Michael Rault: Michael Rault – Albumreview

Michael Rault: Michael Rault – Albumreview

Michael Rault verlässt mit dem neuen Album erneut seine gewohnten Pfade

Ein weißes Production Logo auf gesättigtem Blau. Das Geräusch einer Hausalarmanlage drängt sich auf; Polizeisirenen hallen im Hintergrund durch die Straßen. Am Heck eines stehenden Wagens prangt ein kalifornisches Kennzeichen in schönstem Filmkorn; der Motor brummt. Die Kamera zieht organisch an dem alten Kleintransporter vorbei und gibt über den Rückspiegel den Blick auf den ungeduldig wartenden Fahrer frei. Südländisches Sonnenlicht taucht den Asphalt in ein warmes Gelborange. Im Laderaum steigen drei notdürftig maskierte Menschen ein; zwei tauchen ab, während der letzte mit seiner Schusswaffe das Feuer und gleichzeitig den Titel “Neither Love Nor Money“ freigibt.

Was wie Spike Jonzes berüchtigter “Sabotage“-Clip oder ein New-Hollywood-Film anmutet, ist der Auftakt zum Video der ersten Single-Auskoppelung aus Michael Raults gleichnamigem Album. Wie schon die Beastie Boys spielt auch Rault in seinem Clip in nostalgisch-persiflierender Weise auf Polizeiserien der 70er-Jahre an.

Im neuen Album von Michael Rault ist Kalifornien förmlich zu riechen

War seine Vorgängerplatte noch von nächtlich schimmernden Tönen durchzogen, wirken die Tracks des aktuellen Albums nun – ganz wie die Bilder im genannten Video – zutiefst sonnengetränkt. Womöglich geschah es in mehrfacher Hinsicht intuitiv, dass er die Aufnahme seiner neuesten Werke erstmals nach Kalifornien verlegte. Nicht nur als Studio- und Live-Multiinstrumentalist ist er nunmehr mit der dortigen Szene verschmolzen; auch seine eigenen neuen Tracks stehen in unverkennbarer Tradition des 70’s West Coast Sound.

Michael Rault erschafft musikalische Kanäle zur Vergangenheit

Michael Rault Albumcover

Ob nun lokale Bands oder Interpreten, die sich musikalisch oder thematisch dem West Coast Sound annäherten, Michael Raults gleichnamiges Album ist voll von wunderbaren Bezügen und Verbindungen zum Kalifornien der 70er Jahre. Während der verträumt-beatige Opener “All Night Long“ und “Exactly What I Needed“ hinsichtlich Stimme und Rhythmik an Supertramps “Breakfast in America“ erinnern, könnte sich das kauzig-groovige “Neither Love Nor Money“ auch auf Steely Dans “The Royal Scam“ finden lassen. Balladenhafte Brisen von Totos Debüt und powerpoppige “Smile“-Winde der Beach Boys wehen einem über das gesamte Album hinweg immer wieder um die Ohren. Abgesehen von kalifornischen Adern schieben sich McCartneys Wings, Stevie Wonder und Chicagos Peter Cetera vor das innere Ohr; letzterer vor allem beim vocallastigen “Whoever Comes Around“. Das zunächst eingängige “Want For Nothing“ folgt hingegen Harry Nilssons Tendenz klassische Popstrukturen im Laufe des Songs arhythmisch zu verformen.

Eigenheiten und persönlicher Wandel im Zeichen der Nostalgie

So griffig es erscheinen mag Raults neues Album einzuordnen, auch weil man glaubt diese Songs teilweise schon genau so gehört zu haben; nach einer genaueren Umschiffung darf man sich positiv resignierend eingestehen, dass die Hommage auch eigentümliche Geheimnisse mit im Gepäck hat und es lediglich die überaus originär daherkommenden Klangfarben sind, die uns vorerst eindimensionaler haben zuhören lassen.

Es ist interessant wie sich Raults Sound über die Jahre immer wieder gewandelt hat: vom Early Rock’n’Roll des mittlerweile von der Bildfläche verschwundenen ersten Albums, gefolgt von der durch Glam Rock beeinflussten zweiten Platte über den recht geradlinigen Power Pop der dritten bis hin zum aktuellen rhythmischer geprägten West Coast Sound. Treu geblieben ist er wiederum der Liebe zur musikalischen Nostalgie wie auch zuletzt seinem Label Wick Records (Daptones rockige Tochter) und dem Produzent Wayne Gordon, die mit ihrer analogen Aufnahmetechnik ebenjene originären Momente klanglich erst ermöglichten.

“Michael Rault” von Michael Rault erscheint am 10.06.2022 bei Wick Records. (Beitragsbild von Shawna Schiro)

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