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8. Juli 2026Der kanadische Singer-Songwriter Jacob Brodovsky über seine melancholischen Lieder, ihren jüdischen Hintergrund, das Vatersein und die Hoffnung.
Interview von Werner Herpell
Schon der Albumtitel lässt im Kopfkino einen melancholischen Arthouse-Film ablaufen. Es könnte darin um ein trauriges Paar gehen, das darüber nachdenkt, wie man dem Nachwuchs das Scheitern seiner langjährigen Beziehung beibringen soll. Mit dem unbefriedigenden Ergebnis: Also sagen wir den Kindern halt, dass wir es zumindest versucht haben… „Tell The Kids We Tried“ heißt das zweite Soloalbum des kanadischen Singer-Songwriters Jacob Brodovsky, eines Mittdreißigers, der schon so einiges an menschlichen Dramen erlebt hat. Tatsächlich durchzieht viele der Lieder, die zwischen hauchzartem Folk, schimmernder Americana und sensiblem Indie-Pop der Marke Ben Gibbard (Death Cab For Cutie), John K. Samson (The Weakerthans) oder auch Elliott Smith pendeln, eine erhabene Schwermut, die aber zum Glück nie in Larmoyanz oder Kitsch abrutscht.
Denn Brodovsky ist nicht nur ein brillanter Melodienerfinder, sondern auch ein feinsinniger Texter. Das hatte der Mann aus Winnipeg beziehungsweise Toronto bereits auf seinem ebenfalls nachdenklich-selbstkritisch betitelten Debüt „I Love You And I’m Sorry“ (2022) unter Beweis gestellt. „Tell The Kids We Tried“ ist nun sein erstes Album, das über die kanadische Musiker-Community hinaus (er war 2024 in dem zweisprachigen Land Gewinner des „Canadian Folk Music Award“ als englischsprachiger Songwriter) größere Aufmerksamkeit erhält. Der deutsche „Rolling Stone“ gab der Platte vier von fünf Sterne und widmete dem Newcomer eine eigene Story im Heft. Anlass genug, Brodovsky einige Fragen zur Person und zu seiner Musik (Album-VÖ 10.07.2026 bei Make My Day Records – Review bei Sounds & Books folgt) zu stellen.
Songwriting „schon immer ein Ventil“
Hallo Jacob, schön, dich über dieses Interview kennenzulernen. Vielen unserer Leser in Deutschland wird es so gehen wie mir selbst bis vor kurzem – die meisten werden dich und deine wunderbare Musik noch nicht kennen. Bitte stell uns deine Entwicklung als Singer-Songwriter vor – wann und wie hast du entdeckt, dass dies der beste Weg ist, dich künstlerisch auszudrücken, deine Erfahrungen und Gefühle mitzuteilen?
Jacob Brodovsky: Ich schreibe seit fast 20 Jahren Songs, habe also schon ziemlich früh damit angefangen. Das Songschreiben war für mich schon immer ein Ventil und etwas, worauf ich immer wieder zurückgegriffen habe. Von meinem 12. bis zu meinem 30. Lebensjahr habe ich in Bands gespielt, in den letzten Jahren bin ich eher als „Solokünstler“ tätig.
Du bist Kanadier, stammst also aus einem Land, das man mit großen Singer-Songwritern wie Joni Mitchell, Neil Young, Gordon Lightfoot oder Leonard Cohen verbindet. Diese könnten durchaus Einflüsse für dein Songwriting sein, wie ich auch angesichts deiner Alben „I Love You And I’m Sorry“ (2022) und jetzt „Tell The Kids We Tried“ (2026) vermute. Wie Cohen hast du einen jüdischen Hintergrund. Was bedeuten dir diese Verbindungen zur kanadischen beziehungsweise jüdischen Songwriter-Tradition?
