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30. Januar 2023Die US-Amerikanerin Natalie Mering alias Weyes Blood wird im Konzert in Berlin auch den höchsten Erwartungen gerecht
Steile These: Über die bezauberndste Stimme im aktuellen Indiepop verfügt derzeit (und wohl mit Langzeitwirkung) die US-Amerikanerin Natalie Mering alias Weyes Blood. Wobei die These dann doch nicht so steil ist, wenn man ihr neuestes Album gehört und jetzt auch noch ihre umwerfende Konzert-Performance erlebt hat. Im mittelgroßen, restlos ausverkauften Berliner Traditionsclub Festsaal Kreuzberg gastierten Weyes Blood (Gesang, Akustikgitarre) und ihre vierköpfige Band an diversen Keyboards, E-Gitarre, Bass und Schlagzeug am 28.01.2023 mit einem überwältigenden Gig.
Ein kathedralengroßer Sound
Die in gut 80 Minuten präsentierten 14 Songs deckten zu großen Teilen das auf vielen Jahresbestenlisten für 2022 geführte Album „And In The Darkness, Hearts Aglow“ ab, der ähnlich starke Vorgänger „Titanic Rising“ von 2019 wurde mit einer Handvoll Tracks ebenfalls ausgiebig gewürdigt. Und wer befürchtet hatte, dass die Opulenz dieser beiden Platten sich live wohl kaum angemessen reproduzieren lasse, sah sich angenehm überrascht – der Sound war auch im Konzert kathedralengroß.
Schon der Support-Act Sam Burton hatte keinen Zweifel gelassen, dass dieser denkwürdige Abend eine große Feier des 70er-Jahre-Songwriter-Pops werden würde. Als sängen John Denver oder Roy Orbison mit Emmylou Harris oder Joni Mitchell – so in etwa klangen Burton und Haylie Hostetter alias Lady Apple Tree in ihren herzerweichenden Harmony-Vocals. Wobei die talentierte Sängerin ihrem Partner mit der Coverversion von “Didn’t Wanna Have To Do It“ (The Lovin‘ Spoonful, 1966) fast die Schau stehlen konnte.
Die Bühne war also bestens bereitet für Weyes Blood und ihren prachtvollen Mix aus Indie-Folk, Dream-Pop und Songwriter-Balladen. Wohl selten hat eine noch junge Musikerin zuletzt so viele Superlativ-Vergleiche auf sich gezogen wie Mering: von der erwähnten Folk-Göttin Joni Mitchell über Carole King und Aimee Mann bis zu – was das Live-Charisma betrifft – Kate Bush oder Björk. Und die 34-Jährige aus dem kalifornischen Santa Monica „lieferte“ in Berlin.
Weyes Blood lässt Lana Del Rey zittern
Im langen weißen Elfen-Kleid, mit bedächtigen, effektvollen Bewegungen und vor allem mit einer enorm flexiblen, voluminösen Altstimme ließ Mering von Anfang an keinen Zweifel, dass hier ein Indie-Popstar heranreift, der einer Lana Del Rey oder Taylor Swift mindestens ebenbürtig ist. Aktuelle Lieder wie das schmerzhaft schöne „It’s Not Just Me, It’s Everybody“, „Grapevine“ oder „Hearts Aglow“, aber auch älteres Material wie „Something To Believe“ oder „Movies“ sind eben nicht nur extrem gut geschriebene und im Studio wunderbar üppig ausgepolsterte Tracks – sondern gerade auch im Konzert zutiefst berührend.
Erst recht auf einer Bühne, die überwiegend dunkelblau und blutrot (die Farben der jüngsten Albumcover von Weyes Blood) und ansonsten fast nur von sechs großen Kandelabern illuminiert war. Mering ist sich der Wirkung ihrer warmen Stimme bei aller Bescheidenheit sehr bewusst, sie weiß sich im Konzert durchaus zu inszenieren.
Als die Musikerin kurz vor Schluss von der kleinen Erhöhung des Drumkits herunterhüpfte, dachte man tatsächlich kurz: Jetzt hebt sie ab in höhere Sphären… Zum Glück landete Mering dann doch wieder auf dem Boden. Und bleibt uns hier unten als wundersame Indiepop-Märchenfee erhalten. Euphorischer Jubel von Anfang bis Ende eines großen Auftritts.
(Fotos von Gérard Otremba)






















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