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13. März 2026Leben und Sterben in Sanditz: Mit seinem dritten Roman empfiehlt sich Lukas Rietzschel für den Deutschen Buchpreis
von Gérard Otremba
Die Otto-von-Bismarck-Statue in Sanditz ist umgestürzt. Keiner der Bewohner des kleinen Städtchens in der Lausitz kann sich diesen Vorfall kurz vor Weihnachten 2021 erklären. Für Lukas Rietzschel der Ausgangspunkt seines bisher umfangreichsten und besten Romans. Nach dem verfilmten „Mit der Faust in die Welt schlagen“ sowie dem von Sounds & Books rezensierten „Raumfahrer“ der dritte Roman des aus der Lausitz stammenden und in Görlitz wohnenden Schriftstellers und Dramatikers.
Lukas Rietzschel arbeitet mit Zeitsprüngen
In „Sanditz“ zeichnet Lukas Rietzschel den Werdegang der Familie Wenzel nach: „Dass ein Teil dieser Familie eigentlich Moschnick heißt (Mutter Marion, Maria und Tom) und der andere Wenzel (Großmutter Erika und Mutters Bruder Dirk), ist nur für den Postboten wichtig. Für alle anderen und auch für sie selbst leben hier seit Jahren, seit Jahrzehnten die Wenzels.“ Der 1994 geborene Ritzschel arbeitet dabei mit Zeitsprüngen von 1978 bis 2022 und fasst die DDR- und Wende/Nachwendezeit bis hin zu Corona und den Beginn des Ukraine-Krieges zusammen. Marion, Maria und Tom heißen Moschnick, weil Roland Moschnick Marion in den 80er-Jahren aus Freundschaft geheiratet hat, um ihre Schwangerschaft zu legitimieren, obwohl er nicht der leibliche Vater von Marias Kindern ist und eigentlich eher auf Männer steht.
Maria und Tom
Alles höchst kompliziert in der DDR, zumal sich die Familie Wenzel tatkräftig in der kirchlichen Gemeinde engagiert und stets Gefahr läuft, in die Fänge der Stasi zu geraten. Während der Revolutionszeit im Herbst 1989 prägen die Wenzels indes mit ihrem Mut das Geschehen in Sanditz. Von der Aufbruchsstimmung jener Jahre bleibt in der Nachfolgegeneration nicht mehr viel übrig. Maria versucht sich m Lokaljournalismus, zieht vorübergehend zum Studium nach Kassel, weil die Berufsberaterin ihr einen Wegzug aus Sanditz empfahl: „Ich sag’s mal so: Hier wartet niemand auf Sie, nicht einmal die Zukunft.“. Aber weil Kassel so gar nicht ihr Wohlfühlort wird („Wie es sich herausstellte, hatte sie nie zuvor eine derart hässliche Stadt wie Kassel gesehen.“), kehrt Maria wieder in ihre Heimat zurück.
Zu Beginn unseres Jahrzehnts, also mitten während der Pandemie-Hochphase, gehört ihr Zwillingsbruder Tom zu den Außenseitern. Der arbeitslose Ex-Polizist verweigert sich der Impfung gegen Corona, stößt damit in seiner Familie auf Unverständnis und weiß nicht wirklich, wohin mit sich. Abhilfe verschafft ausgerechnet der Ukraine-Krieg. Für seine Familie als Hilfskonvoi getarnt, begibt sich Tom an die Front, um als Freiwilliger gegen die Russen zu kämpfen.
Lukas Rietzschel hält die Spannung hoch
Auf knapp 500 Seiten jongliert sich Lukas Rietzschel gekonnt durch die Chronik der Wenzels und entwirft ein grandioses Familien- und Gesellschaftspanorama. Der Roman lebt von Rietzschels feinfühligen Charakterzeichnungen und markanten Figuren, die auch mal gegen den Strom schwimmen. Jede von Rietzschel bis zur kleinsten Nebenrolle erfundene Vita bleibt stimmig. Mit den Zeitsprüngen hält er die Spannung hoch und es bleibt bis zum Schluss ein großes Vergnügen, den Werdegang der Wenzels und ihres Umfelds zu verfolgen. Mit „Sanditz“ bringt sich Lukas Rietzschel als Kandidat für die Shortlist des Deutschen Buchpreises in Stellung.
Lukas Rietzschel: „Sanditz“, dtv, Hardcover, 480 Seiten, 978-3-423-28516-2, 26 Euro. (Beitragsbild von Alexandra Polina)
Erhältlich über unser Partnerprogramm bei Genialokal.





