„Mir ist egal, ob meine Musik einen Nerv trifft“ – Interview mit Aydo Abay

„Mir ist egal, ob meine Musik einen Nerv trifft“ – Interview mit Aydo Abay

Dichte Synth-Sounds, sägende Gitarre. Schräg und abseits von Konventionen, gleichzeitig aber immer eingängig. Ob mit Blackmail, Ken oder ABAY – Aydo Abay hat schon immer sein eigenes Ding gemacht. Umso mehr wundert es, dass er nun ausgerechnet Teenie-Idol Billy Eilish als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen nennt. Oder?

Du wirst Dich sicher nicht erinnern, aber ich habe Dich vor 20 Jahren im Prime Club in Köln interviewt…

Der Prime Club ist so etwas wie mein zweites Wohnzimmer – und heißt inzwischen wieder Luxor. Ich bin dort übrigens immer noch aktiv. Vor Kurzem hat mich das Luxor gefragt, ob ich Bands für einige Konzerte im Herbst auswählen könne.

Als Booker?

Ich würde eher sagen: Kurator. Das Luxor hatte noch ein wenig Geld zur Verfügung und ich konnte buchen, wen ich wollte. Ich habe BSI für einen Tomatenplattenabend gebucht, Urlaub in Polen angefragt, die Pictures, Erregung Öffentlicher Erregung, und einige weitere Bands.

Ich habe gelesen, dass Du selbst gerade an vier Platten arbeitest?

Ich habe viel gemacht in Zeiten der Pandemie. Es wurden Angebote aus unterschiedlichen Ecken an mich herangetragen. Zwei Platten habe ich z. B. mit Thomas von den Beatsteaks gemacht: FreindzHightimes in Babylon ist ein Indie-Pop-Album geworden. Daran beteiligt war auch Matthias Sänger (Albert Luxus). Textlich sind sehr viele Themen eingeflossen, die mich in diesem Jahr bewegt haben. Die zweite Platte –  ebenfalls mit Thomas – und Aren Emirze von Harmful ist ein klassisches Riff-Album geworden, viel Geballer. Die Band heißt Musa Dagh, das bedeutet „der Berg des Moses“. Ganz witzig, weil Moses Schneider die Platte produziert hat. Die beiden Platten könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Außerdem ist eine neue Ken-Platte in der Planung, und mit Julian Stetter habe ich im Rahmen eines Elektroprojekts zusammengearbeitet.

Moses Schneider ist ja eine echte Produzentenlegende. Wie lief die Zusammenarbeit?

Dieser Mann ist ein Geschenk für die Musikwelt. Es gibt kaum einen Produzenten, der so motivieren kann. Moses war zudem nicht nur Produzent, sondern hat auch beim Songwriting mitgewirkt. Mir selbst war bei dem Projekt wichtig, dass ich mein eigenes Ding singen kann, ansonsten habe ich mich wenig eingemischt, was sehr angenehm war.

Diese Projekte klingen alle sehr unterschiedlich. Hat sich Dein Musikgeschmack über die Jahre verändert oder gab‘s auch eine Konstante?

Ich habe eigentlich erst mit Mitte 30 so etwas wie einen Musikgeschmack entwickelt. Natürlich gibt‘s Platten, die mich während meiner Jugend beeindruckt haben, die ich in- und auswendig kenne. Allerdings musste ich erst die richtigen Leute kennenlernen, die mir Musik gezeigt haben unabhängig von dem, was jeder kennt. Ich lasse mich gerne von Leuten beraten, denen ich vertraue oder gehe in den Plattenladen hier bei mir um die Ecke. Es gibt immer noch viel zu entdecken und in jedem Genre gute Sachen.

Da geht‘s mir ähnlich, ich habe vor Kurzem eine Netflix-Doku über Lil Peep gesehen und mich in diese Trap-Geschichte reingehört. Am Anfang fand ich‘s komisch, dann habe ich allmählich die verschiedenen Ebenen entdeckt.

Einer meiner Lieblingssongs im vergangenen Jahr war „Franchise“ von Travis Scott und mit M.I.A. Ich mag Songs, die etwas Böses wollen, die Dich fordern. Und „Franchise“ ist so dunkel, der hat mich total gekriegt. Wenn M.I.A. ihren Text runterrasselt … das ist so far beyond cool. Ich mag auch z. B. Denzel Curry. Es gibt drei Musikrichtungen, die ich überhaupt nicht leiden kann: Ska, Hardcore und Reggae.

