Helga Schubert: Vom Aufstehen

Helga Schubert: Vom Aufstehen

Helga Schubert schreibt über ihr Leben als (ost)deutsche Schriftstellerin, alleinerziehende Mutter, Partnerin und vor allem als Tochter.

Schuberts große Schmerzthemen sind das (intellektuelle und physische) Eingemauert-sein zu DDR-Zeiten und das Dasein als ungeliebte, vaterlose Tochter. An letzterem Thema arbeitet sich die studierte Psychologin und Autorin bis in ihr hohes Lebensalter ab und an ihm spürt man all die Zerrissenheit und Wut und Trauer ihrer 80 Lebensjahre. Wie sie es dennoch schafft zu leben, beschreibt sie gleich zu Beginn mit ihrem Sehnsuchtsort. Dort wo sie trotz der Leerstelle des gefallenen Vaters und der fehlenden Liebe ihrer Mutter wachsen kann, weil sie Geborgenheit und Zuspruch findet. “Mein idealer Ort” heißt die erste kurze Erzählung und es klingt ein wenig nach einem Aufsatzthema für die Unterstufe. Doch hier schreibt sie so klar und berührend über ihre Großmutter, der sie sehr ähnelt, dass man den Sonntagskuchen und den Muckefuck riechen kann und die Sommersonne auf der Haut spürt.

Leicht macht es Helga Schubert den Leser*innen nicht

Helga Schubert Vom Aufstehen Cover dtv

Doch so leicht macht es Helga Schubert ihren Leser*innen nicht immer, denn mitunter verläuft man sich in Satzungetümen, die ermüden. Es mag daran liegen, dass der Pathos ihr Diktaturschaden sei, wie sie selbst schreibt. Es scheint auch die Notwendigkeit zu geben, mit dem etwas holprigen Perspektivwechsel in “Wahlverwandschaften” über den ganz großen Schmerz schreiben zu können. Darüber, dass die Mutter sie zwar nicht abgetrieben hat, aber eben auch nicht wirklich lieben konnte. Manchmal eilt man durch Schuberts Gedanken und versucht, die Informationen, die trockene Aneinanderreihung nicht zu vergessen und alles beieinander zu halten. Und gerade, wenn man erschöpft und verwirrt die Erzählungen zur Seite legen will, schreibt sie Sätze wie diesen “Im Winter wird mein Leben klar und durchsichtig” und man blättert weiter.

“So fallen die Schatten hinter dich” ist eine Erzählung, die ihr Dasein als alleinerziehende, voll berufstätige Frau in der DDR beschreibt. Die Erschöpfung kann man regelrecht am eigenen Leib spüren, wenn sie neben sechs Tagen Arbeit, Haushalt mit Kohleofen und Kindererziehung irgendwo ein Stückchen Zeit für das Lesen findet. In diesen Jahren beginnt sie zu begreifen, dass dies kein “Probeleben” sei, sondern das einzige, das sie leben kann – eingemauert und gesellschaftspolitisch bevormundet. Die von draußen Kommenden schauen dabei manchmal mit einem wohligen Schauer auf diejenigen, die hinter dem “eisernen Vorhang” um ihr künstlerisches und intellektuelles Dasein kämpfen. Wie die große, kürzlich verstorbene Friederike Mayröcker, die bei Helga Schubert auf dem Sofa sitzt und in der Erzählung “Das alles nichts, nichts davon” verkündet, dass sie keinen Tag hier leben könne. “Ich auch nicht”, versichert die andere Autorin.

“Vom Aufstehen” als Lebenslektion

Als sie mit 50 Jahren zum ersten Mal frei wählen darf und nicht um Erlaubnis bitten muss, um den kleinen Staat zu verlassen, wird Helga Schubert endlich die Sehnsucht zugestanden, hinaus ins Weite und Offene zu gehen, um “die Schöpfung zu bewundern”. Es dauert noch viele weitere Jahrzehnte bis sie ein wenig Frieden mit dem anderen großen Lebensthema schließen kann. “Liebe ist etwas Freiwilliges, ein Geschenk”, sagt ihr schließlich eine Pastorin auf die verzweifelte Mitteilung, dass sie das vierte Gebot, Mutter und Vater zu lieben, nicht befolgen kann. “Von Liebe ist in dem Gebot nicht die Rede. Sie brauchen sie nur zu ehren.” Und das wird zu einem jener Sätze für Helga Schubert, der mit Gold nicht aufzuwiegen ist, der ganz leicht macht. “Mir schien, als ob ich von etwas Schwerem endlich erlöst war.”

Helga Schubert: “Vom Aufstehen”, dtv, Hardcover, 219 Seiten, 978-3-423-28278-9, 22 Euro. (Beitragsbild von Renate von Mangoldt)

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