Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Mit ihrem neuen Buch „Aus der Zuckerfabrik ist Dorothee Elmiger für den Deutschen und den Bayerischen Buchpreis 2020 nominiert.

Er vermisse, so schreibt der Musik- und Literaturwissenschaftler Holger Schulze, „eine individuelle Stimme mit all ihren Brüchen und Unsicherheiten, vagen und fahrigen Suchbewegungen, den hektischen Funden und verwirrten Pausen. Die Wirrnis und Undurchdringlichkeit vermisse ich, die plötzlichen Abbrüche, Nonsequiturs, die wirklich leeren Momente, die eine Erzählerin oder einen Erzähler heimsuchen können im 21. Jahrhundert.“ – Nun, wer solches sucht, der wird fündig im jüngst erschienenen Buch der Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger, Aus der Zuckerfabrik, einem Recherchebericht, wie es im Buch selbst heißt.

Die Forschungen, die die Autorin über Jahre hinweg anstellt, suchen nach den Ursprüngen des Kapitalismus in der „ursprünglichen Akkumulation als Akkumulation von Unterschieden und Spaltungen“, die beständig neu vollzogen und verfestigt werden müssen. Ihre Recherchen gehen dem Verhältnis von Kolonialismus und Sklaverei nach, ergründen den Zusammenhang von Macht und Begehren. „Meine unbeholfenen Ausführungen, als mich auf der Straße vor der Mars Bar jemand fragt, woran ich arbeite.

DIE EROBERUNG DER NATUR ODER DER JUNGFRAU

DAS GEWALTSAME VORDRINGEN IN NEUE GEBIETE

(ÜBERSEE)

DER HUNGER ALS VERFASSUNG

DIE LIEBE usw.“

Die Antworten oder: die Spuren, denen die Autorin folgt, stammen aus der Literatur (nicht zuletzt der politisch-ökonomischen Fachliteratur), der Kolonial- und Kulturgeschichte, sie entstammen Zeitungsmeldungen und Dokumentarfilmen.

Dokumentationen der Suche und des Aufbruchs

Bereits ihre ersten beiden Romane – die 2010 veröffentlichte Einladung an die Waghalsigen und der 2014 erschienene Roman Schlafgänger – waren für den Schweizer Buchpreis nominiert; jetzt ist Aus der Zuckerfabrik Kandidat für den Deutschen Buchpreis. Was alle Bücher der Autorin miteinander verbindet, ist die weitgehende Verweigerung einer durchgehenden Erzählung, das Infragestellen einer gesicherten Erzähler- und Autorposition; sie alle entspringen einer Suchbewegung, die auch einer tatsächlichen Bewegung im geographischen Raum entspricht. So thematisierte der Roman Schlafgänger aus der poetischen Distanz Migrationserfahrungen von Menschen, die sich zwischen Europa, Afrika und Amerika bewegen und durch das teils illegale Passieren von Grenzen zum Objekt staatlicher Bürokratie und Gewalt werden oder gar verschwinden.

Dorothee Elmiger zwischen Road-Novel und Recherchebericht. Oder: realistisch schreiben?

Dorothee Elmiger Aus der Zuckerfabrik Cover Hanser Verlag

Diese Suchbewegung, in die Aus der Zuckerfabrik den Leser verstrickt, ist nicht zuletzt eine Erkundung der Möglichkeiten des Schreibens und Erzählens selbst. Immer wieder geht es um die Frage, wie ‚realistisches‘ Erzählen möglich ist, ohne die Gegenwart des Schreibens auszublenden, die sich beständig vor das zu Erzählende schiebt. (Von dieser Frage aus erklären sich etwa die mannigfachen Bezugnahmen auf Rolf Dieter Brinkmann.) Deutlicher als in den beiden vorangegangenen Romanen (die diese Genrebestimmung tragen) wird diese Gegenwart nun tatsächlich im Text verankert. Hinter der Erzählerin, oder: dem Ich, dessen Stimme wir in Aus der Zuckerfabrik folgen, scheint mehr oder minder deutlich die Autorin hindurch. Im Grunde folgt der gesamte Text einer traumanalogen Ordnung: Motive, Figuren, Stimmen und Ereignisse werden zu einem Gespinst verwoben, das – auch über weite Zeiträume hin – erstaunliche Parallelen, bisweilen Strukturen der Wiederholung in vermeintlich unterschiedlichen Ereignissen erkennbar werden lässt.