Och, die Busters zum Beispiel sind live doch ganz lustig, da kann man prima zu rumhüpfen …

Das ist doch schön, wenn Du einer von denen bist, die vorne rumspringen. Ich gehöre zu der Sorte, die auf Konzerten hinten rumstehen und labern. Aber das will ich jetzt, wenn die Konzerte wieder losgehen, ändern. Ich vermisse Konzerte echt. Ich bin so ausgehungert, dass ich mich eben an der Kölner Uni sogar über einen Straßenmusiker gefreut habe. Wobei ich mich erst wieder dran gewöhnen muss, dass alle Leute draußen unterwegs sind. Ich fand die ersten beiden Monate der Pandemie so schön, als überhaupt keine Autos auf den Straßen waren.

Wohnst Du denn wieder in Köln, ich dachte Du seist nach Berlin gezogen?

Ich habe meine Wohnung hier in Köln immer gehalten, weil die klein und günstig ist. In Berlin bin ich auch immer noch oft. Beide Orte sind für mich ein Zuhause und ich finde es auch schön, dass ich hin- und herswitchen kann. Aber vielleicht ist es auch noch mal Zeit, andere Orte kennen zu lernen.

Gibt‘s eigentlich Neuigkeiten von ABAY?

Anstelle der Projekte, die ich in den vergangenen Monaten umgesetzt habe, hätte ich eigentlich lieber ABAY gemacht. Wir haben intensiv an dem Bandnamen gearbeitet, von daher hätte das auch Sinn ergeben. Das ging aber nicht, weil Jonas (Pfetzing) Vater geworden ist und zuletzt mit Juli gearbeitet hat. Wir fangen mit ABAY jetzt aber wieder an. Ich habe viele Ideen und hoffe, dass wir das gut umgesetzt bekommen. Unsere zweite Platte ist aus meiner Sicht etwas überambitioniert geraten. Wir wollten damit etwas erreichen, was wir nicht umgesetzt bekommen haben. Aber das war für den Erkenntnisgewinn auch wichtig. Jetzt wissen wir, was uns wichtig ist, Spaß macht und gut zu Gesicht steht.

Ohne, dass ich Dir jetzt Honig ums Maul schmieren möchte: Ich finde die zweite ABAY-Platte großartig.

Ich hör halt immer die Sachen raus, die wir nicht hinbekommen haben. Allerdings verstehe ich immer noch nicht, warum „Plastic“ kein Hit geworden ist. Ich war so überzeugt von dem Song. Wir haben den Track an verschiedene Radiostationen geschickt – und alle haben abgewunken, sogar FluxFM. Die haben dann gesagt, wir spielen gerne Nummer 7 vom Album.

Apropos „Plastic“. Der handelt ja vom Influencertum. Auch als Musiker landet man ja schnell in der Mühle, auf Instagram, Facebook, YouTube präsent sein zu müssen …

Am Anfang ist das immer ganz cool.Bei Facebook ist mir dann irgendwann aufgefallen, dass ich davon abhängig bin, ob den Leuten mein Bild gefällt oder nicht. Auch bei Instagram bin ich in diese Mühle geraten. Jetzt habe ich einen Monat Social Media-Pause gemacht. Das war total beruhigend. Ich habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Außerdem hat mich diese Zeit gereinigt. Als Medien-Tool sind diese Kanäle für uns ohnehin nur bedingt geeignet. Ich kann posten, dass unsere neue Platte rauskommt. Die Info wird 100 oder 200 Leute interessieren, den Rest aber nicht erreichen. Ich bin jedenfalls nicht geeignet, Influencer zu werden. Ich habe auch keine Lust ständig nach außen zu transportieren, wie megageil ich bin.

Heute geht ja auch nichts mehr ohne Streaming und Spotify. Ganz schön schwierig, damit Geld zu verdienen, oder?

Das geht schon. Die Kids haben einen ganz anderen Bezug dazu und kennen die entsprechenden Skills, wie man diese Instrumente nutzt. Viel machen hilft viel. Und ich will mich nicht beschweren.

Es heißt, die Aufmerksamkeitsspanne der Hörer wird immer Kürzer. Machst Du Dir über so etwas beim Songwriting Gedanken? Dass vielleicht ein Intro nicht mehr so lang sein darf wie früher?

