Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens – Roman

Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens – Roman

Richard Powers, die Bäume und der Idealismus

In seinem Meisterwerk Der Klang der Zeit standen die Themen Musik und Rassismus im Mittelpunkt, in Orfeo Musik und Naturwissenschaft, und im neuen Roman des amerikanischen Schriftstellers sind Bäume und Idealisten die wichtigsten Protagonisten. Das sechshundert Seiten starke Buch Die Wurzeln des Lebens teilt sich in vier Abschnitte. In Teil eins, „Wurzeln“, erzählt der 1957 in Illinois geborene Powers die unabhängigen Lebensläufe seiner neun Hauptfiguren, kompakte Familienchroniken, in denen Bäume eine wichtige Rolle spielen.

Idealistische Protagonisten

Richard Powers Die Wurzeln des Lebens Cover Fischer VerlagSo führt Nicolas Hoel die Tradition seines Großvaters fort, am jeden 21. des Monats die Kastanie auf der Hausfarm in Iowa zu fotografieren, während Douglas Pavlicek die Rettung seines Lebens im Vietnamkrieg einem Baum verdankt und Neelay Mehta als Jugendlicher von einem solchen fällt, fortan querschnittsgelähmt ist und als Erfinder eines wahnsinnig erfolgreichen Videospiels zum Multimillionär aufsteigt. Im zweiten Teil, „Stamm“, führt Powers die Lebensstränge einiger seiner Akteure auf schicksalhafte Weise zusammen, die im heroischen Kampf gegen die Abholzung uralter Waldbestände in Kalifornien und Oregon münden. Ihr Öko-Aktivismus kulminiert in Untergrundmethoden, fordert ein Todesopfer und holt die Idealisten Jahre später wieder ein.

Bewegende Inneneinsichten durch Richard Powers

Denn die Zeit dreht sich weiter, sie haben Zeichen gesetzt, konnten die Rodung nicht verhindern und finden mehr oder weniger ihren Platz im „bürgerlichen“ Leben, teilweise unter gefälschten Namen. Die im ersten Kapitel knapp angerissenen Biographien seiner Helden weichen im zweiten und dritten Abschnitt („Krone“) bewegenden Inneneinsichten der Protagonisten sowie bildgewaltigen Naturbeschreibungen, die von der Schönheit der Bäume künden. Die Wurzeln des Lebens ist Powers‘ wahrscheinlich kämpferischster Roman, ohne in die Falle der Idealismusüberhöhung zu tappen.

Kapitalismuskritik

Eine eindeutige Botschaft hinterlässt er trotzdem, stellte der reinen Naturlehre indes die Wissenschaft entgegen und zeichnet mit dem IT-Spezialisten Neelay Mehta einen nicht minder idealistischen Nerd, der in seinem Drang, das reale Leben in seinem Videospiel realistischer darzustellen, als es dir Realität hergibt, manisch-wahnsinnige Züge entwickelt. Unverhohlene Kapitalismusschelte gegen Amazon & Co. und ihre Kunden („Sein Arbeitgeber ist ein Virus, der schon bald symbiotisch im Inneren eines jeden Menschen leben wird. Wenn man einmal im Schlafanzug einen Roman gekauft hat, gibt es kein Umkehren mehr.“) scheint Powers ebenso wichtig zu sein wie die Nutzung griffiger, historisch in  den Plot eingebetteter Parolen („A change is gonna come“).

Ein intensiver und empathischer Roman

Über den idealistischen Wert hinaus, gelingt Powers wieder einmal eine hervorragende Analyse der Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft. Richard Powers wandelt stilsicher zwischen Natur, Forschung, Esoterik, Politik und Poesie. Sein Wissensdurst ist enorm, die Informationen über die Mannigfaltigkeit der Bäume sind zahlreich und detailliert. Powers erweitert den Blickwinkel, wühlt auf und stellt essentielle Fragen nach dem Zusammenwirken von Mensch und Natur. Die Wurzeln des Lebens ist ein intensiver, empathischer, komplexer, wuchtiger und begeisternder Roman.

Richard Powers: „Die Wurzeln des Lebens“, S. Fischer Verlag, aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, Hardcover, 624 Seiten, 978-3-10-397372-3, 26 € (Beitragsbild: Buchcover).  

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