Lesen, Schreiben, Weiterschreiben

Der Text als dicht (und doch durchlässig) gewobenes Gespinst ist zugleich ein Dokument der Zeit, in der er entsteht. Lektüreprozesse setzen sich fort und fort, Zitate schwirren, Bilder kehren wieder, werden zu Gestalten aus Fieberwahn und Träumen. Selbst der Titel – das Motiv der Zuckerfabrik (als Chiffre für die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsform) – verweist seinerseits auf ein Album der Musikband Kante (In der Zuckerfabrik), auf dem die Band fremdes Material aus Gedichten, Dramen und Romanen verwendet und zur „Theatermusik“ verarbeitet. Das „Lied von der Zuckerfabrik“ greift eine Szene aus Voltaires Roman Candide auf. Ein Sklave schildert, wie grausam es in einer südamerikanischen Zuckerfabrik zugeht und dass Fluchtversuche mit dem Abschlagen eines Beins bestraft werden: „Das ist der Preis, um den ihr drüben in Europa euren Zucker genießt. / Das ist das Blut, das bei uns fließt.“

Ein offenes, zukunftsgerichtetes Feld

In Soft Eyes, einem Text, in dem die Autorin über ihr eigenes Schreiben spricht, taucht der Ort (der wirkliche Ort, das Bild, die Metapher) eines „bedeutungslosen, innerstädtischen Parkplatzes an der nordamerikanischen Ostküste“ auf. Dieser Parkplatz ist geographischer Ort, Erfahrungsraum, Archiv und – letztlich das Sinnbild für Literatur im Sinne eines „offenen, zukunftsgerichteten Feld[es]“. Der Parkplatz, wie er dann später in Aus der Zuckerfabrik wieder begegnet, wird zur Einschreibefläche, die aufnimmt, was noch ungesagt, nur erst Ahnung, loses Ende eines so unsteten wie unabweisbaren Gedankens ist.

Sie nimmt „das Abseitige“ und Abwegige auf, das, was widersprüchlich bleibt, sich der eindeutigen Zuordnung entzieht. In diesem Sinne sind alle Bücher der Autorin Einübungen in das „periphere Sehen“ (wie die Autorin in Soft Eyes formuliert); es sind Versuche, dem, was fehlt, der „Abwesenheit, der Lücke im Text oder im Gebiet als Potenzial, als Utopie“ Raum zu geben. Denn nicht nur die Sprache, auch die Verhältnisse, so sagt die Autorin, tragen das Zukünftige in sich, sind – wenn man ihre Geschichte kennt – nach vorn hin offen, veränderbar.

Politische Utopien von Dorothee Elmiger?

Wenn überhaupt, sind Elmigers Texte in diesem Sinn als politische Utopien zu verstehen, dass sie allererst die Bedingungen der Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung auszuloten versuchen. Nichtsdestotrotz initiieren sie Bewegung, indem sie Spuren der Vergangenheit neu auslegen. Aufs Neue legt Dorothee Elmiger ein wunderbares Buch vor, das einer eigenständigen Poetik folgt, die ihre bisweilen halluzinatorische Kraft durch die Überlagerung von Orten, Zeiten, Ereignissen und Stimmen entfaltet.

Dorothee Elmiger: „Aus der Zuckerfabrik“, Hanser 2020, Hardcover, 272 Seiten, 23 Euro, ISBN: 978-3-446-26750-3. (Beitragsbild: Peter-Andreas Hassiepen)

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