Aydo Das mache ich gar nicht und finde, dass solch ein Prozess nichts im Songwriting verloren hat. Zuletzt habe ich eine Doku über heute angesagte Songwriter gesehen und war erschrocken. Auf Druck von Verlagen und Plattenfirmen arbeiten diese Leute mit solch einer Systematik: Wie lang darf ein Song sein, wann muss die Hook kommen … Ich finde das unfassbar erbärmlich, das hat für mich mit Kunst nichts zu tun. Das sind für mich auch keine Künstler, sondern Dienstleister. Aber es gibt ja auch genug Gegenbeispiele. Außerdem ist das keine Musik, die ich höre. Es gibt genügend Künstlerinnen und Künstler, die wahnsinnig erfolgreich sind, ohne diese Dogmen zu verfolgen.

Zum Beispiel?

Aydo Also der Haupteinfluss für die neue Freindz-Platte war für mich z. B. Billy Eilish. Wahnsinn. Ich bin immer noch total beeindruckt, wie krass mich diese Platte bewegt hat. Wie sie in ihrem Alter schon diese Worte findet, die einen komplett triggern. Ich will beim Hören sofort die Geschichte dahinter ergründen. Die Produktion ist fantastisch, die Songs sind fantastisch.

Sie hat mit Ihrem Bruder ja auch lang genug im Studio daran rumgeschraubt …

Aydo Ja, mit 15! Und die haben das in Ihrem Schlafzimmer gemacht. Die Freindz-Platte hat auch ein Jahr gedauert und ist bei weitem nicht so gut.

Ich finde auch ganz lustig, dass die beiden Alltagsgeräusche in ihre Songs integrieren  …

Aydo Ich nehme seit 2010 auch Außengeräusche mit dem Handy auf, Field Recordings, wie man so schön sagt. Leider wurden die bisher nie genutzt. Jemand der das macht, ist übrigens Bertil Mark, auf dessen Soloplatte ich einen Song gesungen habe. Bertil ist eigentlich Lichttechniker, macht aber auch Musik und arbeitet mit dieser Technik. Der samplet Geräusche und ordnet sie hinterher so an, dass daraus ein Beat entsteht. Moses ist auch ein Typ, der so etwas einfließen lässt. Du hörst es im Mix aber nicht mehr raus. Er sitzt da und macht irgendetwas und sagt dann: Guck mal, das ist dein Atmer von vor drei Jahren.

Aber manchmal sind es ja auch die Schichten, die man nicht sofort hört, die einer Platte Tiefe verleihen können.

Aydo Ja, klar. Ich hab die Billie Eilish-Platte immer beim Joggen gehört und dieser Sound kommt so derart aus dem Nichts. Meinst Du, wir bekommen hier bald 100 Billy Eilish-Kopien serviert? Und wer könnte das sein, die deutsche Billy Eilish? Wobei ich glaube, dass das auf Deutsch nicht funktionieren würde.

Ich habe vor einer Weile ein Interview mit dem Bilderbuch-Sänger gelesen, der meinte, er hätte einen Text geschrieben, der sich an afrikanische Phonetik anlehnen würde.

Aydo Eine der wenigen deutschsprachigen Bands, die mich auch immer wieder überraschen. Die spielen viel rum, das finde ich gut.

Wie findest Du eigentlich das Klavieralbum von Danger Dan?

Aydo Diese Kunstfreiheit-Nummer hat mich komplett umgehauen. Das Lied hat eine tolle Klaviermelodie, die Streicher sind toll, der Text ist Wahnsinn. Mit dem Rest kann ich nicht so viel anfangen. Ich wollte mir die Platte kaufen, sie war dann aber immer ausverkauft und jetzt bin ich ganz froh, dass ich sie nicht gekauft habe. Ich mochte das Klopapierlied von ihm. Auch die Antilopen Gang, das ist eine Band, die das Herz am richtigen Fleck hat und wichtige Themen aufgreift. Musikalisch ist das aber nicht so meins, mir fehlt die Tiefe. Aber es ist wichtig, dass es das gibt.

Apropos Streicher, auf der „Bliss, Please“ hattet Ihr meines Wissens den Vibraphonisten von Helge Schneider engagiert. Wie wichtig ist Dir, dass solche unkonventionellen Instrumente auf Deinen Platten auftauchen?

