Lucinda Williams: The Ghosts Of Highway 20 – Album Review

Lucinda Williams: The Ghosts Of Highway 20 – Album Review

Sinister-spröde Balladen prägen das neue und eindrucksvolle Album der Americana-Queen

von Gérard Otremba

Hat Lucinda Williams in ihrer Karriere jemals ein mittelmäßiges oder gar schlechtes Album veröffentlicht? Sicherlich nicht. Im Gegenteil. Mit Car Wheels On A Gravel Road (1998) und Essence (2001) brachte sie zwei essentielle Americana-getränkte Rock-Alben heraus, mithin zwei der besten Platten der vergangenen 20 Jahre und zeigte auch fortan auf „World Without Tears“, „West“, „Little Honey“, „Blessed“ und zuletzt im Herbst 2014 mit dem Doppel-Album Down Where The Spirit Meets The Bone ihre Klasse. Die Aufmerksamkeit wurde ihr erst spät zuteil, erschien doch nach einem Cover-Album bereits 1980 die erste Platte (Happy Woman Blues) mit Songs aus der eigenen Feder.

The Ghosts Of Highway 20 ist das nunmehr zwölfte Album der am 26. Januar 2016 63 Jahre jung werdenden Songwriterin. Und schon wieder ein Doppel-Album, kaum anderthalb Jahre nach Down Where The Spirit Meets The Bone. Die dort schon mitspielenden Greg Leisz (Gitarre), Bill Frisell (Gitarre), Butch Norton (Schlagzeug), David Sutton (Bass) und Val McCallum (Gitarre) begleiten Lucinda Williams auch auf ihrer Reise auf dem Interstate 20 (Highway 20), der durch die amerikanischen Südstaaten Alabama, Georgia, Louisiana, Mississippi, Texas und South Carolina führt. Doch Vorsicht! Die Geister des Highway 20 wiegen schwer, selten war es so düster und dunkel auf einem Album von Lucinda Williams.

Machen die atemberaubenden Gitarrensoli beim Opener „Dust“ noch die Hoffnung auf ein Roots-Rock-Spektakel, geht es mit dem von Williams vertonten Woody Guthrie-Text „House Of Earth“ schwer in die introspektive Nabelschau. Zwischen Schmerz, Trauer, Einsamkeit, Trost und Hoffnung pendeln die insgesamt 14 Songs, andächtiger und verzerrter („I Know All About It“), oder verträumter („Place In My Heart“) Folk-Blues-Noir bestimmt das Album, der in „Death Came“ einen traurigen Höhepunkt erfährt, so dermaßen deprimiert singt Lucinda Williams diesen Song. Ein gebrochener Flüstergesang beherrscht das neunminütige „Louisiana Story“, gegen die „trouble in my mind“ aus „Bitter Memory“ wehrt sich Williams mit Wut und Vehemenz, bevor Bruce Springsteens „Factory“ in einer dramatisch-schmerzhaften Version erklingt.

Doch die Hoffnung auf Erlösung naht mit der Liebe und den Songs „Close The Door On Love“ und „If My Love Could Kill“. Das Album lebt von seinen sinister-spröden Balladen, und ganz am Ende steht mit dem fast 13-minütigen Gospel-Soul-Blues-Mantra „Faith & Grace“ eine der schönsten. The Ghosts Of Highway 20 ist sicherlich nicht eins von Williams‘ zugänglichsten Werken, aber definitiv eins ihrer eindrucksvollsten.

„The Ghost Of Highway 20“ von Lucinda Williams erscheint am 22.01.2016 bei Highway 20 Records / Thirty Tigers / Alive).

Kommentare

  • <cite class="fn">gerhard</cite>

    Da bin ich mal gespannt. Mag sie ja sehr, und ein Ausnahmegitarrist wie Bill Frisell ist immer gern gehört. Schade, dass sie in unseren Landen nur in Berlin gastiert.
    Viele Grüße,
    Gerhard

    • <cite class="fn">Gérard Otremba</cite>

      Ja, ich hätte sie auch gerne mal wieder live erlebt. Mein letztes Lucinda Williams-Konzert ist zehn, oder mehr Jahre her. Aber Berlin nächste Woche kann ich mir nicht leisten. Viele Grüße, Gérard

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