Jacob Brodovsky: Ich glaube, ich kann mich sehr gut mit der Selbstironie der osteuropäischen jüdischen Kultur identifizieren. Meine Vorfahren stammen aus Polen und der Ukraine, und es gibt eine lange Tradition, dass sich aschkenasische Juden aus dieser Region als Schriftsteller und Dichter verstehen. Wir sind ein neurotisches Volk, und das kommt in meinen Texten definitiv zum Ausdruck. Ich versuche, aus einer Haltung der Demut heraus zu schreiben, und ich glaube, das passt gut zu meinem kanadischen Selbstverständnis.
Sehr geprägt von The Weakerthans
Und gibt es da weitere Fixpunkte und Vorbilder für dich? Möglicherweise aktuellere kanadische Künstler wie The Weakerthans, Feist, Rufus Wainwright und seine Familie, die du nennen könntest?
Jacob Brodovsky: Die Weakerthans haben mich definitiv sehr geprägt. Außerdem Charlotte Cornfield, Leith Ross, Dominique Adams, Begonia und Slow Leaves.
Auf deiner Bandcamp-Seite wirst Du so beschrieben: „Jacob Brodovsky is a singer-songwriter, summer camp director, and college radio host from Winnipeg, MB, Treaty One Territory.“ Deine Songs stellst du uns später in einem Track by Track zum neuen Album im Detail vor. Ich las, dass sie einer Schreib-Challenge entstammen, dem „Song Every Week Club“. Erzähl uns bitte davon.
Jacob Brodovsky: Meine Freunde und ich veranstalten jeden Winter einen „Ein-Song-pro-Woche“-Club, bei dem wir jede Woche einen neuen Song schreiben müssen – wenn wir das nicht schaffen, fliegen wir aus dem Club raus. Das ist eine tolle Motivation, neues Material zu schreiben. Eine Menge der Songs auf dem Album sind daraus entstanden.
Solidarität mit „meinen palästinensischen Freunden“
Was können wir uns unter einem „summer camp director“ und „college radio host“ vorstellen? Wie wichtig sind diese Tätigkeiten und Erfahrungen für dein Leben? Welchen Einfluss hat dein jüdischer Hintergrund? Magst du uns in diesem Zusammenhang schildern, was der Verlust der langjährigen Gemeinschaft im BB Camp Kenora für Dich bedeutet?
Jacob Brodovsky: Viele der Songs auf dem Album sind von meinen Erfahrungen in der jüdischen Gemeinde von Winnipeg geprägt – als jemand, der sich nicht wirklich mit dem Zionismus identifiziert. Ich war mehrere Jahre lang Geschäftsführer eines Sommercamps der jüdischen Gemeinde und habe im Grunde genommen gekündigt, weil die Leute ziemlich unzufrieden mit mir waren, weil ich Solidarität und Mitgefühl mit meinen palästinensischen Freunden zum Ausdruck gebracht hatte.
Du bist ja kein ganz junger Singer-Songwriter mehr am Anfang seiner Karriere, sondern – so vermute ich mal – über 30, mit Frau und Kindern. Wie beeinflusst dich das beim Schreiben von Texten? Welche Themen sind dir ansonsten wichtig?
Jacob Brodovsky: Ich schreibe viel darüber, wo ich gerade in meinem Leben stehe – daher im Moment viel über das Vatersein und die Ängste, die mit dem Älterwerden einhergehen. Ich glaube auch, dass man mit zunehmendem Alter selbstkritischer wird. Ich beschäftige mich länger mit meinen Songs, bevor ich sie jemandem zeige, und ich glaube, ich bin etwas strenger mit mir selbst.
Songs übers Elternsein – und die allgemeine Lage der Welt
Eines deiner neuen Lieder heißt „Kids“, ein anderes „Past Mistakes“, ein weiteres „Older Too“, oder „Downer“. Das Album trägt den Titel „Tell The Kids We Tried“ – also das klingt alles recht traurig und melancholisch, wie nach einer bitteren Scheidung. Gibt es einen entsprechenden Hintergrund als „Trennungsplatte“, oder einen anderen roten Faden, der die Lieder verbindet? Und wie wichtig ist Hoffnung für dich, angesichts der verrückten Welt um uns herum?