Aydo Über diese Nummer habe ich letztens nachgedacht und mich gefragt, warum wir damals eigentlich nicht Helge Schneider selbst gefragt haben. Und dann ist mir eingefallen, wir haben den ja gefragt, der konnte nur nicht … oder er fand uns scheiße. Unser Manager saß damals auf dem gleichen Flur wie ROOF Music. Helge! Das wäre natürlich ein Traum gewesen. Fremdinstrumente finde ich gut und immer wichtig. Wir haben z. B. auf der Freindz-Platte einen Duduk- und Querflöten-Spieler engagiert, es gibt auch eine Streicher-Dame.

Geht für Dich auch MIDI, oder sollte das Instrument schon selbst gespielt sein?

Aydo Ich bin ein großer Fan von MIDI. Am Ende geht es um die Komposition, also auch wie die MIDI-Instrumente arrangiert sind. Und das können Menschen, die sich mit einem Instrument auskennen, einfach besser, als wenn Du es selbst am Keyboard einspielt.

Nehmt Ihr eigentlich mit Klick auf? Ich meine, dass Moses Schneider in einem Interview gesagt hätte, ein Song sei schließlich auch nicht immer gleich schnell, daher bevorzuge er Live-Aufnahmen…

Aydo Bei der Musa Dagh-Platte habe ich nach einem Klick gefragt, weil Thomas eine ganz eigene Zähltechnik hat. Der liebt 6/8tel. Und das verstehe ich nicht. Wir haben’s aber ohne Klick gemacht. Die Freindz-Platte haben wir dagegen am Computer geschrieben. Da musste Thomas sich dann nach uns richten. Hat beides Vor- und Nachteile. Ich bin auch ein Fan davon, in einer Woche eine Platte zu schreiben – allerdings bin ich der falsche Mann dafür. Ich muss Texte schreiben, ich mag Overdubs. Manchmal muss ein Song für mich auch liegen, damit ich mir Gedanken drüber machen kann. Ich bewundere Bands wie die Beatles, die in kurzer Zeit Meisterwerke geschaffen haben.

Wie wichtig sind aus Deiner Sicht heute Kollaboration mit anderen Musikern?

Aydo Ich hab während der Pandemie über Facebook oder Instagram viele Anfragen von Nachwuchsmusikern bekommen … oder vielleicht auch von Musikern, die schon am Start waren. Es sind gute Stücke dabei entstanden, die ich gerne gemacht habe. Ich glaube aber nicht, dass denen das viel bringt. Aren von Emirsian hat zum Beispiel im Mai sein Album rausgebracht und da ist ein Stück mit Serj Tankian von System of a Down drauf …

… wie hat er das denn geschafft?

 Aydo Ja, der hat die die krassesten Leute am Start. Das ist auch ein sehr schönes Lied geworden, ich bezweifle allerdings, dass er damit fünf Platten mehr verkauft. Oder dass er damit bei Spotify auf die magischen 50.000 Plays kommt. Danger Dan ist hier auch ein gutes Beispiel. Der schreibt einen kleinen Song mit Gesang und Klavier, nicht viel mehr. Das haben alle meine Freunde auf Facebook und Instagram gepostet und geteilt. Du hörst rein und es trifft einfach den Nerv.

Du hast nie etwas mit deutschen Texten gemacht, oder?

Aydo Ich habe mal eine Ton Steine Scherben-Nummer gecovert. Mir wurde sehr nahegelegt, auf Deutsch zu texten und zu singen. Aber ich kann das nicht. Ich mag die Klangwelten und Bilder, die ich auf Englisch erschaffen kann. Auf Deutsch musst du präziser sein. Die wenigen deutschen Sachen, die ich Zuhause höre, das sind International Music – die schon fast eine dadaistische Kunstform geschaffen haben – oder die Neubauten. Geht immer. Die funktionieren auf einer anderen Ebene. Ich singe erst auf Deutsch, wenn die Donots wieder auf Englisch singen (lacht).

Blackmail hat zuletzt einige Reissues rausgebracht, gefällt Dir das?

Aydo Ich finde das für Fans immer gut. Mir fehlte z. B. die „Loveless“ von My Bloody Valentine. Du bezahlst Dich dumm und dämlich, wenn Du die Originalpressung haben willst. Ich will die aber eigentlich nur hören. Mir hat auch mal jemand 2000 € für die „Bliss, please“ auf Vinyl geboten. Ich habe außerdem viele Freunde, die die nicht haben. Von daher finde gut, dass die Platte jetzt wieder erhältlich ist, weil ich die auch gerne verschenke.

