Ulrich Ritzel: Nadjas Katze – Kriminalroman

Ulrich Ritzel: Nadjas Katze – Kriminalroman

Ulrich Ritzels vielleicht letzter Berndorf-Krimi

von Gérard Otremba

Ulrich Ritzel geht zurück an den Anfang. Sein erster und vorzüglicher, 1999 veröffentlichter Kriminalroman um den Leiter der Ulmer Mordkommission Hans Berndorf, Der Schatten des Schwans, beginnt im April 1945 und eine Erzählung aus eben jenem Jahr bestimmt die Dramaturgie des inzwischen zehnten Romans der Berndorf-Reihe, Nadjas Katze. Für Berndorf ist eine Rückkehr in zweifacher Hinsicht. Längst hat der eigenbrötlerische und leicht misanthropische, wie sein Erfinder Ulrich Ritzel im Jahre 1940 geborene Kommissar seinen Dienst im Schwabenland quittiert und ermittelt als Privatdetektiv mit Berliner Hauptsitz. Eine ehemalige Schulfreundin vermittelt Berndorf den neuen Auftrag, der ihn nicht nur in sein Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb führt, sondern auch in das Jahr 1945 katapultiert.

In einem Antiquariat ersteht die pensionierte Lehrerin Nadja Schwertfeger auf der Suche nach unbekannten und vergessenen Autoren ein schmales, mit Die Nachtwache des Soldaten Pietzsch betiteltes Heft, dessen Geschichte am Vorabend von Adolf Hitlers Geburtstag 1945 spielt. In dieser Erzählung wird eine schwarze Stoffkatze mit rosa Tatzen und rosa Schnauze erwähnt, eine wie sie selbst schon immer besitzt. Sie sei ihnen samt Stoffkatze im Februar 1946 als vier Wochen altes Baby von einer sogenannten „Displaced Person“, wahrscheinlich einer unbekannten Polin oder Russin, anvertraut worden, so die Legende ihrer Adoptiveltern, mit der sie lebte, der sie jedoch nie auf den Grund ging. Mit der Stoffkatze im Gepäck beginnt Nadja Schwertfeger jetzt doch die Recherche nach ihrer leiblichen Mutter und landet dabei im fiktiven schwäbischen Dorf Wieshülen, wo einst Hans Berndorf aufwuchs.

Auf Vermittlung einer ehemaligen Schulfreundin hilft der eigenwillige Ermittler Nadja Schwertfeger bei ihrer Wahrheitssuche, findet sich unvermittelt als kleiner Junge in der Erzählung um den Soldaten Pietzsch wieder und wird persönlicher in die Sache involviert, als es ihm lieb ist. Darüber hinaus gerät Berndorf während den Nachforschungen auf die Spur eines am Ende des Krieges in seinem Heimatort verübten Verbrechens. Ulrich Ritzels preisgekrönte Kriminalromane (für Schwemmholz und Beifang erhielt er den Deutschen, für Der Hund des Propheten den Burgdorfer Krimipreis) kommen ohne Thrill aus, überzeugen aber durch akribische Recherchearbeit, den historischen, respektive zeitgeschichtlichen Kontext sowie seinem unaufgeregten Erzählstil. In Nadja Schwertfeger findet Hans Berndorf einen weiblichen, nur unwesentlich jüngeren, ihm nicht ganz unähnlichen Widerpart, mit dem es sich gar köstlich zu kabbeln lohnt, was dem Roman einige humoristische Momente verleiht.

Vieles, wie zum Beispiel Ulrich Ritzels oben erwähnte inhaltliche Bezugnahme zu Band eins sowie Berndorfs private Heimkehr, riecht bei Nadjas Katze nach Abschied. Und eine Krimi-Reihe mit dem zehnten Band abzuschließen, wäre eine runde Sache. Freunde des intelligenten Kriminalromans vermissten Hans Berndorf und die diesmal fehlende, ehemalige Assistentin Tamar Wegenast, zukünftig gewiss sehr. Sollte es so kommen, hätte Ulrich Ritzel mit Nadjas Katze eine der interessantesten und wichtigsten deutschsprachigen Krimireihen beendet. Und wenn nicht, dann freut sich die Krimi-Gemeinde uns umso mehr auf eine Fortsetzung.

Ulrich Ritzel: „Nadjas Katze“, btb, Hardcover, 448 Seiten, 978-3-442-75676-6, 19,99 €.   

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