Brad Mehldau: After Bach II / Après Fauré

Brad Mehldau by Elena Olivo

Nicht viele Jazzmusiker können sich Klassik-Ausflüge so leisten wie Brad Mehldau. In seinem sehr persönlichen Stil nähert er sich erneut Bach und erstmals Fauré.

von Werner Herpell

Mit Jazz pur, ob allein oder im Ensemble, begnügt sich Brad Mehldau schon lange nicht mehr. Von Alben mit Opernsängern bis zu Prog-Rock-Aneignungen, von Electro-Crossover bis zum Folk reichen die ambitionierten Ausflüge dieses genialen Pianisten und Komponisten. Und natürlich immer wieder Pop, zuletzt mit einer feinen Beatles-Hommage, davor mit vielen Cover-Versionen von Jimi Hendrix und Beach Boys über Radiohead bis zu Nick Drake und Paul McCartney auf genreübergreifenden Solo- und Trio-Alben.

Zeitgleiche Alben zu Bach und Fauré

Brad Mehldau After Bach II Cover Nonesuch Records

Nein, stilistische Berührungsängste kannte der seit 30 Jahren aktive, hochrenommierte und

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Grammy-geehrte Mehldau nie. Auch Klassik war und ist stets ein Thema für den am Berklee College of Music und an der New School for Jazz & Contemporary Music ausgebildeten, in Europa lebenden US-Amerikaner. Immer mal wieder gibt Mehldau gefeierte Mozart-Konzerte, vor sechs Jahren beeindruckte seine profunde solistische Beschäftigung mit Bach-Werken auf „After Bach“. Diesem Kritiker-Erfolg lässt der 53-Jährige nun auf seinem Label Nonesuch zeitgleich die beiden Alben „After Bach II“ und „Après Fauré“ folgen.

Und, um es kurz zu machen: Besser geht’s nicht, schöner (und nervenberuhigender) auch nicht, als in diesen Präludien und Fugen, Nocturnes, Variationen und eigenen Hommage-Beiträgen zur bahnbrechenden Musik von Johann Sebastian Bach (1685-1750) und Gabriel Fauré (1845-1924). Es ist schon rein handwerklich und erst recht interpretatorisch meisterhaft, wie Brad Mehldau hier Klassik und Jazz kenntnisreich und sensibel in Beziehung setzt, um mit dieser Verbindung über die Jahrhunderte hinweg pianistische Funken zu erzeugen – ohne dass auch nur zu einer Sekunde der Eindruck matschiger Fusion aufkommt.

Interpretation und Improvisation

Mehldaus zweites Bach-Album umfasst vier Präludien und eine Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier sowie die Allemande aus der vierten Partita – ergänzt durch sieben eingestreute Kompositionen oder Improvisationen, einschließlich Mehldaus Variationen über Bachs Goldberg-Thema. Auf „Après Fauré“ spielt er vier Nocturne-Präludien aus einem Zeitraum von 37 Jahren im Schaffen des französischen Organisten, Chorleiters und Pianisten sowie einen Auszug aus einem Klavierquartett. Zudem werden vier von Fauré inspirierte Mehldau-Kompositionen im Zentrum des Albums präsentiert: „Prelude“, Caprice“, „Nocturne“ und „Vision“.

Zu Bachs „Universalität“ schreibt Mehldau in seinen wie schon beim ersten Album von 2018 ausführlichen Liner-Notes: „Je mehr man versucht, sich auf ihn einzulassen, desto mehr wird die eigene Persönlichkeit sichtbar, unvermeidlich. Du spielst nicht Bach – Bach spielt dich, in dem Sinne, dass er dich entblößt.“ Bach sei „ein Vorbild für mich als Jazzmusiker. In meinen improvisierten Soli möchte ich melodische Phrasen mit harmonischen Implikationen bilden und Harmonie erzeugen, die sich auf melodische Weise bewegt. Das ist ein wesentlicher Bestandteil der Erzählung.“

Brad Mehldau meistert die Meister

Auch zu Fauré hat der im Konzert oft versunken und melancholisch wirkende Mehldau seine Gedanken notiert: „Wenn das Erhabene uns einen Vorgeschmack auf unsere Sterblichkeit gibt, dann könnte diese Musik die Strenge des Todes vermitteln.“ Er habe „vier Stücke komponiert, um Faurés Musik hier zu begleiten und mit Ihnen, den Zuhörer*innen, die Art und Weise zu teilen, wie ich mich mit Faurés Frage auseinandergesetzt habe.“ An diesem Komponisten des französischen Fin de Siècle habe ihn auch fasziniert, „wie er sein musikalisches Material pianistisch aufführte – er nutzte die Klangfülle des Instruments meisterhaft als Ausdrucksmittel“.

Ob Mehldau nun Bachs barocke und Faurés spätromantisch-impressionistische Kompositionen in seinem ganz persönlichen Stil als klassisch ausgebildeter Jazz-Pianist interpretiert (also mit einem nie streng das Original nachbauenden Ansatz), oder ob er die Wirkung dieser Meisterwerke aus dem 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert in eigene Stücke ummünzt: Für Hörerinnen und Hörer sind es fast zwei Stunden herrlicher Musik, die ihnen der zeitgenössisch-moderne Klavier-Großmeister wieder einmal schenkt. Dass diese beiden fabelhaften Platten von Nonesuch nicht nur erhellende Begleittexte, sondern auch prächtige Cover-Artworks spendiert bekamen (eine historische Fotografie der Büchersammlung im berühmten Trinity College Dublin zu „After Bach II“; ein Eiffelturm-Fotoausschnitt zu „Après Fauré“), versteht sich da von selbst.

Die Solo-Alben „After Bach II“ und „Après Fauré“ von Brad Mehldau erscheinen am 10.05.2024 bei Nonesuch Records/Warner Music. (Beitragsbild von Elena Olivo)

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