War Blackmail eigentlich Deine erste Band?

Aydo Nein, ich hatte davor drei andere Bands. 1995 z. B. eine Trip-Hop-Band, bevor Trip-Hop groß wurde, die hieß Tagestrip. Mit zwei DJs. Wir haben uns aber relativ schnell aufgelöst. Und dann bin ich schnell zu Blackmail gestoßen, weil ich Bock auf Krach hatte. Blackmail war aber die erste Band, mit der ich etwas veröffentlicht habe. Wir hatten gute Zeiten. Es ist einfach eine andere Dynamik, wenn vier Kumpels sich darauf eingeschossen haben etwas zu reißen – wie bei Blackmail –, anstatt wie jetzt mit ABAY auf Projektbasis zu arbeiten. Ich habe im vergangenen Jahr vielleicht viermal mit den Jungs telefoniert. Und selbst wenn wir in der aktiven Phase sind, ist das Wochenende wegen des Familienlebens heilig. Das verstehe ich manchmal nicht.

Deprimiert Dich das?

Aydo Ich habe das aufgegeben, bringt ja nichts. Es ist ja auch schön, dass die Leute in meinem Umfeld Kinder kriegen. Das bereichert auch mein Leben, wenn ich mich beizeiten in deren „normales“ Leben einklinken kann. Aber die Energie ist halt weg. Und wenn Du unkonventionell an die Sache herangehen willst, wie wir damals mit Blackmail, wenn Du künstlerisch tätig sein möchtest, dann ist es halt schwierig, wenn man am Wochenende nicht an Ideen arbeiten kann. Ich als Beziehungsgestörter muss darauf achten, dass die Arbeitsweise noch kunstkonform vonstattengehen kann. Wenn man sich nur noch zu fest geregelten Zeiten trifft, dann ist das halt wie ein Bürojob. Funktioniert auch, ist aber nicht mehr so geil.

Was verstehst Du denn unter kunstkonform?

Aydo Mir ist egal, ob meine Musik einen Nerv trifft. Musik, die ich selbst supergeil finde, ist gemessen an den Klickzahlen oft sehr unerfolgreich. Teilweise großartige Kunst, tolle Songs. Du kämpfst halt gegen eine Maschinerie an. Ich habe damit ja persönlich zu tun, muss zu Plattenfirmen gehen und meine Musik anbieten. Seit ich bei Blackmail raus bin, sagen die mir: Mach mal Deutsch. Oder: Du bist zu alt. Ich frage mich aber auch, wie lange ich das noch machen kann. Als Mick Jagger, der mit 75 noch auf der Bühne steht, sehe ich mich jedenfalls nicht.

Du hast ja auch viel Kontakt zu anderen Kunstformen, ich weiß jetzt nicht, ob Du ein Freund von Axel Prahl bist, was ja oft geschrieben wird …

Aydo Axel ist ein toller Kerl. Wir telefonieren alle ein, zwei Monate. Das ist immer wie eine Streicheleinheit für mich. Ich arbeite gerade an einem Remake für ihn, er hat ja auch immer viele verrückte Ideen. Ach so, andere Kunstformen: Ich spiele im neuen Film von Leos Carax mit. Eine kleine Nebenrolle, ich spiele einen Paparazzo. Das ist ein Musicalfilm und ich glaube, der wird richtig gut. Der Trailer sieht jedenfalls spitze aus.

Versuchst Du eigentlich die erfolgreichen Faktoren Deiner bisherigen Platten auf neue Songs anzuwenden. Also dass Du sagst, dieser oder jener Song hat gut funktioniert, das Rezept hole ich nochmal aus der Tasche?

Aydo Auch wenn ich‘s nicht gerne zugebe, aber bei der zweiten ABAY-Platte sind wir genauso an die Sache rangegangen. Ich war dafür auch maßgeblich verantwortlich. Ich hatte diese Idee im Kopf, wie ein Hitalbum aussehen sollte, das Nachfolgealbum eines Achtungserfolgs. Aber das ist für mich komplett in die Hose gegangen. Wenn dieser Gedanke einmal in deinem Kopf ist, musst du dich ganz schnell davon lösen, weil du damit das kreative Überraschungsmoment killst.

Info: Die Videoversion des Interviews steht auf der YouTube-Seite unseres Autors Jens Krüger bereit.

(Beitragsbild: Aydo Abay, Pressefoto)

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