Simone Lappert: Der Sprung – Roman

Simone Lappert: Der Sprung – Roman

Simone Lappert begeistert mit ihrem neuen Roman „Der Sprung“

Am Anfang steht der Sprung. Eigentlich ist der Sprung gar keiner, denn Manu „macht einen Schritt ins Leere, setzt den Fuß in die Luft und lässt sich fallen“. Überwältigend, präzise und detailliert beschreibt Simone Lappert auf der ersten Seite ihres neuen, sinnigerweise „Der Sprung“ betitelten Romans den freien Fall in die Tiefe. Als Manu knapp 300 Seiten später unten aufkommt, hat sich das Leben diverser Personen grundlegend geändert. Einen Tag und eine Nacht lang hat die junge Frau ein kleines Städtchen in Atem gehalten. Ihren Beteuerungen, sie sei ausgesperrt worden und habe aus der Not heraus das Dach bestiegen, wird wenig Glauben geschenkt. Zu einer prompten Rückkehr ist Manu indes nicht zu bewegen und wirft lieber mit Dachziegeln um sich. Vor dem Haus versammelt sich schnell eine große Schar Schaulustiger, die Sensationspresse inklusive.

Simone Lappert entwirft ein illustres Panoptikum an Personen

Simone Lappert Der Sprung Cover Diogenes Verlag

Dass die Schweitzer Schriftstellerin Simone Lappert, 1985 in Aarau geborene Nichte des Autors Rolf Lappert, Manus Sprung an den Anfang ihres, nach „Wurfschatten“ von 2014, zweiten Romans stellt und so das vermeintliche Ende verrät, hat nichts mit Suspenseminimierung oder an der Lust des Spoilerns zu tun, sondern ist schlicht der Intention des Buches untergeordnet. Lapperts Hauptinteresse besteht nicht an Manus Entscheidung, das Hausdach auf dem direktesten Weg zu verlassen. Vielmehr dient ihr Manus Entschluss, eine geraume Zeit auf dem Dach zu bleiben, als Ausgangspunkt für die Entwicklung ihrer Protagonisten. Simone Lappert entwirft ein illustres Panoptikum an Personen, die vorab entweder eng, flüchtig oder nicht wirklich mit Manu in Verbindung standen und nun einen Wendepunkt ihres Lebens erreichen. Der vor der Pleite stehende Laden von Theres und Werner boomt plötzlich, weil sich die Gaffer dort mit den wichtigsten Lebensmitteln versorgen und Werner wieder zu neuem Lebensmut verhelfen. Die von ihren Mitschülern gemobbte Winnie beginnt sich zu wehren und erhält Unterstützung von überraschender Seite. Der zum Einsatz abkommandierte Polizist Felix stellt sich endlich einem Trauma der Vergangenheit, Manus Schwester Astrid – eine aufstrebenden Politikerin, die Bürgermeisterin werden will – ist der Auftritt ihre nahen Verwandten peinlich und der ehemalige Hutmacher Egon erfährt eine Renaissance in seinem alten Beruf.

Nominiert für den Schweizer Buchpreis

Nur ein kleiner Ausschnitt des Personals dieses clever aufgebauten, feinsinnig erzählten, unterhaltsamen und spannend zu lesenden Romans. Es hat schon etwas Magisches, wie Simone Lappert die Fäden dieser fast wie Kurzgeschichten anmutenden Erzählstränge zusammenhält, dehnt oder verkürzt. Diese von Zufall und Schicksal bestimmten Lebenslinien, die sich treffen, überschneiden oder nur kurz streifen, werden von der für den Schweizer Buchpreis 2019 nominierten Autorin scheinbar spielerisch in Szene gesetzt. Dieser Roman begeistert.

Simone Lappert: „Der Sprung“, Diogenes Verlag, Hardcover, 336 Seiten, 978-3-257-07074-3, 22 € (Beitragsbild von Ayse Yavas).

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.