Song des Tages: Blue Inside von On Dead Waves
20. März 2016
Song des Tages: Vier Stunden vor Elbe 1 von Element Of Crime
22. März 2016Gruppenbild mit Benedict Wells
Text von Gérard Otremba, Fotos von Jacqueline Böttger
Zunächst einmal: Keine besonderen Vorkommnisse auf der Zugfahrt nach Leipzig. Kein Schriftsteller, der mich heimlich fotografierte, wie Tilman Rammstedt im vorigen Jahr, und auch sonst eine entspannte Reise mit Lesen und einigen wenigen Minuten Schlaf. Okay, mehr Schlaf wäre nicht schlecht gewesen, der Wecker klingelt bei Sounds & Books höchst selten um 4.45 Uhr. In Leipzig fuhr der ICE zunächst einmal zur Verblüffung aller an der Messe vorbei zum Hauptbahnhof und hielt erst auf der Weiterfahrt dort, wo eigentlich alle aussteigen wollten. Sehr merkwürdig. Kaum die Presseakkreditierung aktiviert, fielen mir die liebenswerten Damen Mareike von Herzpotential und Steffi von Nur Lesen ist schöner um den Hals, viel angenehmer hätte mein Start der diesjährigen Leipziger Buchmesse nicht ausfallen können.
Nachdem auch noch Jochen von lustauflesen.de zur Begrüßung kurz vorbeischaute, fühlte ich mich wie zu Hause, obwohl es erst mein zweiter Besuch auf der Leipziger Buchmesse war. Zu Hause im Kreis der Buchbranche, die natürlich ein Dorf ist, zumal in der im Vergleich zu Frankfurt pittoresken und possierlichen Leipziger Buchmesse. Viel Zeit für ein müßiggängerisches Flanieren blieb nicht, die Arbeitstermine in freundlicher Atmosphäre mit den Verlagskolleginnen- und Kollegen waren stündlich getaktet und selbstverständlich der wichtigste Grund meiner Leipzig-Fahrt. Und natürlich die Begegnungen mit den Heerscharen von Buchbloggern, diesem lustig-verrückten Völkchen, mit dem man so herrlich sowohl über Literatur, als auch übereinander diskutieren kann, wie der Abend beim von Leander Wattig organisierten Pub’n‘Pub mit Sonja von Lust zu Lesen, Holger von wortmax und nochmal Steffi bewies.
So eine Buchmesse ist natürlich etwas für Adrenalinjunkies. Kenne ich durchaus von meinem Laufsport, die Buchmessetage pushen jedoch dermaßen, dass auch der erträgliche Genuss von Alkohol (mehr als vier kleine Flaschen Mädchenbier sind sowieso nicht drin) zur Euphoriedämmung nicht hilft, ich ewig von diesem Trip nicht runterkomme, ich schlicht nicht einschlafen kann und nach knapp über drei Stunden Schlaf wieder wach bin. Aber in diesen Momenten greife ich zum mitgebrachten Buch und komme diesmal ich den Genuss der Romanlektüre Der Mann, der das Glück bringt von Catalin Dorian Florescu (demnächst mehr darüber).
Auf dem Weg zu Straßenbahn las ich die den Bahnhof suchende Steffi auf (die Leipziger Buchwelt ist ein Dorf), wo uns (also in der vollgestopften Straßenbahn) der erste Tageshöhepunkt erwartete. Ein, nun ja, merkwürdiger Geselle, kämpfte sich fast zu seiner „Freundin Maria“ durch (die direkt vor mir stand) und redete plötzlich auf einen neben ihn stehenden Mann ein: „Sie sind bestimmt jemand ganz wichtiges auf der Buchmesse, Lyriker, oder so“, waren die letzten der vielen Worte jenes seltsamen Menschen, bevor der Angesprochen erwiderte: „Wissen Sie, wer ich bin? Ich gehöre einer christlichen Gemeinschaft an. Wir haben einen Stand auf der Buchmesse und ich verteile den ganzen Tag Liebe, das ist das, was Ihnen fehlt.“
Freunde, ich sage euch, das war ganz großes Kino und überaus amüsant. Das ging noch so einige Minuten weiter, der sonderbare Mensch war auch weiterhin nicht zu überhören, es war peinlich und lustig zugleich, Maria indes schwieg eisern, vielleicht war ihr die Vorstellung ihres „Freundes“ noch peinlicher als alles anderen. Allein für die diese 20-minütige Straßenbahn-Fahrt hat sich der Leipzig-Besuch schon gelohnt. Der weitere Verlauf des Tages gehörte den Treffen mit vielen, vielen Bloggern, u. a. mit Lesevergnügen, Kaffeehaussitzer, Literaturen, Buchrevier, 54Books, glasperlenspiel13, Pinkfisch, Lesen Leben Lachen, Muromez, masuko13, Klappentexterin, Literatwo, AstroLibrium, sowie einigen mehr unter der bedauerlichen Abwesenheit von Papiergeflüster, Bücherwurmloch und Brasch & Buch.
Als absolutes Messehighlight entpuppte sich die illustre Runde beim Diogenes Verlag, bei der es sich Benedict Wells als Gaststar nicht nehmen ließ, über eine Stunde lang bei einem höchst sympathischen Frage-Antwort-Gespräch mitzumachen, über seinen neuen Roman Vom Ende der Einsamkeit und sein Leben zu erzählen und dabei noch eine gute Figur beim Parlieren in spanischer Sprache und in Switzerdütsch hinterließ. Hier stimmte einfach die Chemie unter den im Raum befindlichen Personen, ein ganz feines Erlebnis. Ansonsten: Autorenpflege im Gespräch mit Sabine Wirsching (ausführlich) und Isabel Bogdan (Small-Talk) und Händeschütteln mit Kirsten Fuchs bei Rowohlt. Und schneller als ich mich umsehen konnte, saß ich wieder im Zug nach Hamburg. Auch auf der Rückfahrt keine heimlichen Fotos von mir, jedenfalls keine, die über drei Ecken bei mir aufgetaucht sind.






