Uwe Timm: Ikarien – Roman

Uwe Timm: Ikarien – Roman

 

Uwe Timms Deutschstunde der besonderen literarischen Art

Uwe Timm, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller der letzten fünfundvierzig Jahren, kehrt vier Jahre nach Vogelweide mit seinem neuen Roman Ikarien auf die Prosabühne zurück. Wer noch immer kein Buch des 1940 in Hamburg geborenen Autors gelesen haben sollte, wem also weder Heißer Sommer, Morenga und Die Entdeckung der Currywurst noch Johannisnacht, Rot oder Am Beispiel meines Bruders sowie Der Freund und der Fremde ein Begriff sind, und wer auch am Kinderbuch Rennschwein Rudi Rüssel nichtsahnend vorbeilief, der kann nun mit Ikarien in die Welt des Uwe Timm eintauchen, besitzt dieser Roman  doch alles, was einen guten Uwe Timm-Roman auszeichnet.

Sounds & Books_Uwe Timm_Ikarien_Coever_Kiepenheuer & WitschTimm wendet sich wie so häufig der deutschen Vergangenheit und der Frage nach idealen und Utopien zu. Michael Hansen erlebt die Stunde Null aus der Sicht des Befreiers. Als Kind mit Mutter und Schwester dem Vater in die USA gefolgt, kehrt der 25-Jährige im April 1945 als Lieutenant der Army mit dem Auftrag „Verhör und Feindaufklärung“ nach Deutschland zurück, wo er mehr über die Verstrickungen von Alfred Ploetz und den Nazimachthabern eruieren soll. Sein Gesprächspartner ist der 81-jährige Dissident Wagner, der als linker Gesinnungsgenosse im Lager Dachau einsaß, aufgrund des Protestes seines Chefs wieder freikam und anschließend als Buchantiquar arbeiten konnte. Wagner erzählt Hansen die Geschichte seines Freundes Alfred Ploetz, mit dem er im ausgehenden 19. Jahrhundert einem Zirkel angehörte, der sich die Utopie einer gleichen, gerechten und freundlichen Gesellschaft ans Revers heftete, beeinflusst von Étienne Cabets Buch „Reise nach Ikarien“. Während Wagner weiterhin an revolutionär-utopische Ideale festhielt, verfiel Ploetz der Lehre Darwins anheim und fand als Mitbegründer der Eugenik und Verfechter der Rassenhygiene im Nationalsozialismus seine geistige Heimat.

Was möglicherweise nach einer trockenen historischen Abhandlung klingen mag, dem wirkt Timms jederzeit fesselnder und eloquenter Bericht Wagners, der die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit interessanten Personen wie z.B. den Hauptmann-Brüdern und einer Reise in die USA umfasst,  sowie den Erlebnissen Hansens in der frühen Nachkriegszeit, die vom Liebesabenteuer hin zur Gründung des Amerika-Hauses reichen, entgegen. Uwe Timm, der u.a. mit dem Heinrich-Böll-Preis sowie der Carl Zuckmayer-Medaille geehrt wurde, setzt seinem ruhmreichen Prosawerk mit „Ikarien“ ein weiteres beeindruckendes Kapitel hinzu. Eine Deutschstunde der besonderen literarischen Art.

Uwe Timm: „Ikarien“, Kiepenheuer & Witsch, Hardcover, 512 Seiten, 978-3-462-05048-6, 24 €.

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