Jacob Brodovsky: Das ist interessant, dass du das so empfindest! Nein, es ist nicht unbedingt ein Album über das Ende einer Beziehung. Es gibt sicherlich Aspekte, die mit dem Abschied von meiner früheren Community zu tun haben. Aber ich glaube, im Großen und Ganzen gibt es kein bewusstes Thema auf dem Album, abgesehen von meinen Gedanken zum Elternsein und zur allgemeinen Lage der Welt.
Hast du als Kanadier eigentlich eine dezidierte Haltung zur Politik in Nordamerika, zu dem Konflikt mit den USA unter Donald Trump, der deswegen notwendigen Annäherung an die europäischen und asiatischen Demokratien?
Jacob Brodovsky: Das kann ich nicht wirklich behaupten. Ich bin definitiv kein Fan von Donald Trump, aber ich glaube nicht, dass er der einzige Politiker in Nordamerika ist, der eine Vorliebe für den Faschismus hat.
Jacob Brodovsky bald live in Deutschland
Jacob, du wirst jetzt auch in Deutschland wahrgenommen, beispielsweise im neuen „Rolling Stone“ mit einem eigenen Porträt und einer sehr positiven Album-Review. Werden wir dich demnächst hier auch mal bei Konzerten erleben? Ich würde mich sehr freuen.
Jacob Brodovsky: Ja! Im November geht’s nach Deutschland. Ich kann es kaum erwarten.
Nachdem wir dich nun als Künstler und Mensch ein bisschen besser kennenlernen durften, lass uns die Songs von „Tell The Kids We Tried“ mal genauer anschauen. Danke, dass du uns deine Einflüsse, Ideen und Absichten zu den einzelnen Stücken schildern magst.
Past Mistakes
Jacob Brodovsky: Ich habe Ende 2021 während der Pandemie angefangen, diesen Song zu schreiben – zunächst als einfache Schreibübung, bei der ich versucht habe, so viele Metaphern wie möglich in einen Song einzubauen. Was als harmlose Bewusstseinsstrom-Übung begann, entwickelte sich natürlich ziemlich schnell zu einem Song über Hoffnungslosigkeit und Alltäglichkeit. Ich erinnere mich, dass ich darüber nachdachte, wie wir in der Popkultur und in den sozialen Medien immer wieder betonten, dass 2020 „das schlimmste Jahr aller Zeiten“ war, aber auch, dass es nie wirklich so aussah, als würde es besser werden.
Ich habe versucht, dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit in diesem Song auf eine fiktive Figur zu übertragen. Jemand, der wie so viele von uns während der Pandemie sehr lange Zeit weitgehend allein war und viel Zeit damit verbrachte, all die Fehler aufzuzählen, die er in der Vergangenheit begangen hatte. Wir alle tragen unsere Listen mit vergangenen Fehlern tief in uns. Oder zumindest ich tue das.
Das war einer der ersten Songs, die wir für das Album aufgenommen haben, und für mich war die Aufnahme dieses Songs wirklich der Moment, in dem ich zum ersten Mal sah, wie die „Welt“ des Albums Gestalt annahm. James (Robertson) hat sich dieses wunderschöne und komplexe Gitarrenintro ausgedacht, und Jason (Tait – Schlagzeug) und John (Baron – Bass) haben sich sofort darauf eingestimmt. Ich erinnere mich, wie ich mich im Studio zurücklehnte und mir ein wenig die Tränen in die Augen stiegen, als mir bewusst wurde, was aus diesem Album werden würde. Ich fühlte mich so unglaublich glücklich – und ehrlich gesagt auch unwürdig -, all diese unglaublichen Musiker, zu denen ich schon so lange aufgeschaut hatte, mit mir in einem Raum zu haben.
