Chet Baker und Dizzy Gillespie At Onkel Pö’s Carnegie Hall – Album Review

Chet Baker und Dizzy Gillespie At Onkel Pö’s Carnegie Hall – Album Review

Jazz-Sternstunden aus Hamburg

 

Als „Onkel Pö’s Carnegie Hall“ im Eppendorfer Lehmweg in Hamburg 1985 für immer seine Tore schloss, riss dies eine Lücke in das hanseatische Nachtleben, die seitdem nie mehr adäquat geschlossen werden konnte. Die Geheimnisse am Pö waren die nur 60 Zentimeter hohe Bühne, die unmittelbare Nähe zum Publikum und eine gelöste Atmosphäre, wie sie heute schon alleine wegen der zahlreichen Amtsauflagen kaum mehr möglich wäre. Im Pö’s gehörte es dazu, dass Musiker in der Pause und nach dem Konzert mit den Gästen zusammensaßen, dass auch spät nachts noch eine Session gemacht wurde.

Nicht nur Rockstars wie U2 oder Talking Heads gaben hier Konzerte. Es waren vor allem Jazz-Größen wie Al Jarreau, Art Blakey, Charlie Haden, Joe Henderson, Bobby Hutcherson, Pat Metheny, Archie Shepp, Horace Silver oder Chick Corea, die das Gesicht des Ladens prägten. Jetzt, über 30 Jahre nach dem Aus der Musikkneipe veröffentlicht das Label „Jazzline“ in Zusammenarbeit mit dem NDR einige Live-Mitschnitte aus dem Club. In einer ersten Rutsche werden die Konzerte von Dizzy Gillespie, Chet Baker und Johnny „Guitar“ Watson veröffentlicht.

Sounds & Books_Dizzy Gillespie At Onkel Pö's Carnegie Hall_CoverDizzy Gillespie hat in seiner Karriere immer wieder mal in Hamburg gespielt. Im März 1978, Dizzy war 60 Jahre alt und längst eine unsterbliche Legende, reist er mit sparsamer Band in den Lehmweg. Drummer Mickey Roker und Bassist Benjamin Brown bilden die Rhythmusgruppe und die Solo-Arbeit teilt sich Diz mit dem damals 22-jährigen Gitarristen Rodney Jones. Das Set besteht aus zehn Stücken, die mehr funky als jazzy sind. Höhepunkte gibt es viele. „The Land Of Milk And Honey“ zum Beispiel, das einen unwiderstehlich treibenden Groove entwickelt. Oder das Martin Luther King gewidmete „Brother K“, das durch die gesamte Palette menschlicher Emotionen wandert und bei dem vor allem das Solo von Gitarrist Jones eine wahre Wonne ist. Einen selten persönlichen Einblick gewährt „Blues“, in dem Dizzy auch als Sänger überzeugt und ausgelassen mit dem Hamburger Publikum flirtet. Außerdem hat hier Saxophonist Leo Wright einen Gastauftritt und bringt das Haus zum Kochen.

Sounds & Books_Chet Baker At Onkel Pö's Carnegie Hall_CoverAls Chet Baker am 2. April 1979 die kleine Bühne im Onkel Pö’s betritt, ist er kurz vor seinem 50. Geburtstag – und hat bereits mehrere Leben gelebt. Er hatte damals mindestens  genauso viele Entziehungskuren hinter sich wie Platten veröffentlicht. Nach einer düsteren Phase Anfang der 1970er Jahre erholte er sich in den folgenden Jahren zunehmend und erlebte Ende der 70er Jahre eine seiner zahlreichen Wiedergeburten.  Die Band, die ihn in Hamburg begleitete, Pianist Phil Markowitz, Bassist Jean Louis Rassinfosse und Drummer Charlie Rice, hat den Fusion-Geist der Tage aufgesaugt und präsentiert sich in blendender Spiellaune. Gerade einmal fünf stücke brauchen Baker und seine Begleiter, um die knapp 100 Minuten Spielzeit zu füllen. Das verrät viel über die Spielfreude des Quintetts an diesem Abend. Besonders gelungen ist die Cole Porter-Nummer „Love For Sale“, in dem Baker nicht nur gewohnt cool soliert, sondern vor allem auch ungewohnt rockig spielt. Ebenfalls eindrucksvoll ist „There’ll Never Be Another You“, in dem Baker sein ganzes Können als Scat-Sänger auffährt. Gedankenschnell, verspielt, lyrisch, virtuos, weise und unverkennbar – Baker ist an diesem Abend „on fire“. Weiterer Beleg dafür ist die knapp halbstündige Version von „Black Eyes“, das zudem ein Musterbeispiel an Gruppendynamik und Dramaturgie ist. Knapp neun Jahre nach diesem Konzert ist Baker verstorben. In besserer Form als hier ist er selten zu hören gewesen.

Alle Veröffentlichungen (als Doppel-CD bzw. 2/3er LP) kommen in liebevoller Aufmachung mit Fotos und Liner Notes daher und überzeugen vor allem durch ihren bestechenden Live-Sound. Alles klingt, als säße man drei Meter vor der Bühne, inmitten dieser kleinen Kneipe, die auch die Größten der Größten zu Höchstleistungen animiert hat. Das Onkel Pö’s ist vielleicht Geschichte. Aber dank dieser Veröffentlichungen kann man die jetzt zumindest zum Teil immer und wieder hören. Ein echter Segen!

„At Onkel Pö’s Carnegie Hall“ von Dizzy Gillespie und Chet Baker erscheinen am 17.03.2017 bei Jazzline.

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