Juli Zeh: Neujahr – Roman

Juli Zeh: Neujahr – Roman

Ein schmaler neuer Juli Zeh-Roman, aber alles andere als ein Nebenwerk

Nach den überwältigenden Romanen „Adler und Engel“, „Spieltrieb“ und „Unterleuten“, ist man schnell geneigt, Juli Zehs Bücher wie „Leere Herzen“, oder das nun vorliegende „Neujahr“ als Nebenwerk zu qualifizieren, zumal „Neujahr“ Zehs dritte Romanveröffentlichung in drei Jahren ist, und dann stellt man sich zwangsläufig die Frage, ob diese Vielschreiberei gut gehen kann. Allerdings ist es bei Juli Zeh dann entweder Jammern auf hohem Niveau oder man tut ihr mit dieser Einordnung schlicht unrecht. „Neujahr“ ist mit knapp 200 Seiten der mit Abstand kürzeste Roman der 1974 in Bonn geborenen Schriftstellerin und konzentriert sich auf das Leben der Hauptfigur Henning.

Hennings Innenleben

Juli Zeh Neujahr Cover LuchterhandHenning strampelt sich am Neujahrstag dieses Jahres den Frust während einer Radtour im Urlaub, den er mit seiner Frau Theresa und den Kindern Jonas (4) und Bibbi (2) auf Lanzarote verbringt, ab. Allein, die Voraussetzungen für das Erklimmen des Atalaya-Berges sind alles andere als günstig. Ein mittelprächtiges, kaum für eine Bergtour geeignetes Fahrrad, kein Frühstück im Magen, keine Verpflegung mitgenommen, seine Frau flirtete auf der Silvester-Party mit einem Franzosen und in der fast schlaflosen Nacht meldeten sich wieder seine Panikattacken. Dazu die fehlende sportliche Form und schon wird die Tour hoch nach Femés zur Qual. Normalerweise hilft Henning das Radfahren, dient ihm zu Beruhigung, doch diesmal kommt gedanklich alles hoch und je erschöpfter ihn die körperliche Betätigung werden lässt, desto mehr Einblicke erhalten wir von seinem (Innen)Leben.

Die Identitätskrise

Henning und Theresa führen mit ihren beiden Kindern eine moderne und emanzipierte Ehe. Beide sind berufstätig, beide arbeiten halbtags, sie in einem Steuerbüro, er in einem Sachbuchverlag, und nutzen noch ein Home-Office.  Da Theresa mehr verdient, kümmert sich Henning freiwillig und selbstverständlich mehr im Haushalt und Kinder. Doch seit Bibbis Geburt vor zwei Jahren hat sich „ES“ in sein Leben geschlichen. „ES“ sind horrende Überlastungssymptome, die sich in unangemeldeten Panikschüben manifestieren und Henning das Leben zur Hölle machen. Auf dem Radweg den Berg hinauf werden wir Zeugen seiner tiefen Identitätskrise. Völlig erschöpft, unterzuckert und dehydriert erreicht Henning Femés, wo ihm die aus Hannover stammende Lisa hilft, die sich Jahren ein Haus auf Lanzarote gekauft hat. Ein Haus, das Henning in die Erinnerungen frühster Kindheit treibt und die innige Beschützerbeziehung zu seiner jüngeren Schwester auf den Prüfstand stellt.

Juli Zeh und der moderne Tragödienstoff

Juli Zeh erzählt Hennings traumatisches Erlebnis, das ihm als Fünfjährigen auf Lanzarote widerfuhr, mit dramatischen Thrill. Die Problematik der Überforderung und elterlicher Verantwortung wirft Zeh indes auch in diesem, in der Hälfte des Buches beginnenden, Kapitel auf. Im Prinzip ist Henning der Prototyp des modernen Mannes, der alte Rollenmodelle über Bord wirft, Gleichberechtigung in der Partnerschaft vorlebt, sein männliches Ego sogar zurückstellt, jedoch an seine Grenzen stößt und daran verzweifelt. So funktioniert moderner Tragödienstoff. „Neujahr“ ist Psychogramm und Gesellschaftsanalyse. Zwei wichtige Aspekte in Zehs schriftstellerischem Schaffen, die sie beherrscht und hier in verknappter Form profunde zu Papier bringt. Von einem Nebenwerk kann wahrlich nicht die Rede sein.

Juli Zeh: „Neujahr“, Luchterhand, Hardcover, 192 Seiten, 978-3-630-87572-9, 20 € (Beitragsbild by Peter von Felbert).

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