James Leslie Mitchell: Szenen aus Schottland

James Leslie Mitchell: Szenen aus Schottland

Brillante Erzählungen und journalistische Reportagen

von Gérard Otremba

Unter dem Pseudonym Lewis Grassic Gibbon veröffentlichte James Leslie Mitchell zu Beginn der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts mit der Trilogie „A Scots Quair“ eines der wichtigsten Werke der schottischen Literaturgeschichte. Der 1901 in Aberdeenshire als Sprößling einer Bauernfamilie geborene Mitchell gehörte zwischen 1928 und 1934 als Journalist, Lyriker und Romancier zu den kreativsten Autoren der Schottischen Renaissance und erreichte in Großbritannien und den USA einen großen Bekanntheitsgrad. Der im kleinen, aber feinen Guggolz Verlag erschienene Band Szenen aus Schottland versammelt sieben von Mitchells Texten, die im Original 1934 publiziert worden sind, als sich Mitchell auf dem Höhepunkt seines Ruhms befand. Der nahm jedoch im Februar 1935 ein jähes Ende, als James Leslie Mitchell an einer Blutvergiftung starb.

Szenen aus Schottland besteht aus vier Erzählungen („Greenden“, „Mum“, „Lehm“, „Sim“), zwei Städteportraits („Aberdeen“, „Glasgow“) sowie einer poetischen Betrachtung und Annäherung Mitchells an sein Heimatland („Das Land“). Die Stadttexte sind journalistische Reportagen von ähnlich stilistischer Brillanz wie die Berichte seines amerikanischen Namensvetters Joseph Mitchell, der ab Ende der 30er Jahre für den New Yorker schrieb und dessen Geschichten der Diaphanes Verlag in Buchform herausbringt. In diesen beiden Texten macht James Leslie Mitchell keinen Hehl aus seiner linken politischen Gesinnung (er beteiligte sich sogar an der Gründung des Aberdeener Sowjets). Bereits mit sechzehn Jahren verließ Mitchell die Schule und dank seines Talents arbeitete er schon in jungen Jahren als Journalist für Zeitungen in Aberdeenshire und Glasgow (als Verwaltungsangestellter beim Militär war außerdem im Nahen Osten, Indien und Ägypten stationiert). In dieser Zeit lernte er die sozialen Ungerechtigkeiten in den Großstädten Schottlands kennen, die ihn prägten und zum bekennenden Sozialisten machten.

Zum Moralapostel mutiert Mitchell in seinen Texten deswegen noch lange nicht. Vielmehr obliegt ihnen der sanfte Humor eines sozialkritischen Kosmopoliten, als den sich Mitchell selbst sah. In seinen Erzählungen vermittelt Mitchell die alltäglichen Dramen, Hoffnungen und Sehnsüchte der „einfachen“ schottischen (Land-)Bevölkerung mit einem anmutigen, dem poetischen Realismus verhafteten Ton, perfekt von Esther Kinsky ins Deutsche übertragen. Seinen Figuren begegnet er voller Respekt und Liebe. In seinen Landschaftsbeschreibungen findet er exakt die richtigen Worte, um die karge und spröde Gegend atmosphärisch dicht und bilderreich einzufangen. Das alles hat Klasse und Stil. Szenen aus Schottland ist ein schmaler Band mit Texten von umso größerer Wirkung.

James Leslie Mitchell: „Szenen aus Schottland“, Guggolz Verlag, aus dem Englischen mit einem Nachwort von Esther Kinsky, Gebunden mit Lesebändchen, 170 Seiten, 978-3-945370-06-3, 19 €.

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