Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt – Roman

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt – Roman

Der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020 stehende Roman „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff erweist sich als Glücksfall für die deutschsprachige Literatur

Nach drei im Salzburger Otto-Müller-Verlag veröffentlichten Romanen erscheint Iris Wolffs neues Werk „Die Unschärfe der Welt“ nun bei Klett-Cotta. Die 1977 in Siebenbürgen geborene, im Banat, Rumänien, aufgewachsene und Mitte der 80er-Jahre nach Deutschland gezogene Schriftstellerin entführt uns in ihrem vierten Roman in ihr Geburtsland und spannt einen zeitlichen Bogen über die letzten gut fünf Jahrzehnte. In episodenhafter Art erzählt Wolff auf kaum mehr als 200 Seiten die Geschichte von Samuels deutschstämmiger Familie in Rumänien. Samuel dient Iris Wolff als Verknüpfungspunkt und roter Faden dieses zutiefst berührenden, reich an bildhaften Formulierungen und von einer poetischen Melancholie durchzogenen Romans.

Eine an Nick Cave erinnernde Sprachmelodie

Der mit einer Winterszene noch vor Samuels Geburt beginnt. „Es schneite seit einer Woche. Zuerst kleine, unschuldig anmutende Flocken, die den Hof sprenkelten wie den Rücken eines Tieres. Sie bedeckten die Dächer der Häuser, nur am Kirchturm rutschten sie zunächst ab. Jede Flocke ein wie im Überfluss entworfenes Einzelstück, ausgeschickt, damit alles verschwand: umliegende Dörfer, Dächer, die Hügel am Horizont, schließlich der Horizont selbst.“ Diese filigran-feinsinnigen Beschreibungen begleiten die Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Iris Wolff entwirft früh eine Sprachmelodie, die an die dezent instrumentierte, aber intensive Musik von Nick Cave erinnert.

Die kitschfreie Romantikerin Iris Wolff

Iris Wolff Die Unschärfe der Welt Cover Klett-Cotta

Samuels Mutter Florentine fürchtet um den Verlust des Ungeborenen und muss aus dem tief verschneiten Dorf im Banat mit einer Kutsche, auf der Fische in Fässern gelagert werden, bis zum Bahnhof gebracht werden, um von dort bis zur Stadt, ins nächstgelegene Krankenhaus zu gelangen. Florentine lebt mit ihrem Mann Hannes während der diktatorischen Herrschaft von Nicolae Ceaușescu  an der abgelegene Westgrenze Rumäniens. Hannes wurde als Pfarrer abgesandt, um dort seine erste Stelle anzutreten. Nicht nur durch den Tod eines Kindes manifestiert sich früh eine schwermütig-unheimliche Atmosphäre, die bedrückende, aber nie hoffnungslose Formen annimmt. Zu sehr beweist sich Iris Wolff in diesem Fall als kitschfreie Romantikerin.

Liebevoll skizzierte Figuren

In Verlauf des Romans rücken einzelne Personen aus Samuels Familie und Umfeld in den Fokus, die gleichzeitig dessen Lebenslauf entscheidend begleiten. Wie seine enteignete und so sehr der Monarchie nachtrauernde Großmutter Karline. Oder wie Oswald, genannt Oz, Samuels bester Kumpel seit Kindheitstagen, der sich von einem Drachen verfolgt fühlt und mit dem Samuel eine haarsträubend-gefährliche, aber erfolgreiche Flucht aus Rumänien nach Deutschland gelingt. Wie der homosexuelle Bene, der als DDR-Bürger während einer Rumänien-Reise dem kleinen Samuel eine Gute-Nacht-Geschichte vorlas, und deren Wege sich Jahre später um die Wendezeit herum auf einer Nordseeinsel wieder kreuzen. Oder wie Stana, die Tochter eines parteitreuen Genossen und Samuels große Liebe. Eine Liebe, die auch die Trennung durch den Eisernen Vorhang überlebt.

Iris Wolff findet einen anmutig-impressionistischen Ton

Mit sehr viel Liebe begegnet Iris Wolff auch ihren Figuren. Für die Beschreibungen der Höhen und Tiefen im Leben ihrer Protagonisten findet sie einen anmutig-impressionistischen Ton. Familie, Herkunft, Freundschaft, Einsamkeit, Liebe, Glück im Wandel der Zeit sind die Antriebsfedern dieses so stillen, kunstvoll erzählten und verwobenen, wunderprächtigen Romans, der 2019 für den Alfred-Döblin-Preis nominiert war und völlig verdient auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020 steht. Ein Glücksfall für die deutschsprachige Literatur.

Iris Wolff: „Die Unschärfe der Welt“, Klett-Cotta, Hardcover, 215 Seiten, 978-3-608-98326-5, 20 Euro. (Beitragsbild von Annette Hauschild / Ostkreuz)       

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