Jamel Brinkley: Unverschämtes Glück

Jamel Brinkley: Unverschämtes Glück

„Unverschämtes Glück“, das bei Kein & Aber erschienene Debüt von Jamel Brinkley, ließe sich wie folgt anteasern: Mal wieder kein „aber“ bei Kein & Aber, außer: Aber gut. Und zwar sehr!

In der Sache ähnlich, im Ton superlativer, teasert Kirkus Reviews „Unverschämtes Glück“ gleich mal als „das beste Debüt des Jahres“ an. The New Yorker betont indes die „subtile Schärfe“ der Geschichten und nach Meinung der Chicago Review of Books zeigt das „herausragende Debüt“ auf, „was Kurzgeschichten zu leisten vermögen“. Diese formal wertfreie Leistungseinschätzung kann, sollte und muss als durchweg positiv konnotierte verstanden werden. Andernfalls fände sie sich wohl kaum mit den erstgenannten auf dem Umschlag des in deutscher Erstausgabe erschienenen Erzählbandes abgedruckt.

Jamel Brinkley und sein „Unverschämtes Glück“: ein echter Neunmalgut

Jamel Brinkley Unverschämtes Glück Cover Kein & Aber

Die Auswahl entsprechender Kritiken ließe es übrigens problemlos zu, vorgenannten Stimmen weitere begeisterte und reichweitenstarke beizustellen – oder den Umschlag auch komplett mit solchen zuzukleistern. Mehrschichtig. Selbst in Steno und kleinster Schriftgröße.
Diese Euphorie ist weniger unverschämtes Glück, denn logische, aus dem unverschämt guten Debüt Jamel Brinkleys resultierende Konsequenz.
Es sind die Perspektiven männlicher Schwarzer, aus denen heraus der literarische Shootingstar die neun im Buch enthaltenen Geschichten erzählt. So verschieden die Rollen seiner Protagonisten sind – sind Brüder, sind Freunde, sind Söhne, sind Liebhaber – oder wären es gern – sind Väter, sind Kollegen, sind Konkurrenten, sind Kinder, sind Heranwachsende, sind Männer – so authentisch verleiht der Autor ihnen allen eine der Authentizität unabdingbare, lebendige Mehrdimensionalität. Brinkley gelingt es, seine Figuren und die sie umtreibenden Themen exakt der Textlänge anzupassen – sie zu verdichten, ohne bei kürzeren Erzählungen an Tiefgründigkeit zu verlieren, oder, bei längeren, ins Oberflächliche abzudriften.

Wenn Oberflächlichkeit, dann sorgsam erzählte

Und wenn es doch einmal oberflächlich wirkt, dann, weil es genau diese Oberflächlichkeit braucht, um manch Charakter besagte Authentizität zu verleihen. Auch da also kein oberflächliches Erzählen, sondern stimmig erzählte Oberflächlichkeit. So beispielsweise in der Story „Wie prickelnd“, in der zwei Studenten auf einer Party versuchen, Frauen abzuschleppen, dann aber, und dort bricht die erzählte Oberflächlichkeit, mit der unangenehmen Wahrheit ihrer eigentlichen Wünsche konfrontiert werden.  Klingt erstmal nicht neu, fühlt sich beim Lesen aber so an.
Jamel Brinkley findet einen eigenen Ton, Sehnsucht zu thematisieren, Freundschaft, Konkurrenz, auch familiäre, findet eine eigene Sprache, von Scham zu erzählen, von Herkunft, von offenen Rechnungen, von unerfüllten Lieben und von übererfüllten.  Vom gattungsüblichen linearen Erzählen weicht er dabei mehr als nur einmal ab, was die Wirkung der ohnehin krachstarken Geschichten wiederum mehr als doppelt.

Großes Erzählkino

Gedacht sei hier besonders an die Story „Wolf und Rhonda“, in der es ziemlich genau hierum geht: Klassentreffen. Immer unangenehm. Besonders, wenn man, wie früher schon, auch viele Jahre später noch immer von allen „Fat Rhonda“ genannt wird. Trotzdem ist Rhonda da. Ebenso, wie der ehemalige Jahrgangsschwarm Willfried „Wolf“ Jones, der in der Schulzeit mit Rhonda Sex hatte, einzig um – na klar – sie zu demütigen. Kam dann aber alles anders und kommt nochmal ganz anders auf ebenjenem Klassentreffen. Großes Erzählkino!
Gilt übrigens für das komplette im Original als „A Lucky Man“ erschienene Debüt. Allen darin enthaltenen Geschichten wohnt eine Zärtlichkeit und Hoffnung inne, die mal mehr, mal weniger offensichtlich, mal mehr, mal weniger begründet, mal mehr, mal weniger präsent, aber stets da ist.

Warum die deutsche Erstausgabe „Unverschämtes Glück“ noch immer in der ersten Auflage zu haben und nicht längst vergriffen ist, obwohl bereits im August 2019 erschienen, ist unklar. Und zwar völlig. Mehr zu nörgeln gäbe es dann aber nicht. Reicht ja auch. Und zwar ebenfalls völlig.

Jamel Brinkley: „Unverschämtes Glück“, Kein & Aber, übersetzt von Uda Strätling, Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten, ISBN: 978-3-0369-5816-3, 22 € (Beitragsbild: Jamel Brinkley by Arash Saedinia)

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