Bettina Baltschev: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Bettina Baltschev: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Ein profundes, spannendes und bewegendes Stück Literaturgeschichte

von Gérard Otremba

Es sind große Namen, die im Buch „Hölle und Paradies“ vereint sind. Die im Anhang aufgezählten Literaten lesen sich wie das Who is Who der deutschen Schriftstellerszene der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Anna Seghers, Heinrich, Thomas und Klaus Mann, Joseph Roth, Bruno Frank, Jakob Wassermann, Vicki Baum, Ernst Toller, Leonhard Frank, Irmgard Keun und noch einige mehr traf der Bannstrahl der Nationalsozialisten, die den Druck und die Veröffentlichung der Bücher der angesehensten Vertreter deutscher Dichtkunst ab 1933 verboten. Diese Untersagung traf auch auf fast sämtliche Publikationen des Gustav Kiepenheuer Verlages. Fritz Landshoff, neben Namensgeber Gustav Kiepenheuer Leiter des renommierten Berliner Verlages, traf sich im April 1933 mit dem Amsterdamer Verleger Emanuel Querido, der die Gründung eines deutschen Exilverlages plante.

Es kam zur Zusammenarbeit und was unter der Nazi-Herrschaft nicht mehr geduldet war, machten Landshoff und Querido in den Niederlanden möglich, die Veröffentlichung aktueller deutschsprachiger Literatur, jenseits des von den Nazis propagierten Blut- und Boden-Schriftgutes. So sind im Programm des Querido Exilverlages u.a. die berühmten deutschen Klassiker Erziehung vor Verdun von Arnold Zweig, Mephisto von Klaus Mann, Die Jugend des Königs Henri Quatre von Heinrich Mann, Liebe und Tod auf Bali von Vicki Baum, die Lion Feuchtwanger-Romane Die Geschwister Oppenheimer, Erfolg, Jud Süß und Exil zwischen 1933 und 1940 erschienen. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen war es dann vorerst vorbei mit der Verbreitung der Exilliteratur. Während sich Fritz Landshoff in die USA retten konnte, wurde Emanuel Querido im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Nach dem 2. Weltkrieg kehrt Landshoff zurück und baut mit Alice van Nahuys, Queridos enger Vertrauten, den Verlag wieder auf, Das siebte Kreuz von Anna Seghers und die Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno erscheinen.

In Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur macht sich Bettina Baltschev auf eine geniale Spurensuche der Herausgeber Landshoff und Querido sowie ihren Literaten. Für die in Leipzig wohnende Journalistin und Autorin ist Amsterdam längst zur zweiten Heimat geworden, und umso kenntnisreicher ihre Einblicke in das heutige Amsterdam, die sie in ihrem erzählten biographischen Sachbuch einbettet. Facettenreich und atmosphärisch schildert sie Begegnungen und Anekdoten aus den 30er-Jahren, besucht die relevanten Örtlichkeiten Amsterdams und verbindet Gegenwart mit Vergangenheit. Bettina Baltschev hat mit Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur ein profundes, spannendes und bewegendes Buch über eine Zeit geschrieben, in der Paradies und Hölle für die Protagonisten sehr nah beieinander lagen. Ein Stück Widerstandsgeschichte aus dem niederländischen Nachbarland. Nicht nur inhaltlich, auch haptisch hinterlässt das Buch mit fadengeheftetem Halbleinen und einigen Fotografien einen präsentablen Eindruck.

Bettina Baltschev: „Hölle und Paradies“ – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur“, Berenberg Verlag, 168 Seiten, 978-3-946334-08-8, 22 €.

Kommentare

  • <cite class="fn">Hans Caastorb</cite>

    Hallo Gérard,
    danke für die Rezension des Buches. Klingt sehr interessant. Selbst interessiere ich mich sehr für die Exilliteratur. Irmgard Keun, die Brüder Mann, Feuchtwanger und Zweig sind meine Favoriten. Letztens las ich Arc de Triomphe von Erich Maria Remarque. Auch ein viel zu wenig beachteter Roman.
    LG,
    Hans Caastorb

    • <cite class="fn">Gérard Otremba</cite>

      Hallo Hans, ja, ein wirklich empfehlenswertes Buch zum Thema Exilliteratur. Zweig habe ich schon sehr lange nicht mehr gelesen, von Remarque nur „Im Westen nichts Neues“ und von Feuchtwanger und Keun leider noch gar nichts. Heinrich Mann war mal ein großer Favorit und von Thomas Mann habe ich auch noch zu wenig gelesen. LG, Gérard

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