Esbjörn Svensson: Home.S.

Esbjörn Svensson 2008 credit ACT Katarina Grip Höök

Das „neue“ Album von Esbjörn Svensson dürfte viele Hörer zu Tränen rühren – nicht nur Jazz-Fans. Und das aus gleich drei Gründen.

„HOME.S.“ ist ein posthum veröffentlichtes Solo-Werk der wohl prägendsten Größe des modernen europäischen Piano-Jazz – von einem genialen Künstler also, der seit fast 15 Jahren nicht mehr lebt und schmerzlich vermisst wird. Es ist womöglich die letzte völlig unbekannte Musik, die man von Esbjörn Svensson je zu hören bekommt. Und nicht zuletzt sind die neun nach den Buchstaben des griechischen Alphabets benannten Stücke schlicht wunderschön und tief bewegend, auch wenn man den traurigen Hintergrund gar nicht kennt.

Esbjörn Svensson, der Popstar des Jazz

Rückblende. Anfang der 1990er Jahre gründet der 1964 in Västeras unweit von Stockholm geborene Pianist Svensson ein Trio, das den Jazz revolutioniert. Auf Basis der Pionierarbeiten von Ikonen wie Thelonious Monk, Bill Evans und Keith Jarrett erfindet der Schwede mit e.s.t.-Alben wie „From Gagarin’s Point Of View“ (1998) oder „Seven Days Of Falling“ (2003) einen neuen hybriden Sound: zugleich wuchtig und zärtlich, hoch komplex und zugänglich, ohne stilistische Scheuklappen, im Live-Kontext stets mitreißend. Ein weltweit geachteter Popstar des Jazz mit dem Potenzial, selbst zu einer Legende des Genres zu werden – bis zu jenem verhängnisvollen 14. Juni 2008, als Svensson beim Tauchen im Stockholmer Schärengarten tödlich verunglückt.

Eine kleine Sensation

Esbjörn Svensson Home.S Cover ACT

Svenssons deutsches Label ACT hat seither mit sperrig-spannendem Nachlass-Material (“Leucocyte” und „301“), einer Retrospektive und fantastischen älteren Konzertaufnahmen die Sehnsucht der Esbjörn-Svensson-Fans nach Musik ihres tragischen Helden so zurückhaltend wie einfühlsam bedient. Eigentlich stand dabei fest, dass der Pianist und Komponist seine Kreativität auf die Arbeit mit e.s.t. – neben ihm selbst noch Dan Berglund am Bass und Magnus Öström am Schlagzeug – fokussiert hatte. Insofern ist das nun veröffentlichte Solopiano-Album aus der letzten Lebensphase des großen Bandmusikers mindestens eine kleine Sensation.

Künstlerisches Neuland für Esbjörn Svensson

Von den hauchzart hingetupften Klavier-Akkorden des Openers „Alpha“ bis zum abschließenden Track „Iota“ erzeugt Svensson einen traumhaften Flow zwischen jazziger Improvisation und neoklassischer Innerlichkeit. Man kommt als Hörer gar nicht umhin, sich den Meister allein in seinem schwedischen Kellerstudio vorzustellen, wie er heimlich die oft melancholischen Melodien einspielt und damit künstlerisches Neuland jenseits der erfolgreichen Band betritt. „Nur wenige Wochen nach diesen Aufnahmen starb Esbjörn, und alles nahm plötzlich eine andere Wendung“, sagt seine Frau Eva in einem Interview. Das Album sei daher „wie eine Nachricht, die es auf die andere Seite geschafft hat“.

Ein neues Schlaglicht

Ob ihr Ehemann diese Musik aus dem Frühjahr 2008 selbst veröffentlicht hätte oder ob sie eine solistische Fingerübung auf dem Weg zu neuen Band-Stücken geblieben wäre, lässt Eva Svensson offen. Aber: „Es ist seine Stimme, und sie hat immer noch etwas zu erzählen.“ Mit der bei gestorbenen Musikern durchaus nicht unüblichen Leichenfledderei aus Kommerz-Gründen hat das lange unerkannt auf Computer-Festplatten gesicherte, erst vor fünf Jahren entdeckte Album also nicht das Geringste zu tun. Vielmehr wirft die Veröffentlichung von „HOME.S.“ ein neues Schlaglicht auf einen brutalen Verlust – für den Jazz und die Musik insgesamt.

„HOME.S.“ von Esbjörn Svensson erscheint am 18.11.2022 bei ACT. (Beitragsbild von Katarina Grip Höök, 2008)

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