Kurz und gut: Bücher von Uwe Timm, Garry Disher sowie Almut Klotz und Reverend CH. Dabeler

Die Sounds & Books-Reviews zu neuen Büchern von Uwe Timm, Garry Disher sowie Almut Klotz und Reverend Ch. Dabeler

von Gérard Otremba

In der heutigen Ausgabe der „Kurz und gut“-Rubrik widme ich mich drei 2023 veröffentlichten Büchern. In „All meine Geister“ erinnert sich Uwe Timm an seine Hamburg-Zeit Ende der 50-Jahre; in „Funkloch“ hat der australische Krimi-Meister Garry Disher wieder einen brisanten Fall für Inspector Hal Challis parat und der Verbrecher Verlag gedenkt der wunderbaren Musikerin und Erzählerin Almut Klotz mit der Wiederveröffentlichung des um eine Geschichte ergänzten, mit ihrem Partner Reverend Ch. Dabler verfassten Erzählbandes „Tamara und Konsorten“.

Uwe Timm: Alle meine Geister

Uwe Timm erinnert sich. Erinnert sich an die Nachkriegszeit in seiner Heimatstadt Hamburg. „Alle meine Geister“ kommt ohne eine Gattungsbezeichnung auf den Markt, also weder Roman noch Autobiographie, sondern irgendwo dazwischen. Aber Uwe Timm beschwört die Geister, die ihn zu einem der bekanntesten deutschen Schriftsteller der Gegenwart werden ließen. Neben der Kürschner-Arbeit, die der 1940  geborene Uwe Timm in seiner Ausbildung erlernte, um das väterliche Pelz-Geschäft zu übernehmen, steht die Literatur im Mittelpunkt dieses Buches. Beginnend mit „Grimms Märchen“ bereits auf der ersten Seite, gehören des Weiteren Salingers „Fänger im Roggen“, Tolstois „Anna Karenina“, Homers „Odyssee“ sowie „Der Fremde“ von Albert Camus zu Timms wichtigsten literarischen Begleitern  im Verlauf der Jahre des Heranwachsens.

Das Ziel, Schriftsteller zu werden, die Reeperbahn, Jazzmusik, die Verliebtheit in eine Kollegin, das Abtauchen in die 50er-Jahre, die Hinwendung zum linksgerichteten Denken und das Nachholen des Abiturs im Braunschweig-Kolleg zusammen mit Benno Ohnesorg: faszinierend, kurzweilig und bewegend erzählt Uwe Timm aus seiner Vergangenheit. Dieser Mann kann einfach wahnsinnig gut erzählen.

Uwe Timm: „Alle meine Geister“, Kiepenheuer & Witsch, Hardcover, 288 Seiten, 978-3-462-00549-3, 25 Euro.

Garry Disher: Funkloch

Zwei Auftragskiller bringen ihren Job zu Ende und kommen in einem selbst verursachten Buschfeuer ums Leben. Garry Disher eröffnet seinen im Original bereits 2016 erschienenen Kriminalroman „Funkloch“ auf heiter-ironische Weise. Doch sehr schnell kehrt der australische Schriftsteller zum Ernst des Lebens zurück, denn eine verlassene Drogenküche, gestohlene Landwirtschaftsgeräte und ein Vergewaltiger, der offensichtlich bereits für frühere Taten verantwortlich ist, halten Inspektor Hal Challis und sein Team auf der Peninsula-Halbinsel vor Melbourne in Atem. Selbstverständlich sind die beiden Killer und ihr Opfer ein Bindeglied zu den einzelnen Strängen, die Garry Disher auf gewohnt vielschichtige Weise miteinander verknüpft. Und wie in seiner Paul-Hirschhausen-Reihe sind die Figurenzeichnungen und Charakterbeschreibungen mindestens genauso wichtig und herausragend wie der kriminalistische Plot. Wer auf klug konzipierte, mitten im Leben spielende Kriminalliteratur steht, ist bei Garry Disher nach wie vor bestens aufgehoben.

Garry Disher: „Funkloch“, Unionsverlag, übersetzt von Peter Torberg, Hardcover, 352 Seiten, 978-3-293-00605-8, 24 Euro.

Almut Klotz & Reverend Ch. Dabeler: Tamara und Konsorten

Mit den Lassie Singers hat Almut Klotz in den 90er-Jahren deutsche Musikgeschichte geschrieben. Der etwas ausgeflippte Indie-Pop der 1988 von ihr, Christiane Rösinger und Funny van Dannen gegründeten Band war zumeist nicht für Mainstreamohren gedacht, machte aber umso mehr Spaß. Literarische Ambitionen folgten mit dem ebenfalls mit Christian Dabeler verfassten und 2005 im Ventil Verlag veröffentlichten Roman „Aus dem Leben des Manuel Zorn“. Der gemeinsame Erzählband „Tamara und Konsorten“ erschien drei Jahre später ebendort und wurde nun vom Verbrecher Verlag neu aufgelegt und um die bisher unveröffentlichte Geschichte „Chantal“ sowie das Nachwort von Dabler, der in der Musik-Literatur-Sache mit der Band Oil und dem Platte-Buch-Projekt „Naturtrüb“ glänzte, ergänzt.

Ein lobenswertes Unterfangen, die 2013 in Hamburg an Krebs verstorbene Musikerin und Literatin wieder mal ins Bewusstsein zu hieven, die mit ihrem Partner zahlreichen Außenseitern dieser Gesellschaft in exzellenten, witzigen und ironischen Storys ein Denkmal gesetzt hat. Die (Wieder-)Entdeckung dieses Erzählbandes ist eine lohnenswerte.   

Almut Klotz & Reverend Ch. Dabeler: „Tamara und Konsorten“, Verbrecher Verlag, Hardcover, 198 Seiten, 978-3-95732-550-1, 24 Euro.              

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