James Baldwin: Von dieser Welt – Roman

James Baldwin: Von dieser Welt – Roman

James Baldwins Roman Von dieser Welt ist die literarische Wiederentdeckung des Jahres

Harlem, Mitte der 30er-Jahre. Der 14-jährige Afroamerikaner John Grimes wächst mit seiner Mutter, seinem Stiefvater sowie seinen drei jüngeren Halbgeschwistern in einer heruntergekommenen Wohnung in New Yorks Schwarzenviertel auf. Geprägt wird sein Dasein vom gewalttätigen Stiefvater Gabriel, der einst ein Lotterleben führte und sich nach einer Bekehrung als Laienprediger in Szene setzt. Während einer Andacht an John Geburtstag soll auch dieser auf den rechten Pfad des Herrn geführt werden.

James Baldwin Von dieser Welt Buchcover dtvIn Rückblenden erzählt James Baldwin das Leben von Johns in ihrem Glauben und in sich zerrissenen Mutter Elisabeth, die nach dem Tod ihrer Mutter in jungen Jahren von einer bösartigen Tante aufgezogen worden ist, von Gabriel und dessen Schwester Florence, die als eine aufgeklärte, liberale Frau portraitiert wird, ein Gegenpol zum fanatischen und besessenen Gabriel, der in seiner Rolle des Predigers am Rande des Wahnsinns balanciert. In diesen Passagen dringt Baldwin bis in die Sklavengeschichte des amerikanischen Südens vor, mit Rassismus wird Familie Grimes indes auch im New York der 30er konfrontiert. Das wird John bewußt, wenn er an seinem Geburtstag mit etwas Geld von seiner Mutter in der Tasche – die anderen Familienmitglieder beachten  seinen persönlichen Feiertag erst gar nicht – durch das „weiße“ New York spaziert.

Für John war der Hintereingang vorgesehen, die dunklen Treppen, Küche oder Keller. Diese Welt war für ihn nicht vorgesehen. Und wenn er das partout nicht wahrhaben wollte, wenn er es unbedingt darauf ankommen lassen wollte, konnte er sich so lange abstrampeln, bis die Sonne partout nicht mehr scheinen wollte; niemals würden sie einlassen. Da sah John die Menschen und die Straßen in einem anderen Licht, er fürchtete sie jetzt, und er wusste, dass er sie eines Tages hassen könnte, wenn Gott nicht ein Einsehen mit ihm hatte.

Sie lassen John aber ins Kino ein, er wagt sich also in den von seinem Stiefvater verteufelten Sündenpfuhl der Stadt. Die Ausgrenzung, die John erlebt, seine Einsamkeit, seine inneren Kämpfe und der Hass auf seinen Stiefvater Gabriel sind die intensivsten Abschnitte dieses sensationellen Romans, der erstmalig 1953 unter dem Originaltitel Go To Tell It On The Mountain in den USA erschienen ist und in der exzellenten Neu-Übersetzung von Miriam Mandelkow vorliegt, und erinnern in ihrer beeindruckenden Dringlichkeit an Salingers Meisterwerk Fänger im Roggen.

In John brennt eine Hassliebe zum Bethaus seiner Gemeinde, die ihn so stark geprägt hat, und aufkommende Gefühle für den nur wenige Jahre älteren Gemeindebruder Elisha verkomplizieren sein Leben um ein Vielfaches. John möchte dazugehören, eine Heimat für sich finden. Er ist ein kluger Junge, belesen, gut in der Schule und wächst in einer rassistischen, bigott-frömmlerischen Welt, die ihm die Suche erschwert. Für seinen Stiefvater ist nur Gottes Erlösung, die Jenseitsverheißung, das Ziel auf Erden und so wird Johns Erlösungszeremonie zu einer Art ekstatischer Dämonenaustreibung. Mit dem religiösen Fanal als Hintergrund, verwundert es nicht, dass Von dieser Welt ein von Metaphern überbordender Roman ist und sich häufig der Bibelsprache bedient.

Der 1924 geborene und 1987 verstorbene James Baldwin geht in seinem autobiographisch gefärbten Debütroman an die Grenzen des Erträglichen zwischen Himmel und Hölle. Er verarbeitet den harten, noch immer aktuellen Stoff des Rassismus (von Baldwin besonders beeindruckend in der Episode mit Johns leiblichen Vater Richard geschildert, der nach einem von anderen Schwarzen begangenen Überfalls unschuldig verhaftet wird)  und der Unterdrückung, der hier mit pubertären Unsicherheiten, Zweifeln und Ängsten einhergeht, von Baldwin mit beklemmender und berührender Wucht präsentiert. Überwältigende und atemberaubende Literatur, die nicht loslässt und verdammt lange nachwirkt.

James Baldwin: „Von dieser Welt“, dtv, aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow, mit einem Vorwort von Verena Lueken, Hardcover, 320 Seiten, 978-3-423-28153-9, 22 € (Beitragsbild: James Baldwin, Credit Ullstein Bild: Roger Viollet / Jean Pierre Couderc).                

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