„Past Mistakes“ erscheint mir als erste Single des Albums durchaus sinnvoll. Der Song bietet sowohl klanglich als auch thematisch einen Einstieg in die Welt des Albums. Wenn „Kids“ die These dieses Albums ist, dann ist „Past Mistakes“ das Inhaltsverzeichnis. Fast wie eine Ouvertüre.
Colorado Low
Jacob Brodovsky: Das ist der älteste Song auf der Platte. Ich habe ihn Anfang 2016 geschrieben, als ich gerade von Toronto nach Winnipeg zurückgezogen war. Ich erinnere mich, dass mich der Winter in Winnipeg nicht wirklich beeindruckt hat und ich die Schneeverwehungen vermisste, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnerte. Im Radio wurde immer wieder von diesem bevorstehenden „Colorado-Tief“ gesprochen, das den Winter bringen sollte, und ich schrieb diesen Song über fiktive Figuren, die auf den Winter warten, während ich gleichzeitig über meine eigenen Entscheidungen nachdachte – darüber, nach Hause zurückzukehren und zu versuchen, mich nach einem halben Jahrzehnt der Abwesenheit wieder in das Leben in Winnipeg einzuleben.
Ich habe diesen Song in den letzten zehn Jahren dreimal mit verschiedenen Bands aufgenommen und hatte nie wirklich das Gefühl, dass er perfekt geworden ist. Ich habe ihn oft aufgegeben, aber aus irgendeinem Grund schlich sich dieser Song jedes Mal, wenn ich mich daran machte, ein Album aufzunehmen, wieder in die Trackliste ein. Ich habe einige Textzeilen umgeschrieben, um ihn etwas besser auf mein jetziges Leben abzustimmen, und wusste sofort, als James die 12-saitige Gitarre hervorholte, um diesen Song aufzunehmen, dass wir ihn dieses Mal behalten würden.
Kids
Dieser Song entstand ursprünglich als Schreibübung, bei der ich versuchte, einen Song mit dem Titel „Tell The Kids We Tried“ zu schreiben. Zu dieser Zeit war mein Sohn zwei Jahre alt, und wir hatten gerade erfahren, dass wir noch ein Kind bekommen würden. Ich hatte – und habe immer noch – große Schwierigkeiten mit dem Gedanken, Kinder in die Welt zu setzen, obwohl ich weiß, wie verbissen wir als Zivilisation darauf aus sind, diese Welt zu zerstören. Für mich ist das Kinderkriegen eine riesige Quelle sowohl von Optimismus als auch von Angst. Mit Kindern zusammen zu sein und zu beobachten, wie sie sich selbst entdecken, ist ein unglaubliches Geschenk – aber gleichzeitig ist es erschreckend, zu erkennen, auf wie viele Arten sie sich verletzen könnten und wie begrenzt meine eigenen Möglichkeiten sind, sie zu beschützen.
Den Großteil dieses Songs haben wir während einer Vorproduktionssitzung aufgenommen. Ich war gerade mit dem Schreiben fertig geworden, und James und Gavin (Gardiner – Keys) haben mir eine einfache Drum-Machine bereitgestellt, zu der ich mitspielen konnte. Wir haben alles aufgenommen, in der Annahme, es handele sich nur um ein Demo, haben aber letztendlich die ursprünglichen Gesangs- und Gitarrenparts beibehalten und im Studio nur ein paar kleine Verzierungen hinzugefügt.
Restaurant
Jacob Brodovsky: Letztes Jahr war ich mit einer Freundin auf Tour, und jeden Abend spielte ich „Night Baker“ (vom ersten Album) – das Publikum fuhr darauf richtig ab. Sie forderte mich heraus, „noch einen ‚Night Baker'“ zu schreiben. Und da „Night Baker“ von einer Bäckerei in meiner Nachbarschaft handelte, ging ich einfach die Straße weiter entlang zu einem niedlichen kleinen Café/Restaurant, in dem ich die meiste Zeit meiner Tage damit verbringe, an meinem Laptop zu arbeiten oder zum Abendessen hinzugehen. Und ich schrieb diesen Song, wobei ich versuchte, mir Geschichten für all die verschiedenen Leute auszudenken, die dort verkehren.
