Vijay Iyer Sextet: Far From Over – Album Review

Vijay Iyer Sextet: Far From Over – Album Review

 

Ein Geniestreich des amerikanischen Jazz-Pianisten Vijay Iyer

Unter den zahlreichen Jazz-Pianisten, die in den letzten Jahren auf den Markt drängten, ist Vijay Iyer der aufregendste. Der 45-jährige Amerikaner mit indischen Wurzeln wandert zwischen klassischem Jazz, Avantgarde, Pop und Groove und baut auch Elemente indischer Musik mit ein. Seit 2014 veröffentlicht Iyer seine Werke auf ECM. Vier Alben sind seither entstanden – eines mit einem Streichquartett, eines mit dem International Contemporary Ensemble, ein weiteres in klassischer Trio-Besetzung mit Bassist Stephan Crump und Schlagzeuger Marcus Gilmore und schließlich zuletzt eines im Duett mit dem Trompeter Wadada Leo Smith.

Auf „Far From Over“ präsentiert sich Iyer nun erstmals im Rahmen eines eigenen Sextetts. Dafür hat sich Iyer, der selbst neben Klavier auch Fender Rhodes spielt, mit hochkarätigen Mitmusikern umgeben. Graham Haynes (Kornett, Flügelhorn, Elektronik), Steve Lehman (Altsaxophon), Mark Shim (Tenorsaxophon), Stephan Crump (Kontrabass) und Tyshawn Sorey (Schlagzeug) sind allesamt virtuose Meister ihres Fachs und zudem jeweils mit einer gehörigen Portion Eigenständigkeit ausgestattet, die die Neugierde und Vorfreude auf diese Platte schon seit ihrer Ankündigung extrem hochschraubten.

Sounds & Books_Vijay Iyer_Far From Over_CoverDas Warten hat sich mehr als gelohnt. Das im April 2017 in New York eingespielte „Far From Over“ ist der erhoffte Geniestreich, das erhoffte Feuerwerk. Gleich der Opener „Poles“, den Iyer allein mit einigen sanften Tönen beginnt und der sich dann Takt für Takt zu einer immer mächtiger werdenden Wall Of Sound aufbaut, zeigt, wie viel Energie diese Combo zu entfachen vermag. Vielseitig und abwechslungsreich geht es weiter durch die insgesamt zehn Stücke des Albums. Zu den Höhepunkten zählen das tief groovende „Nope“, das vor Spielwitz strotzende „Down To The Wire“, das poppige „For Amiri Barake“ sowie der streichelzarte Album-Closer „Threnody“. „Diese Gruppe hat eine Menge Feuer in sich, aber auch Erdiges, denn ihre Klänge, Timbres und Texturen haben eine solche Tiefe. Und es gibt auch Luft und Wasser – diese Musik ist in Bewegung“, sagt Iyer.

Und genauso ist es: Der freie Fluss musikalischer Ideen, die von der reinen Freude am Zusammenspiel geleiteten Kompositionen und der oftmals halsbrecherische Mut der Solisten machen „Far From Over“ zu einem bemerkenswerten Album, das gewohnte Grenzen lächelnd ignoriert und eine ganz eigene Sprache findet. Vor allem die drei Bläser geben dem Album ein enorm breites Klangfarbenspektrum. Und Iyer, der immer wieder sein Können auffährt, sich aber oft auch im Dienste der Kompositionen zurücknimmt und den anderen das Rampenlicht überlässt, verfügt über einen Ton, der ihn aus der Fülle an vielversprechenden Pianisten weit herausragen lässt. Jede Wette, dass dieses Album in der Jahresbestenliste weit vorne landen wird.

 „Far From Over“ von Vijay Iyer Sextet erscheint am 25.08.2017 bei ECM Records.

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