Interview mit Ina Elbracht, der Blogbuster-Preis-Kandidatin von Sounds & Books

Interview mit Ina Elbracht, der Blogbuster-Preis-Kandidatin von Sounds & Books

 

Sie ist die Sounds & Books-Spitzenkandidatin für den Blogbuster-Preis 2017. Die in Köln wohnende Ina Elbracht, die in ihrem Roman „Sie nannten mich den Mann mit den Goldenen Schuhen“ E.T.A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ ideenreich und humorvoll in die Moderne transportiert, mitten in die Schlagermusikszene. Ina Elbracht stand Sounds & Books im folgenden Interview Rede und Antwort. Hier erfahren Sie alles über die Hintergründe des Romans und wie alles begann…

 

Ina, Du hast Dich gegen elf andere Kandidaten Bei Sounds & Books für den Blogbuster-Preis durchgesetzt. Was machst Du als Erstes, wenn Du demnächst auf der Shortlist bei Blogbuster stehst und den Preis wenige Wochen später gewinnst?

Uih, das wäre toll! Und da wir uns ja dann im Literaturhaus in Hamburg befänden, also in der Stadt, die Du Dir zum Leben und Arbeiten ausgesucht hast, müsstest Du mir weiterhelfen, wo es sich auf diesen schönen Anlass gut anstoßen ließe. Alternativ könnte ich es auch wie Ingeborg Bachmann bei der Gruppe 47 machen und in meinem Hotelzimmer still in Ohnmacht sinken. Vor Glück, versteht sich. Wir gucken mal, wonach uns dann spontan mehr der Sinn steht, ok?

Es heißt ja, man solle gelegentlich alle Selbstzweifel und Bescheidenheit über Bord werfen und visualisieren, wie es denn wäre, wenn man das Gewünschte erreicht hätte. Deshalb schicke ich Dir ein Bild von E.T.A. Hoffmann und mir, wie wir uns riesig über den Gewinn des Blogbuster-Preises freuen (siehe Beitragsbild).

 

Ist „Sie nannten mich den Mann mit den Goldenen Schuhen“ Dein erster Roman?

Der „Mann mit den Goldenen Schuhen“ ist zwar mein viertes Romanprojekt, aber dennoch das erste, bei dem ich das Gefühl hatte: Ja, damit bin ich einigermaßen zufrieden, das darf raus in die Welt.

 

In diesem Roman transportierst Du E.T.A. Hoffmanns berühmtes Werk „Elixiere des Teufels“ in die heutige Zeit, und zwar in die Schlager- und Volksmusikszene. Welchen Bezug hast Du persönlich zur Schlagerbranche? Welche Art Musik hörst Du privat?

Als ich das Konzept für den Roman entworfen habe, sind natürlich zahlreiche Überlegungen in die Figur des Protagonisten geflossen, allem voran die Frage, was für ein Künstler bzw. Musiker er sein sollte. Ursprünglich schwebte mir etwas ganz anderes vor, nämlich eine düsterere Figur, angelehnt etwa an eine Mischung aus Ian Curtis und Nick Cave. Aber das hätte nicht funktioniert. Ich kann nicht mehr genau sagen warum, aber ich wusste irgendwann auf einmal, dass „Theo Medardus“ ein Volksmusikant und Schlagersänger sein muss und der Roman nur in diesem Klima richtig gedeihen kann.

Ich habe mal eine Zeitlang in einem Unternehmen gearbeitet, das u.a. Schlager-CDs an Discounter geliefert hat. Bei Reklamationen war es Teil der Qualitätssicherung, die zu verschickenden Ersatz-CDs komplett anzuhören, um Produktionsfehler ausschließen zu können. Und das haben wir im Büro dann auch eisern durchgezogen. Durch den Kontakt mit Kunden und dem „Produkt Schlager“ habe ich besser zu verstehen gelernt, was diese Musik und ihre Interpreten für Menschen bedeuten können. Mit nach Hause genommen habe ich mir Helene Fischer, die Flippers und Wildecker Herzbuben dann aber doch nicht. Mein musikalisches „Erweckungserlebnis“ hatte ich als Jugendliche mit Morrisseys erstem Solo-Album. Die Smiths hatten sich da leider schon getrennt. Morrissey war auch mein erstes Live-Konzert. Für dreißig Mark in einem kleinen Club in Köln. Wahnsinn!

 

Wie tief musstest Du in der Schlagerbranche für Deinen Roman recherchieren?

Hmm, das klingt ein bisschen, als ob ich mich dafür im Morast wälzen oder gleich den Hades hätte durchschwimmen müssen. So schlimm war das gar nicht. Ehrlich.

Meine Vorerfahrung mit Schlager beschränkte sich zu Beginn meiner Recherchen auf die Erinnerungen an die ZDF-Hitparade meiner Kindheit, die Udo Jürgens-Schallplatten meiner Mutter und das Revival des 70er Schlagers mit Interpreten wie Dieter Thomas Kuhn und natürlich Guildo Horns Grand-Prix-Teilnahme. Ich habe mir – youtube und diversen Mediatheken sei Dank – viele Beiträge und Dokumentationen angesehen und (von Heino bis Sonja Ziemann) eine nicht geringe Anzahl von Biografien gelesen. Ich war mir nicht mal für die beiden Autobiografien von Dieter Bohlen zu schade. Ja, ganz richtig: Es gibt zwei. Als ich in der Stadtbücherei war, sagte der Mitarbeiter am Ausleihe-Schalter ganz freundlich „Ja, irgendwie ist der Mann doch auch ganz faszinierend, oder?“ „Ich lese das nur aus Recherchegründen!“, habe ich schnell, wahrscheinlich viel zu schnell geantwortet und vermutlich doof dabei gelacht. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er oder einer der grinsend Umstehenden mir geglaubt hätten.

