The Rolling Stones live in Hamburg – Konzertreview

The Rolling Stones live in Hamburg – Konzertreview

 

Der ausverkaufte und spektakuläre No Filter-Europa-Tour-Auftakt der Rolling Stones im Hamburger Stadtpark

Vier rote Stones-Zungen auf gelben Grund prangen an den Riesenleinwänden, die sich in ein dunkelrotes Hölleninferno verwandeln, als die Rolling Stones zu den Klängen von „Sympathy For The Devil“ die Bühne auf der eigens für das Mega-Event in ein Festivalgelände mit Tribünen umgebauten Festwiese im Hamburger Stadtpark betreten. Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood schicken die circa 80 000 Besucher auf dem imposanten Gelände, das sonst im Sommer an den Wochenenden gerne zu Grillausflügen genutzt wird, also gleich zu Beginn ihres No Filter-Tour-Auftaktes direkt in die Hölle. Ein geschmeidiger Jagger-Hüftschwung, ein brachialer Richards-Riff und ein stoischer Watts an den Drums. Willkommen bei den immer noch vitalen Rolling Stones.

Die Wettergötter meinten es gut mit dem englischen Quartett, das wie üblich von diversen Musikern von Bass (Daryl Jones) über Bläser, Keyboards und Backing Vocals (u.a. Sasha Allen) unterstützt wird. Drei Tage lang regnete es mehr oder weniger ununterbrochen in der Hansestadt, erst am Nachmittag des Konzerttages ging der Dauerregen in Schauer über, am Abend zeigte sich zwischenzeitlich gar die Sonne, die Temperaturen pendelten sich bei frühherbstlichen 15 Grad ein und es blieb trocken.  Nachdem zunächst das isländische Blues-Rock-Quartett Kaleo, bei Sounds & Books bereits mit einem Song des Tages aufgefallen, als Support überzeugen, kennen die Rolling Stones keine Gnade. Spätestens seit der Veröffentlichung ihres letzten Albums Blue & Lonesome, das aus grandiosen Coverstücken alter Blues-Koryphäen bestand, scheinen die Stones in einen Jungbrunnen gefallen zu sein. Die Albumsessions müssen unfassbar inspirierend gewesen sein, die damalige Spiellaune überträgt sich definitiv auf ihren Gig am 09.09.2017 in Hamburg.

Mick Jagger ist gut gelaunt, witzig und selbstironisch. Er begrüßt die Fans mit „Moin, Hamburch“ und kennt da „some guys from Liverpool“, die meinten, Hamburg sei gut als Station für die Karriere. Sieh an, Mick Jagger, der alte Schelm. Der Stones-Auftritt entwickelt sich zu einem kurzweiligen Vergnügen mit einer bestens aufgelegten Band. Sogar der Sound stimmt, nicht immer eine Selbstverständlichkeit bei Konzerten dieser Größenordnung. Der Auftakt der No Filter-Tour ist ein Best-Of-Programm (nach „Sympathy For The Devil“ folgen „It’s Only Rock’n’Roll“, „Tumbling Dice“ und „Out Of Control“) mit kleinen Überraschungen. Doch die Stones verwalten ihr musikalisches Repertoire an diesem Abend nicht, sondern kitzeln aus fast allen Songs noch das letzte unbekannte, bzw. neue Quäntchen heraus.

Dass sie zwei Tracks aus dem Blue & Lonesome-Album („Just Your Fool“, „Ride ‚Em On Down“) auf die Setlist setzen, zeigt, dass der Blues bei den Stones zurzeit hoch im Kurs steht. Das spürt man beispielsweise in jeder Sekunde ihrer wahnsinnigen Version von „Midnight Rambler“, die nur aus urigem Blues und schnörkellosem Rock’n’Roll besteht.  Auf Show-Elemente verzichten die Rolling Stones, die an einzelne Songs gekoppelte Farbspektren an den Leinwänden reichen zur optischen Untermalung völlig aus. Spektakulär ist die Form der vier alten Haudegen zwischen 70 (Wood) und 76 (Watts). Ein zärtliches und zum erste Mal seit 1990 gespieltes „Play With Fire“ entzückt den Kenner, aus der Mottenkiste holen sie „Dancing With Mr. D“ raus (erste Live-Performance seit 1973), dazwischen ein souveränes „You Can’t Always Get What You Want“, und auch „Under My Thumb“, das sich bei einer Online-Wahl durchsetzte, haben die Stones schon seit gut zehn Jahren nicht mehr vor Publikum gespielt.

„Paint It, Black“ erfährt eine psychedelische Wiedergeburt, eine Fassung der Extraklasse bieten die Stones dem Hamburger Publikum an. „Honky Tonk Women“ hingegen lasziv und fordernd und auch Keith Richards hinterlässt eine gute Figur am Mikro bei „Slipping Away“ und dem donnernden „Happy“. „Miss You“ nach „Midnight Rambler“ dann zum Mitsingen und „Street Fighting Man“ gewinnt an Kraft und Dynamik wie lange nicht mehr. Der Endspurt mit „Start Me Up“, „Brown Sugar“ und „(I Can’t Get No) Satisfaction“ ist Euphorie pur und pure Tanzwut auch auf den Sitzplätzen. Die beiden Zugaben „Gimme Shelter“ und „Jumpin‘ Jack Flash“ stehen dem vorher Gebotenen in nichts nach. Wer nach diesem Abend unzufrieden nach Hause gegangen ist, war auf dem falschen Konzert. Die Rolling Stones bringen es immer noch. Besser gar als in einigen anderen Jahren ihrer so ruhmreichen Karriere. Ein Auftritt, der die Legendenbildung der Rolling Stones weiter untermauert.

(Beitragsbild: Universal Music)

Kommentar schreiben