass in den Mainstream, denn Juli Zehs Dorfpanoptikum ist ein an aller Fabulierkunst geschultes Teil-Abbild unserer Zeit. Warum eigentlich mal nicht ein Schwulen-Porno auf der Longlist des Deutschen Buchpreises? Natürlich geht es in Lutra lutra von Matthias Hirth trotz der vielen explizierten Sexszenen nicht ausschließlich um die Kopulationsmöglichkeiten der End-90er-Spaßgesellschaft. Vielmehr stellt Hirth die Frage nach der Moral in unmoralischen Zeiten und geht der Frage über Schuld und Sühne im Sinne Dostojewskijs auf literarisch anspruchsvollem Terrain nach. Seinen bisher stilistisch schönsten Roman hat Benedict Wells mit Vom Ende der Einsamkeit geschrieben. Schwermütig, tief melancholisch und bewegend, mit einem optimistischen Ende versehen und durchdrungen von einem superben Musikgeschmack des Autors. Und das muss dann für mich als Chefredakteur des Online-Magazins Sounds & Books ein wichtiges Kriterium für die Bewertung sein.

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Ein aufbauendes Thema hat sich Hans Platzgumer für Am Rand ebenfalls nicht ausgesucht, steht doch der Tod allgegenwärtig im Mittelpunkt des Romans. Die inhaltliche Schwere wiegt der österreichische Schriftsteller mit seinem virtuosen Erzählstil auf. Eine bedrückende Atmosphäre hinterläßt Thomas von Steinaecker in seiner epischen Dystopie Die Verteidigung des Paradieses, ein für den Leser zwar erschöpfendes Buch, das jedoch die essentiellen Fragen nach humanistischen Werten und einem würdigen Leben stellt. In die nahe Zukunft schaut auch Karen Duve mit Macht, dieser bitterbösen Satire, dem großen Rundumschlag, mit dem uns Duve den Spiegel vorhält. Allein aufgrund der mahnenden Haltung des Romans wäre eine Longlisteintragung nicht verkehrt. Über die Klasse eines Michael Köhlmeier muss nicht groß diskutiert werden, sein schmaler Band Das Mädchen mit dem Fingerhut tritt den erneuten Beweis eben jener ein. Mit seiner stilistischen Verknappung erreicht Köhlmeier größtmögliche Wirkung, er wühlt auf, berührt und beschäftigt den Leser.

Über die im bereits begonnenen Bücherherbst erscheinenden Romane kann ich mir noch kein Urteil bilden, doch gehört Der Kreis von Andreas Maier zu meinen Geheimfavoriten, schließlich begeisterte mich Der Ort im letzten Jahr enorm. Das wird sicherlich wieder ein literarischer Hochgenuss, der dann mal auf der Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchen sollte. Ja, es freute mich sehr, den ein oder anderen Titel dieser hier genannten Romane auf der Longlist zu finden. Und wenn nicht, dann hat die Jury mit Sicherheit gewichtige Gründe, anderen Werken den Vorzug gegeben zu haben. Es gibt keinen Grund, der Jury sofort Ahnungslosigkeit vorzuwerfen, nur weil mein Lieblingsbuch auf der Longlist fehlt. Ich hoffe dieses Jahr auf mehr Fairness der Jury gegenüber und um etwas mehr Zurückhaltung der zahlreichen Kommentatoren auf den Social Media-Kanälen. Letztendlich dient uns die Literatur zur großen Unterhaltung. Nur sollte man darauf achten, auf welchem Niveau man sich unterhalten lässt. Und ich denke, die Jury wird uns am Dienstag mit der Auswahl der 20 Titel schon diverse niveauvolle Romane präsentieren. Ich jedenfalls freue mich auf die Bekanntgabe und das anschließende Lesen und Diskutieren mit meinen Buchpreisbloggerkollegen.

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