Mirko Bonné – Seeland Schneeland: Zeitlos elegante Sprache

Mirko Bonné – Seeland Schneeland: Zeitlos elegante Sprache

In „Seeland Schneeland“ setzt Mirko Bonné mit einer zeitlos eleganten Sprache die Geschichte seines 2006 veröffentlichten Romans „Der eiskalte Himmel“ fort

In Mirko Bonnés neuem Roman „Seeland Schneeland“ begegnen die Leser Merce Blackboro wieder. Der schwermütige Romantiker schlich sich im 2006 veröffentlichten Roman „Der eiskalte Himmel“ als blinder Passagier an Bord des Antarktis-Expeditionsschiffes von Sir Ernest Shackleton und trug eine maßgebliche Rolle im Abenteuerroman des in Hamburg lebenden Autors. Die Expedition begann 1914 – Blackboro war zu diesem Zeitpunkt zarte 17 Jahre jung – die Handlung des Romans erstreckte sich indes bis 1919. „Seeland Schneeland“ setzt zwei Jahre später ein. Noch immer ist Merce Blackboro in Ennid Muldoon verliebt, mit der er damals kurz vor der „Endurance“-Expedition eine Nacht verbrachte. Sein Zustand wirft den Familienrat auf den Plan, der der Person Ennid Muldoons skeptisch gegenübersteht, obwohl diese als Freundin von Merces Schwester Regyn gilt.

Ein heimlicher Roman-Held

Mirko Bonné Seeland Schneeland Cover Schöffling & Co.

Ennid hingegen trauert noch um ihren im Ersten Weltkrieg umgekommene große Liebe und entschließt sich, Wales in Richtung USA zu verlassen. Merce schwindelt seiner Familie einen Trip nach Irland vor, reist Ennid hinterher, verfehlt sie jedoch in Rotterdam. Enttäuscht kehrt er in seine Heimatstadt Newport zurück und erst sein früherer Chef Ernest Shackleton ermuntert ihn, die Liebe zu Ennid nicht abzuschreiben und auf eine neue, von ihm geplante Expedition zu verzichten. Ennid hingegen ist mit den weiteren knapp 2000 Auswanderern auf dem Schiff Orion in einen fürchterlichen Schneesturm geraten und vor der Nordküste Schottlands havariert.

Zu diesem Zeitpunkt heißt das Schiff schon Sealand, nach seinem ursprünglich deutschen Namen Seeland, umgetauft vom neuen Eigner Diver Robey. Der ständig betrunkene amerikanische Hotel-Tycoon, der die Orion nach einem Streit mit dem Kapitän kaufte,  befindet sich mit seinem Assistenten und gebürtigen Waliser und homosexuellen Bryn Meeks, dem heimlichen Helden des Romans,  ebenfalls an Bord und bildet den zweiten großen Strang dieses so behutsam und nuanciert erzählten Romans.

Mirko Bonnés zeitlos elegante Sprache

Der 39-jährige Robey träumt von einer regelmäßigen Flugverbindung zwischen Europa und den Staaten, suhlt sich in seinem Weltekel und gebiert sich mit seiner halb so jungen Affäre Kristina Merriweather häufig wie ein echter unsympathischer Egoist der High Society. Ennid Muldoon wiederum muss während der unterbrochenen Fahrt häufiger an Merce denken, der Passagen aus Ennnids Lieblingsroman „Anna Karenina“ liest und Parallelen zu seiner Beziehung zu ihr findet. Seine Haupt- und Nebenfiguren zeichnet Mirco Bonné, ähnlich wie in seinem 2017 erschienen Roman „Lichter als der Tag“ mit filigranem Pinselstrich und skizziert prononciert Psychen, Gefühlswelten und Charaktere. Noch magischer fängt der 1965 geborene Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Henry James und Joseph Conrad) die Naturbeschreibungen von Schnee und  See ein und evoziert behagliche Schauer auf den Rücken der Leser. Die Sprache Bonnés verströmt eine zeitlose Eleganz und führt zu einer sich stets im Fluß befindlichen Lektüre von „Seeland Schneeland“.

Ein vortrefflicher Roman von Mirko Bonné

Für einzelne Sätze („Junge Männer mit Frack und Pomade im Haar hatte sie in Illustrierten an einer Reling lehnend Pall Mall rauchen sehen, sie hatten Gesichter wie die im Krieg gefallenen Offiziersanwärter, die im Echo abgebildet gewesen waren, und schmiegte sich in ihrer Vorstellung eine beschwipste Dame an die Chintzvorhänge aus einer offen stehenden Balkonkabinentür im Wind über dem Meer wie eine Fahne, die nichts zu bedeuten hatte, sondern einfach schön war, weil sie sich im Einverständnis mit den Dingen und ihrem Zugrundegehen bewegte.“) dieses Romans würden andere Autoren wahrscheinlich töten. Trotz des immensen Gewichts, mit dem Mirko Bonné seine Figuren belädt und der überwiegenden Düsternis des Settings, bleibt Raum für sporadisch eingesetzte, kurze und subtile humoristische Passagen, die dem Text noch mehr Charme verleihen. Ein vortrefflicher Roman über Menschen, die zu neuen Ufern streben und scheinbar nicht wirklich vorwärts kommen. Aber Romantiker geben nicht so schnell auf.

Mirko Bonné: „Seeland Schneeland“, Schöffling & Co., Hardcover, 448 Seiten, 978-3-89561-410-1, 24 Euro. (Beitargsbild von Benno Romik)  

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