Casper: Alles war schön und nichts tat weh

Casper: Alles war schön und nichts tat weh

Casper, das Unikum des Deutsch-Rap veröffentlicht sein fünftes Studioalbum (Kollabos und Liveplatte nicht mitgezählt) – und stellt einmal mehr fest, dass Genregrenzen irrelevant sind. Man wird so oder so assimiliert. But don’t call it Crossover.

Nachdem Casper mit seinen vergangenen Alben seine Affinität bewies zum Goth/Wave-Rock sowie große Springsteen-Stadion-Gesten aus dem Ärmel schüttelte, gönnte er sich nun Pandemie-bedingt vermehrt Reflexionen sowie Inspirationen aus seinem Ich, wenn schon wegen der verdammten Seuche kaum welche von Außen kommen können. Wobei „Außen“ auch Vergangenes darstellen kann, wie Casper selbstkritisch in diversen Interviews anmerkt. Zum Beispiel würde er einen Song seines Überflieger-Albums „XOXO“ von 2011 heute „weniger toxisch” werden lassen, wie er dem ME zu Protokoll gab. Oder, wie er beim Album-Closer „Fabian“ über sich anmerkt: „Was für ein blöder Idiot – nennt sein Album „Lang lebe der Tod“.

Die Depressionen

Casper Alles war schön und nichts tat weh Cover Eklat Tonträger

In dem Song berichtet Casper von der Leukämie-Erkrankung eines Freundes – aufwühlende sieben Minuten, die zum Glück in ein Happy End münden und damit zu einer Ode an das Leben. Autobiographisches zeigt sich außerdem in der PTBS-Beschreibung „Billie Jo“, die sich so in der Familie des US-Deutschen zugetragen haben soll. Mit „Zwiebel & Mett“ sowie „Das bisschen Regen“ führt Casper seine Reihe „Die Vergessenen“ fort, die er auf „XOXO“ begann und die seitdem pausierte – Umweltzerstörung oder aufkommender Faschismus sind da Sujets, die beweisen, dass Casper inhaltlich nicht nur bei sich selbst bleibt.

Darüber hinaus verarbeitet der häufig als „Emo-Rapper“ gescholtene Casper einmal mehr seine Depressionen, einmal mit dem Leidensgenossen Tua („Kannst Du das Tuch spannen ich glaube ich falle“) in „TNT“, einmal mit der zu zunehmender Selbstreflexion neigenden Haiyti in ihrem Refrain von „Wolken“, zu dem Casper ein paar neue Zeilen addiert. Im, von Kurt Vonneguts „Slaugterhouse 5“ entnommenen Titel „Alles war schön und nichts tat weh“ sinniert Casper: „Ich hab heute wieder dran gedacht Dass ich mir zu viel Gedanken mach“ und „Bau Türme von Problemen im Kopf ohne Verstand“; und ehrlich: Wer kennt es nicht, wer nicht vollkommen verroht oder marktkompatibel unterwegs ist. Casper zapft mal wieder unsere Empathie-Fähigkeiten an wie kaum ein Zweiter, textlich vor allem, aber ebenso musikalisch: seine vielfältigen Interessen weit über Deutschrap hinaus manifestieren sich in genreübergreifenden Sounds beziehungsweise bilden inzwischen schon fast ein eigenes Genre.

Casper und Gäste

Produktionstechnisch wie songwriterisch zur Seite stand diesmal Max Rieger von Die Nerven aka All Diese Gewalt – nichts wirkt dabei zu fett oder überladen (wie es bei Casper aber auch schön klingen kann) sondern songdienlich nuanciert mit Stilmittel wie Streichern, Kinderchören, Klavier oder der wundervollen Stimme Lena Meyer-Landruts. Felix Kummer, Provinz sowie Arnim Teutoburg-Weiß komplettieren die Gästeliste – mit ersterem formuliert Casper post-pandemische Gelüste, wie sie jeder Freund von Live-Musik entwickelte in den letzten Jahren, unabhängig von der präferierten Richtung.

Casper hätte auch anders können, angeblich hat er ein unveröffentlichtes Black Metal-Album in der Schublade (das Ende von „Flackern, Flimmern“ auf „Lang Lebe der Tod“ machte diesbezüglich bereits neugierig), doch er entschied sich erstmal für seine Kernkompetenz: „Textbasierte Musik für Leute, die das lieben“, wie er im Interview mit HipHop.de kundtut. Und liebenswert ist diese Platte sowie sein Erschaffer, entwickelt sich Casper doch kontinuierlich weiter und verharrt nicht auf dem Status Quo von vorgestern, wie es viele andere nach einem Überalbum in ihrer Diskographie so tun. Wir Hörenden wachsen daran mit.

“Alles war schön und nichts tat weh” von Casper erscheint am 25.02.2022 bei Eklat Tonträger / Sony. (Beitragsbild: Albumcover)

Unterstützen Sie Sounds & Books

Auch hinter einem Online-Magazin steckt journalistische Arbeit. Diese bieten wir bei Sounds & Books nach wie vor kostenfrei an.
Um den Zustand zukünftig ebenfalls gewährleisten zu können, bitten wir unsere Leserinnen und Leser um finanzielle Unterstützung.

Wenn Sie unsere Artikel gerne lesen, würden wir uns über einen regelmäßigen Beitrag sehr freuen.

Spenden Sie direkt über PayPal oder via Überweisung.

Herzlichen Dank!

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Kommentar schreiben