Roland Schimmelpfennig: Die Linie zwischen Tag und Nacht

Roland Schimmelpfennig: Die Linie zwischen Tag und Nacht

Bilder von atmosphärischer, bisweilen halluzinatorischer Dichte und Klarheit: Der neue Roman von Roland Schimmelpfennig

„Sie trieb in ihrem weißen Brautkleid auf dem grünen Wasser des Kanals, die junge Frau trieb auf dem Rücken, sie hatte Rosen im Haar. Sie sah in den Himmel.“ Mit dieser wundersam-schaurigen Szene beginnt Roland Schimmelpfennigs kürzlich erschienener dritter Roman Die Linie zwischen Tag und Nacht. Umgeben von einer berauschten Menschenmenge, die am Ufer des Landwehrkanals in den Mai getanzt, getrunken und gefeiert hat, ist Tommy – Ich-Erzähler und suspendierter Drogenfahnder – trotz aller Übermüdung und rauschhaft verzerrter Wahrnehmung der einzig Hellsichtige; er wird der toten Frau im Wasser gewahr und verständigt den Rettungsdienst. Beauftragt von einem ‚Mann mit traurigen Augen‘, dessen Identität zunächst ebenso ungeklärt ist wie die des toten Mädchens, begibt sich Tommy auf dessen Spur und enthüllt nach und nach die Geschichte der Toten.

Roland Schimmelpfennig entwirft ein faszinierendes Figurenensemble

Traumwandlerisch – oder: getrieben von einem in jahrelanger Ermittlungsarbeit gewonnenen Instinkt – sucht Tommy Gefährten und Informanten aus früheren Zeiten auf und taucht ab in Berlins Unterwelten. Dabei treffen wir auf ein faszinierendes Figurenensemble mit exotischen Namen; Figuren, die es auf die ein oder andere Weise aus der Bahn geworfen hat. Ob die Drogen, die sie konsumieren, Ursache oder Symptom des Problems und ihres Außenseiterdaseins sind, bleibt offen. Oft tragen die Figuren Kunstnamen, die als Chiffre für die Suche nach der eigenen Identität stehen – einer Suche, die zwischen Betäubung und Selbsterkenntnis oszilliert – oder für den Versuch, die eigene Identität aufzugeben.

Halbkriminelles Milieu

Roland Schimmelpfennig Die Linie zwischen Tag und Nacht Cover S. Fischer Verlag

Auch Tommy selbst hat es aus der Bahn geworfen; dass er als Polizist die Seiten gewechselt und sich mit Vertretern des Drogenmilieus eingelassen hat, ist die Folge eines schrecklichen, von Tommy verursachten Unfalls auf dem Kottbusser Damm, bei dem ein Junge tödlich verunglückt ist. Danach verliert er jeden Halt, die „Linie zwischen Tag und Nacht“ verschiebt sich fortwährend; eine sinnhafte und klare Trennung zwischen Recht und Unrecht scheint nicht mehr möglich, das bürgerlich-rechtschaffene Leben keine Perspektive mehr.

Auch Vorstellung und Realität lassen sich nicht immer klar voneinander unterscheiden. Doch gerade in diesem (halb-)kriminellen Milieu findet Tommy nicht nur Freundschaft, sondern sogar eine Art Trost, er wird als das erkannt und akzeptiert, was er ist oder was aus ihm geworden ist: ein durch das Gefühl einer niemals zu tilgenden Schuld gebrochener Mann; einer Schuld, durch die er selbst sein Recht auf Leben und Glück verwirkt zu haben glaubt: „Ich war durchsichtig. Ich war ein Gespenst.“

Grenzgänger

Das Bild jener „Linie zwischen Tag und Nacht“ ist auch auf Tommys konkrete Lebenssituation zu beziehen: Suspendiert vom Polizeidienst wartet er auf die Anklage, nach der ihm eine Gefängnisstrafe droht. In diesem Zustand der Unentschiedenheit und angesichts des Umstands, dass Tommy keiner der beiden Welten wirklich angehört, bleibt er ein Grenzgänger: „Aus der Taubheit in meiner Schulter wurde ein gleißender, sonnenheller Schmerz in meiner Brust, der mir den Atem raubte und den Boden unter den Füßen wegzog, ich spürte, wie meine stolpernden Füße den Boden suchten, aber ich konnte meine Füße nicht sehen, ich sah in den Himmel, ich sah in die Dämmerung, Dämmerung, ist das ein schönes Wort oder ein hässliches Wort, hatte Csaba einmal gefragt, schwer zu entscheiden […].“

Ein Film in Worten von Roland Schimmelpfennig

Wie schon Schimmelpfennigs erster, 2016 erschienener Roman An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist auch seine neue Veröffentlichung ein ‚Film in Worten‘, in dem Szene auf Szene, Rausch auf Rausch, Gespräch auf Gespräch, Lebensgeschichte auf Lebensgeschichte folgt. Perspektivische Überblendungen entstehen, der Text setzt bewusst auf Wiederholung. Trotz aller Bewegung der Figuren – die formal und stilistisch einer temporeichen und äußerst spannenden Erzählung entspricht – wird so von Beginn an der Eindruck von Ausweglosigkeit evoziert und die Ahnung, dass wir gemeinsam mit Tommy unaufhaltsam auf ein Ende mit Schrecken zutreiben.

Das Ende der Suche wird, so ahnt man, dem Aufwachen nach vielen durchgemachten Nächten gleichen, dem „Entsetzen, dem Elend, der Depression, auch der Todessehnsucht nach solchen Exzessen“. Über die wahrhaft packende Krimihandlung hinaus zieht Die Linie zwischen Tag und Nacht die Leser*innen in Bann. Das Ende der Lektüre ist wie das Heimkommen von einer weiten Reise, in Erinnerung bleiben Bilder von atmosphärischer, bisweilen halluzinatorischer Dichte und Klarheit. Und der Wunsch nach einem Glas Tomatensaft mit Bier.

Roland Schimmelpfennig: „Die Linie zwischen Tag und Nacht“, Roman, S. Fischer, 2021, 206 Seiten, 978-3-10-397410-2, 22 Euro. (Beitragsbild von Adriana Jacome)

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