Lukas Rietzschel: Raumfahrer – Roman

Lukas Rietzschel: Raumfahrer – Roman

Mit seinem neuen Roman „Raumfahrer“ meistert Lukas Rietzschel die hohe Hürde des Zweitwerks mit Bravour

Der gut 30-jährige Jan Nowak lebt in der sächsischen Lessing-Stadt Kamenz, gelegen im Dreieck zwischen Dresden, Bautzen und Hoyerswerda, und arbeitet in einem Krankenhaus, das kurz vor dem Aus steht. Um den Landstrich im östlichsten Teil Deutschlands steht es Lukas Rietzschels neuem Roman „Raumfahrer“ nicht gut, die bevorstehende Kamenzer Krankenhausschließung der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von Veränderungen, die manche als „blühende Landschaften“ beschreiben, andere als Verlust ost-deutscher Identität. Nicht nur der einstige Wohnblock, in dem Familie Nowak wohnte, existiert nicht mehr: „Wo Jans Schule gestanden hatte, war jetzt ein Dänischen Bettenlager, aus dem Sportplatz mit Fußballfeld, Kampfbahn und Weitsprunganlage war das Kaufland geworden“.

Lukas Rietzschel changiert zwischen Gegenwart und Vergangenheit

Lukas Rietzschel Raumfahrer Cover dtv

Auch die Familie Nowak ist nach der Wende auseinandergebrochen und Jans Mutter nach der Trennung als Alkoholikerin gestorben. In Jans trostloses Leben mischt sich der als „Der Alte“ titulierte Patient Günter Kern, Bruder des als Hans-Georg Kern geborenen Malers Georg Baselitz. Kern übergibt Jan eine Kiste mit Fotos von seinen Eltern und führt ihn in die von seinem Vater nie angesprochene familiäre Vergangenheit. In Rückblenden schildert Lukas Rietzschel die Verquickungen der Familien Nowak und Kern, denn während sich sein Bruder Georg nach West-Berlin absetzte und dort als Künstler Karriere machte, blieb Günter in der DDR zurück und lebte ein weit verbreitetes Leben zwischen Stasi, Lügen und Verrat. Die Rolle von Jans Mutter in dieser Gemengelage erklärt letztendlich auch ihr Abgleiten in die Alkoholsucht nach dem Fall der Mauer.

Rietzschels lakonischer Stil

In seinem Wechselspiel aus Vergangenheit und Gegenwart hält Rietzschel die Spannung für die Leser hoch und gewährt einen aufklärerischen Blick in die Zeiten eines nicht mehr existenten Staates sowie der Folgen der ostwestdeutschen Vereinigung. Mit seinem von zumeist knappen Sätzen dominierten, lakonischen Stil findet der 1994 in Räckelwitz geborene und in Görlitz lebende Schriftsteller den richtigen Ton für seinen nachdenklich stimmenden Plot, die raue Landschaft der Lausitz („Nichts von der Natur Geformtes, Nichts, das sanft in die Landschaft geraten war. Über den Deutschbaselitzer Großteich zum beispiel erzählten sich die Bewohner des Dorfes die Geschichte, dass der Teufel ihn gegraben hätte.“), oder das distanzierte, aber auch liebevolle Verhältnis von Jan zu seinem Vater.

Mit Bravour gemeistert

In seiner Vorstellung betrachtete Jan seine Eltern immer als Raumfahrer („Schwebten in einer Zwischenwelt, ihrem Ausgangspunkt entrissen. Während sie sie schwebten, hatte sich die Welt schon ein Dutzend Mai weitergedreht.“). Am Ende des Romans weiß auch Jan, dass Raumfahrer irgendwann auf die Erde zurückkehren und mit der harten Realität konfrontiert werden. Nach seinem 2018 erschienenen, für den Aspekte-Literaturpreis nominierten und den Gellert-Preis gewonnenen Erfolgs-Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“, hat Lukas Rietzschel die schwierige Hürde des Zweitwerks mit Bravour gemeistert. Ein Roman, der heftig auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis vermisst wird.

Lukas Rietzschel: „Raumfahrer“, dtv, Hardcover, 288 Seiten, 978-3-423-28295-6, 22 Euro. (Beitragsbild von Christine Fenzl)

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