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6. September 2026Wiederveröffentlichung als Taschenbuch: Peter Kempers liebevolle und kenntnisreiche Erzählung des privaten wie musikalischen Lebens der Jazz-Ikone John Coltrane
John Coltrane ist einer jener Musiker, der sehr weit- aber nie angekommen ist, weil Ankommen für ihn nie eine Option war. Ihm, einem der Säulenheiligen des Jazz, ging es stets um die Suche, um den Kampf gegen die Imitationen und Limitationen, um das Wegradieren von Grenzen und letztlich um die Auflösung von Musik und Geist im und die Verschmelzung mit dem Universum. Als Musiker war er mit diesem Ansatz so weit draußen, wie vor und nach ihm nur sehr wenige – wenn überhaupt irgendjemand. Peter Kemper, Musikkritiker und Autor zahlreicher herausragender Musikerbiografien – unter anderem über Eric Clapton und John Lennon –, hat sich nun dieser Jahrhundertgestalt des Jazz angenommen. Dass er diese Musik versteht und ganz wunderbar über sie schreiben kann, hat Kemper bereits mit seinem Buch „The Sound Of Rebellion“ eindrucksvoll bewiesen. Mit „John Coltrane – Biographie einer Jazz-Ikone“ legt er nun ein Werk vor, das Mensch und Musik gleichermaßen nahekommt.
John Coltrane und das Hadern
Kemper erzählt chronologisch. Und gerade darin liegt eine der großen Stärken dieses Buches. Wir erleben Coltrane nicht als fertige Ikone, sondern begleiten ihn von den Anfängen an: durch die mitunter beschwerliche Karriere, die ersten wichtigen Stationen und Erfolge, die herben Niederschläge, die Begegnungen mit großen Musikern und Wegbegleitern und die ständige Suche nach dem nächsten musikalischen Ausdruck. John Coltrane bleibt dabei stets ein Getriebener. Einer, der sich selbst nie genügt, der zweifelt, hadert und immer weiterwill.
Gespräche mit und über Coltrane
Kemper gelingt es, diese Entwicklung hautnah erfahrbar zu machen. Plötzlich sitzt man mit im Studio, wenn Coltrane als Sideman bei Miles Davis an „Kind Of Blue“, diesem Jahrhundertalbum, beteiligt ist (obwohl er da schon mit mindestens einem Bein in der eigenen Karriere stand und in anderen Sounds dachte und spielte). Man ist dabei, wenn er Duke Ellington begegnet, taucht ein in die verschwitzten Jazzkeller Amerikas und bekommt ein Gefühl dafür, wie diese Musik damals geklungen, gerochen und gelebt haben muss. Weggefährten wie Eric Dolphy oder Cannonball Adderley treten aus dem Schatten der Legende und werden zu eigenständigen Figuren in einer Epoche, die ohnehin reich an starken Charakteren und begnadeten Musikern war.
Spürbare Bewunderung
Besonders beeindruckend ist, wie Kemper Coltranes Sonderstellung innerhalb dieser außergewöhnlichen Jazzlandschaft herausarbeitet. Seine Entwicklung vom Sideman zum Bandleader, vom Hard Bop über die modalen Klangwelten bis hin zu den radikaleren Formen seines Spätwerks erscheint bei Kemper nicht als geradliniger Triumphzug, sondern als ein oft mühsamer, von Selbstzweifeln begleiteter Weg. Dazu kommen begeisterte, mitreißende Beschreibungen der Musik, die einen immer wieder unmittelbar ins Geschehen ziehen. Kemper schreibt über Musik mit einer spürbaren Bewunderung. Und die zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien sind mehr als schmückendes Beiwerk: Sie verleihen dieser Reise durch Coltranes Leben und eine ganze Ära des Jazz zusätzliche Atmosphäre.
Am Ende bleibt vor allem das Bild eines Menschen, der seine eigene Musik niemals als abgeschlossen betrachtete. John Coltrane war ständig auf der Suche – nach neuen Klängen, neuen Ausdrucksmöglichkeiten, vielleicht auch nach sich selbst. Peter Kemper macht diese Suche nachvollziehbar und zeigt dabei gleichermaßen die Ikone wie den zweifelnden, arbeitenden, lernenden und immer wieder über sich hinauswachsenden Musiker. Toll!
Peter Kemper: „John Coltrane“, Reclam, Taschenbuch, 232 Seiten, 978-3-15-020813-7, 14 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)





