Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten

Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten

Nein, nicht Rhythmen und Aerobic, sondern Algorithmen & Robotik sind die Sujets in Emma Braslavskys neuem Roman „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“

Na? Auch schon mal mit Intelligenz befasst? Also: mit künstlicher? Mit natürlicher ja sicher fortwährend erfolgreich. Aber so mit KI – Künstlicher Intelligenz? Nein? Macht nichts. Lässt sich nachholen. Genau jetzt wäre ein guter Zeitpunkt dafür und Emma Braslavskys Roman „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ denkbar passende Lektüre. Okay. Die Abhandlung, dass es Forschenden erstmalig gelang, aus Froschzellen bestehende lebende Roboter zu bauen, sogenannte Xenobots, die sich selbstständig fortbewegen und reparieren können, ist auch abgefahren. Wissenschaftlich eine Wucht, literarisch eher nicht. Deswegen jetzt und hier in dieser eher literarischen denn wissenschaftlichen Rubrik also Emma Braslavskys Werk. Und wo in Deutschland ließe sich ein Roman über künstliche Intelligenz besser ansiedeln als in Berlin, Metropole der Start-Ups und Pop-Ups und Up-Ups (und Standort des Futuriums & des Bundesministeriums für Bildung und Forschung usw. usf. & Pipapo)? Wahrscheinlich überall anders auch. Aber er spielt nun mal in Berlin. Da kennt sich die Autorin und Kuratorin Emma Braslavsky aus. Dort lebt sie. Und da also, im Berlin einer nahen Zukunft, leben auch die Figuren ihres vierten Romans „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“.

Keine Hoverboards, aber Hubots

Emma Braslavsky Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten Cover Suhrkamp

Beziehungsweise leben und / oder laden, handelt es sich doch dank boomender Hubot-Industrie bei einigen um von Robotik-Unternehmen hergestellte künstliche Partner*innen, die von realen Menschen nicht zu unterscheiden sind. Alles ist machbar, jede Art von Beziehungswunsch erfüllbar. Nahezu niemand ist mehr gezwungen, Einsamkeit zu leiden. Dennoch hat sich die Zahl der Selbsttötungen verzehnfacht. Grund hierfür ist, dass die neuen, maßgeschneiderten Wesen zwar die hohe Kunst der simulierten Liebe beherrschen, jedoch nicht in der Lage sind, für die Verantwortung zu übernehmen, mit denen sie zusammenleben, weswegen immer mehr Menschen an sozialer Entfremdung zugrunde gehen. Um dem Sozialamt die hierdurch ebenfalls um ein Zehnfaches gestiegenen Erstattungskosten zu ersparen, kommt Roberta, neu entwickeltes KI-Wunderwerk, auf den Markt, die als Kommisssarin die zahlungsverpflichteten Angehörigen der Suizidant*innen ausfindig machen soll. Für Lennard, ihren ersten Suizidant, hat sie 13 Tage Zeit. Gelingt es ihr innerhalb dieser Zeit nicht, wird sie in Einzelteile zerlegt und an die Haushaltsrobotik verhökert. Und nein: Es sind nicht alle am Erfolg ihrer Ermittlungen interessiert. Roberta eng zur Seite stehen Cleo, menschliche Kommissarin, sowie Lennards Witwe (lies: verwitwete Recheneinheit) Beata.

Es menschelt bei Robotniks

Klingt alles superabgefahren und liest sich auch so. Allerdings im besten Sinne. Nämlich wie ein Gegenwartsroman. Ein Phänomen, das man vielleicht aus TV-Formaten oder von sich selbst kennt („Irgendwann habe ich all die Kameras einfach vergessen“) in der analogen Anwendung: Irgendwann vergisst man, dass Roberta und Beata Recheneinheiten sind und liest sie ähnlich menschlich wie Cleo. Naja. Vielleicht mit ein paar Skills, Apps und Upgrades mehr, als sie Normalsterblichen üblich sind. Aber je weiter der Roman und die Geschehnisse voranschreiten, je mehr Kontakt Roberta mit sozialen Wesen hat, infolge dessen sie, die gefühllose Recheneinheit, lernt, Emotionen zu generieren [sic] – desto mehr vergisst man, dass Roberta genauso gut ein Staubsauger sein oder werden könnte.

Emma Braslavsky und ihre Anschläge auf die Fantasie

Von Emma Braslavskys rasantem Großstadtmärchencyberkrimi „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ nicht begeistert zu sein, ist nicht nur schwer, sondern auch komplett unnötig. Aus der Perspektive Robertas erzählt die Autorin klug und schwarzhumorig Themen, die nicht nur für Menschen von Belang sind, sondern auch für von ihnen erschaffene, künstliche Lebewesen: solche wie Sterbehilfe, wie Selbstbestimmung, wie geschlechtliche und sexuelle Identität. Bereits Braslavskys letztem Roman wurde nachgesagt, dass jeder fünfte Satz ein Knalleffekt, jedes Kapitel ein Anschlag auf die Fantasie sei. Fast langweilig, das schon wieder anzumerken. Aber wenn es doch so ist – was soll man da drumherum codieren.

Emma Braslavsky: „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“, Suhrkamp Verlag, Hardcover, 270 Seiten, ISBN: 978-3-518-42883-2, 22 € (Beitragsbild: Stefan Klüter)

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.