 

Wie sieht es mit Deinen literarischen Vorlieben aus? E.T.A. Hoffmann scheint prägend für Dich gewesen zu sein. Was fasziniert Dich an seinem Werk? Welche anderen Schriftsteller gehören zu Deinen Favoriten?

E.T.A. Hoffmann war Mehrfachkünstler (Literatur, Musik, Malerei und Karikatur) und hatte dabei (fast) sein ganzes Leben lang noch einen Brotberuf als preußischer Beamter. Ein Tausendsassa. Und jemand, dessen Liebe, Sehnen und Trachten eigentlich immer der Musik galt, der als Komponist erfolgreich sein wollte, was nie gelang. Seine Texte hat er – unter dem Einfluss von was auch immer – in unfassbar kurzen Zeiträumen geschrieben. Den ersten Band der „Elixiere des Teufels“ beispielsweise in vier Wochen. Einfach so und scheinbar vollkommen mühelos. Und dabei unterhaltsam, phantastisch, tiefgründig, schaurig und mit mehr hintergründigem Humor, als man vom „Gespenster-Hoffmann“ so denken mag. E.T.A. Hoffmann war jemand, dem der Schalk im Nacken saß und der oft unbändiger war, als es für seine Karriere gut gewesen wäre. Je mehr ich von und über ihn gelesen habe, desto stärker bin ich ihm verfallen.

Aber das Leseleben besteht ja nicht nur aus zweihundert Jahre alten Romanen. Und nicht nur aus Autoren des klassischen Kanons, die schon tot sind. Ich bemühe mich, mit bester Unterstützung meiner örtlichen Buchhandlung, nicht immer dieselben Autoren zu lesen, nur weil ich sie einmal für mich „entdeckt“ habe. Müsste ich aber einen Lieblingsautor benennen, so wäre es Haruki Murakami.

 

Gab es einen bestimmten Anlass, der Dich zu „Sie nannten mich den Mann mit den Goldenen Schuhen“ inspirierte?

Ich habe von zehn Jahren zum ersten Mal „Die Elixiere des Teufels“ gelesen und hatte sofort den Wunsch, irgendwann eine zeitgenössische Fassung zu schreiben, bei der es keine Doppelgänger geben sollte, sondern sich der Protagonist mehrfach selbst begegnet. Das blieb als lose Idee bei mir hängen. Unabhängig davon hatte ich Lust, einmal eine fiktive Künstlerautobiografie zu machen, dachte aber da noch an etwas im Stil der Tagebücher von Anaïs Nin. Eine weitere Idee, die mir schon länger im Kopf herumspukte war es, einmal einen Roman zu schreiben, dessen einzelne Teile kleine Zeitreisen von den 50er bis zu den 80er Jahren wären. Irgendwann und ganz allmählich verbanden sich diese Teile dann im Laufe der Zeit zum Konzept für den „Mann mit den Goldenen Schuhen“.

 

Hast du bereits als Kind/Jugendliche Prosa oder Gedichte geschrieben?

Ja, ich habe als Kind gerne gedichtet und mir Geschichten ausgedacht oder Stücke für das Marionettentheater. In das Steckbriefbuch meiner besten Freundin habe ich im fünften Schuljahr unter der Rubrik Berufswunsch „Schriftstellerin“ vermerkt. Na ja, was nicht ist, kann ja noch werden.

 

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Dich zunächst zu einer begeisternden Leserin machte (vorausgesetzt Du bist eine)?

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber es muss ein schönes Gefühl gewesen sein, zum ersten Mal ein Buch allein gelesen und es sich erschlossen zu haben. Zumindest habe ich, seit ich es kann, gern gelesen. Als Kind all das, was der wöchentlich anlegende Büchereibus und die Pfarrbücherei so in petto hatten.

 

Was macht einen Roman aus, der Dich mitreißt?

So viele Bücher, so wenig Zeit. Wie die meisten Menschen, die viel schreiben, lese ich neben Rechercherelevantem weit weniger, als ich gern würde. Mittlerweile lese ich von einem Roman, es sei denn es handelt sich um eine wirklich nachdrückliche Empfehlung, nur noch das erste Kapitel und entscheide danach, ob ich weiterlese. Entweder hat mich bis dahin „etwas“ gepackt und ich fahre fort oder eben nicht. Was das aber genau ausmacht, kann ich schwer benennen. Dafür sind die Gründe zu vielfältig und unterschiedlich.

 

Schreibst Du bereits an einem neuen Roman?

Nachdem mich in meinen Texten häufig phantastische Elemente begleitet haben, arbeite ich im Moment zum ersten Mal an einem „richtigen“ Fantasy-Romanprojekt, Arbeitstitel „Klunga“. Es handelt von Ghulen, die seit 2.000 Jahren die heimlichen Strippenzieher meiner Heimatstadt Köln sind. Wenn also Tropen den „Mann mit den Goldenen Schuhen“ verlegen wollen würde, könnte ich doch mit „Klunga“ auch gleich bei Klett-Cotta bleiben, oder klingt das irgendwie unbescheiden?

 

Eine Leseprobe des Romans „Sie nannten mich den Mann mit den Goldenen Schuhen“ ist hier einzusehen.

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