Jeremy Reed: The Nice – Roman

Jeremy Reed: The Nice – Roman

Ein atemberaubender literarischer Trip durch die Sixties und eine dystopische Gegenwart

Ein furioser Auftakt. Der englische Schriftsteller Jeremy Reed katapultiert uns im ersten Kapitel seines neuen Romans The Nice ins London des Jahres 1964. Im restlos überfüllten Kellerclub Scene Club legt sich eine gewisse Band mit dem Namen The Rolling Stones mächtig ins Zeug und beschallt mit ihrem kraftvollen Rhythm & Blues und Rock’n’Roll auch die nähere Umgebung von Soho. Vor dem Scene Club wird The Face, einer der zwei wichtigsten Protagonisten des Romans, Ohrenzeuge des kurzen, aber intensiven Konzertes der Stones, die zum damaligen Zeitpunkt just ihr mit Coverversionen gespicktes, selbstbetiteltes Debütalbum herausbrachten und für tumultartige Auftritte in den angesagten Londoner Clubs sorgten.

Jeremy Reed The Nice Cover BilgerverlagIm Prinzip gar nicht die richtige Band für The Face, denn er ist Mod. Genauer gesagt, er ist DER Mod. Ein selbstverliebter Stylist, der mit seinem makellosen Äußeren die Mod-Szene so prägt wie seinerzeit der Modeschöpfer John Stephen den Look der berühmten Carnaby Street (und womit er auch den Stil der Mods erfand). Im androgynen Stones-Frontmann Mick Jagger sieht The Face einen „Hinweis auf den Zusammenbruch der Genderidentitäten in diesen durchweg entmännlichten Zeiten“, besonders „wegen des aufregend affektierten Klangs seiner Stimme“. Wichtig für The Face, denn er bekennt sich immer stärker zu seiner in den Mitsechzigern gesetzeswidrigen Homosexualität. „Er wollte aktiv die bislang vom Gesetz verbotenen homosexuellen Beziehungen unter den Faces durchsetzen, die Vieldeutigkeit des Mod-Images verstärken und damit auch die ambivalente sexuelle Identität, die Teil ihres Looks war.

Szenenwechsel in Kapitel zwei. Jeremy Reed zeichnet ein dystopisches London der jüngeren Vergangenheit, in dem traumatisierte britische Irak- und Afghanistan-Kriegsheimkehrer eine Art terroristischen Rachefeldzug gegen korrupte Regierungselite führen. Es herrscht Chaos und Verwüstung. Nicht nur London, die ganze Welt steht am Abgrund. Die Rolling Stones treten immer noch live  auf und sind auf ihrer „Bigger Bang“-Tour unterwegs. Der Journalist Paul hat das Konzert im Londoner Twickenham Stadium mit seiner Freundin Alex besucht und recherchiert für eine Biographie über den Modedesigner John Stephen. Er trifft sich regelmäßig mit einem ehemaligen Angestellten Stephens, doch eines Tages begegnet er einer Person, die behauptet, The Face zu sein.

The Face sieht immer noch so aus wie 1964 und beteuert, der offiziell verstorbene John Stephen lebe noch. Paul ist von The Face fasziniert und genervt zugleich, er lässt sich auf ihn ein und gerät in einen irren Strudel aus Zeitsprüngen und Ideen wie der Zurücksetzung des Sterbegens, oder auch Re-Modifizierung des eigenen Ichs genannt. Jeremy Reed taucht abwechselnd in die Welt von The Face in den 60er-Jahren sowie Pauls Spurensuche im 21. Jahrhundert ein. Beide miteinander kollidierenden Stränge des Romans leben von der atemberaubenden Geschwindigkeit, Intensität und detailfreudigen Wiedergabe Reeds.

The Nice, der Titel bezieht sich auf den legendären britischen Drogendealer Howard Marks, ist ein begeisternder Roman über Mode, Pop und das goldene Jahrzehnt des Rock’n’Roll, die Sixties. Ein wahnsinniger Trip aus Sex, Drugs, Rock’n’Roll, Geschichte, Gegenwart, Gesellschaftsstudie, Genmanipulation und Science-Fiction. Ein radikaler, visionärer und auch etwas durchgeknallter Roman, ein literarischer Soundtrack für die immerwährende Heilsversprechung des Rock’n’Roll, die ewige Jugend. Dieser Roman ist wie ein einziger, nimmer endend wollender Rauschzustand. The Nice ist nach Beach Café das zweite ins Deutsche übersetzte Buch des 1951 geborenen Jeremy Reed und es ist an der Zeit, diesen Autor zu entdecken.

Jeremy Reed: „The Nice“, Bilgerverlag, aus dem Englischen von Pociao, Hardcover, 352 Seiten 978-3-03762-071-7, 24,80 € (Beitragsbild: Buchcover).

Kommentar schreiben