Older Too
Jacob Brodovsky: Das ist wahrscheinlich der härteste Song auf dem Album. Ich hatte fast mein ganzes Leben lang mit Depressionen zu kämpfen, nahm das aber erst vor kurzem als echte Depression wahr. Ich habe diesen Song ungefähr zu der Zeit geschrieben, als ich mich zunehmend mit dem Gedanken anfreunden konnte, Antidepressiva auszuprobieren. Ich erinnere mich, dass ich eines Tages mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause fuhr und besonders in Selbstmitleid versank, während mir die Worte „Ich suche immer wieder nach Leichtigkeit, aber es wird immer schwerer, sie zu finden“ durch den Kopf gingen. Ich fuhr direkt nach Hause, und dieser Song sprudelte quasi aus mir heraus. Der Refrain „I’m in over my head“ bedeutete für mich damals, dass all die Bewältigungsstrategien, die ich bisher angewendet hatte, nicht mehr ausreichten, und es Zeit wurde, etwas anderes auszuprobieren.
Einer meiner Lieblingsaspekte bei der Aufnahme dieses Songs ist die Basslinie, die John sich ausgedacht hat. Einer der Gründe, warum ich John für diese Platte gewinnen wollte, ist seine Fähigkeit, solche kleinen Ohrwürmer als Basslinien zu entwickeln. Bei diesem Track hat er es wirklich auf den Punkt gebracht, und ich finde, der Bass trägt den ganzen Song.
Lack Thereof
Jacob Brodovsky: Diesen Song habe ich als direkte Antwort auf Boy Goldens Song „Out On The Weekend“ geschrieben. Wir sind zusammen mit ein paar anderen Freunden in einem „Jede Woche ein Song“-Club, und jede Woche müssen wir etwas Neues schreiben und es an die Gruppe schicken. Mich hat es wirklich inspiriert, wie Liam über seine Freunde und unsere Gemeinschaft geschrieben hat, und ich wollte versuchen, dieser Idee meine eigene Note zu verleihen. Das Ergebnis ist natürlich etwas viel Zynischeres und Deprimierenderes, aber ich glaube, dieser Song trifft genau den seltsamen Moment in unserem Leben, in dem wir Anfang 30 sind – manche von uns sind 30 und irgendwie schon fast 50, andere versuchen immer noch so zu tun, als wären sie 22. Ich denke oft über diese Spannung nach und darüber, wie sie sich auf unerwartete Weise manifestiert.
Downer
Jacob Brodovsky: Ich hatte während eines Großteils meines Erwachsenenlebens eine ziemlich ungesunde Beziehung zu Cannabis und habe es immer wieder auf ungesunde Weise konsumiert, um meine Depressionen und Ängste zu behandeln – als eine Möglichkeit, „mein Gehirn auszuschalten“, oft während ich nachts mit meinen Hunden spazieren ging. Dieser Song ist eine wörtliche Nacherzählung eines relativ harmlosen Spaziergangs mit meinen Hunden, den ich eines Abends unternommen habe. Ich war gerade mit meinen Hunden unterwegs und hatte gerade einen Joint geraucht, als ein Freund von mir vorbeifuhr und mich rief, ich solle rüberkommen und mit ihm plaudern. Ich war einfach zu high für eine soziale Interaktion und schämte mich sehr dafür, wie ungeeignet ich dafür war. Das alles passierte am Abend vor dem Abgabetermin für meinen wöchentlichen Song, also nutzte ich dies als Inspiration, um einen Song zu schreiben – und hier stehen wir nun.
