Depeche Mode: Spirit – Album Review

Depeche Mode: Spirit – Album Review

Depeche Mode inszenieren sich auf Spirit als Kulturpessimisten und zeichnen mit erfreulich rohem Sound ein düsteres Bild unserer Zeit

Auf ihrem 14. Studioalbum erfinden sich Depeche Mode zwar nicht neu, doch markante Details machen Spirit zu einem überraschenden Hörerlebnis. Die Synthie-Pop-Ikonen warten ungewohnt roh und düster mit EBM-Noise auf und diese Old School-Roughness verleiht dem gesamten Album eine Dringlichkeit und Bedrohlichkeit, die man bei den britischen Superstars schon lange nicht empfunden hat. Besonders eindrücklich ist dies bei „Scum“ mit seinem schmutzig verzerrten Sound, der Drum-Machine und den scharfen, harten Claps. Man hört geradezu die Schüsse, die Dave Gahan fordert („Pull the trigger!“).

Dies mag der Tatsache geschuldet sein, dass die Band nach drei Alben unter der Regie Ben Hilliers (Playing The Angel, Sounds Of The Universe, Delta Machine) den Stab an Produzent James Ford weitergereicht hat, von dessen Arbeit mit Florence And The Machine, Arctic Monkeys und Simian Mobile Disco Gahan & Co. sehr beeindruckt waren. Doch auch die Themen, die auf Spirit verarbeitet wurden, erklären die durchgehend schwere und bedrohliche Stimmung des Albums. Im Opener „Going Backwards“ prangert Gahan, untermalt von einem hämmernden Rhythmus, den Verlust von Respekt, Kontrolle und Gefühlen an und beklagt einen falschen Fortschrittsglauben: „We are digging our own hole / We are going backwards / Armed with new technology / To a cavemen mentality“.

„Where’s The Revolution“ schließt sich mit einem Aufruf zum Widerstand gegen Regierungen und blindem Patriotismus nahtlos an: „Who’s making your decisions? / You or your religion? / Your government, your countries? / You patriotic junkies“. Und auch dem dritten Track „The Worst Crime“, der sich der gezielten Fehlinformation und einer ungebildeten Leserschaft widmet, mangelt es an Kulturpessimismus nicht. Die für Depeche Mode typischeren Motive wie zwischenmenschliche Beziehungen, Verlangen und Abgründe haben ebenfalls Eingang in das Album gefunden, so beispielsweise in „Poison Heart“ und „No More (This Is The Last Time)“ oder „So Much Love“, das mit seinem Beat und Bass stark an „A Question Of Time“ erinnert, wobei es, ganz ins neue Spirit-Gewand gehüllt, deutlich böser und roher daherkommt.

Mit den expliziten Verweisen auf politische und gesellschaftliche Missstände zeigen Depeche Mode eine neue Seite, auch wenn Gahan in einem Interview mit dem Rolling Stone klarstellte, Spirit sei kein politisches Album. Es gehe vielmehr um Menschlichkeit und auch um die Sorge darüber, in was für einer Welt die eigenen Kinder einst werden leben müssen. So widmete Martin Gore die Ballade „Eternal“ seiner kleinen Tochter, die er zu beschützen verspricht („I will protect you / As well as any man could“). Schaurig wird es dann, bevor dieser sehr kurze Song in einem dramatischen Getöse aufgeht und abrupt endet mit den Zeilen: „And when the radiation falls / I will look you in the eye / And kiss you“. Die pessimistische Sicht auf die Welt bleibt bis zum Ende erhalten. Das Album schließt mit „Fail“, das keinen Zweifel am Versagen der Menschen zulässt. Es gibt keine Hoffnung mehr: „Our spirit has gone / Oh, we failed“.

„Spirit“ von Depeche Mode erscheint am 17.03.2017 bei Columbia Records / Sony Music.

Kommentare

Kommentar schreiben