Beneath It All
Jacob Brodovsky: Dieser Song ist wahrscheinlich der politischste Song, den ich je geschrieben habe. Ich bin Jude und habe lange Zeit innerhalb der institutionellen jüdischen Gemeinde in Winnipeg gelebt und gearbeitet. In unserer Gemeinde herrscht eine massive Unwilligkeit, sich mit dem Völkermord im Gazastreifen oder der Rolle Israels beim Leid in dieser Region auseinanderzusetzen. Ich habe diesen Song als Appell an Menschen geschrieben, die mir sehr am Herzen liegen, damit sie versuchen, Empathie für die Notlage des palästinensischen Volkes zu entwickeln oder zumindest offen dafür zu sein, dass viele Juden mit Israels Kriegführung nicht einverstanden sind.
Das ist ein Gespräch, das ich schon oft mit meiner Freundin Charlotte Cornfield geführt habe, die zufällig auch eine meiner Lieblings-Songwriterinnen aller Zeiten ist. Als das Album fertig war, beschloss ich, dass dieser Song dennoch darauf sein musste, also nahm ich eine kurze Version davon auf meinem 4-Spur-Kassettenrekorder auf. Ich war fest davon überzeugt, dass dieser Song ein Duett sein und von einer weiteren jüdischen Person gesungen werden sollte. Ich schrieb Charlotte eine SMS, um zu fragen, ob sie bereit wäre, bei diesem Song mitzusingen, und sie willigte sehr großzügig ein. Ihre Stimme passt einfach perfekt zu diesem Lied.
Winters
Jacob Brodovsky: Dieser Song wurde von zwei Dingen inspiriert, die ich an Silvester in den sozialen Medien gesehen habe… Das erste war ein Beitrag von einer meiner Lieblingssängerinnen und -Songwriterinnen, Courtney Marie Andrews, die einen Jahresrückblick mit der Bildunterschrift „Manche Jahre sind wie Winter“ gepostet hatte. Diese Bildunterschrift hat mich wirklich angesprochen – die Vorstellung, dass sich ganze Jahre schläfrig, düster und trostlos anfühlen können. Der zweite Beitrag stammte von jemandem, den ich flüchtig kannte und der auf Facebook schrieb, dass er sich kürzlich hatte scheiden lassen und sein erstes Weihnachtsfest allein ohne seine Kinder verbrachte.
Ich habe beide Beiträge genutzt, um zu versuchen, eine kleine Welt um diese Figur herum aufzubauen. Eines Morgens kam ich etwas früher ins Studio und fing an, Klavier zu spielen, um diesen halbfertigen Song zu skizzieren. Jason setzte sich neben mich und begann, mit einer Drum-Machine zu spielen. Ich hatte nicht vor, diesen Song aufzunehmen, aber als wir erst einmal richtig in Fahrt gekommen waren, bestanden Gavin und James darauf, dass wir ihn festhalten. Ich habe den Text schnell fertiggestellt, und wir haben den Song noch am selben Tag in einem Durchgang aufgenommen.
It’s Alright
Jacob Brodovsky: Ich habe diesen Song als Reaktion auf das Ende einer Freundschaft geschrieben. Ein langjähriger enger Freund und ich hatten uns langsam auseinander gelebt. Er war im Laufe unseres Erwachsenwerdens immer wütender und nachtragender geworden, und unsere Wege hatten sich nach und nach immer weiter voneinander entfernt. Unsere Freundschaft endete in viel Wut und gegenseitigen Vorwürfen, und ich schrieb diesen Song teils um ihm, teils um mir selbst zu versichern, dass es in Ordnung ist, dass wir uns immer noch gegenseitig Raum lassen können und dass die Wut nicht ewig anhält.
Dieser Song war der letzte, den wir für das Album aufgenommen haben – gemeinsam in einem Raum, einschließlich des Gesangs. Ich liebe die eindringlichen Harmonien von Dominique (Adams – Vocals) und Taylor (Jackson – Vocals) in diesem Song und finde es toll, wie ihre Stimmen das Album mit dem ersten und dem letzten Song einrahmen.
Ganz herzlichen Dank, Jacob!
Das Album „Tell The Kids We Tried“ von Jacob Brodovsky erscheint am 10.07.2026 bei Make My Day Records. Eine Review folgt. (Beitragsbild von Julio Assis)




